Rhythmus in der Stadt beim Aktionstag „Tübingen tanzt“
„Tübingen tanzt“ brachte am Samstag Schwung in die Altstadt. Bei Auftritten und Workshops tanzten hunderte von Tübingerinnen – und vereinzelt auch ein Tübinger.
Tübingen. Acht Tübinger Tanzschulen und -Vereine hatten die Aktion gemeinsam mit dem örtlichen Handel- und Gewerbeverein umgesetzt. „Tübingen tanzt“ soll als Werbeplattform für die Tanzklassen funktionieren und die Neckarstadt ein wenig in Schwung bringen. Das klappte am Samstag ganz anständig: Hunderte von Tübingern verfolgten die Aufführungen an acht verschiedenen Orten in der Altstadt. Auch zahlreiche Workshops waren gut besucht.
Viele Schulen versuchten, mit aktuellen Trends beim Publikum zu punkten. So zeigte die Tanzschule Olaf S. vornehmlich ihr Programm für junge Leute – „Videoclip-Dancing“, Breakdance und auch die Trendsportart „Pole Fitness“: Hier wurde sportlich an einer senkrechten Stange getanzt. „Ein gutes und anstrengendes Workout, aber natürlich spielt da auch viel Erotik mit rein“, sagte Inhaber Olaf Solzin.
Richtig begeistert war Ballettlehrerin Elvira Ciechoradzki von der Aktion: „Das können wir im nächsten Jahr gerne wieder machen, unsere Schüler sehnen sich nach jeder Gelegenheit aufzutreten.“ Auch Marco Wehr vom Studio Danzon freute sich über ein volles Haus: „Schön, aber nicht einfach – schließlich stecken wir gerade in den Proben fürs aktuelle LTT-Stück ‚Aladdin‘.“
Neben den Schulen riefen sich bei „Tübingen tanzt“ auch zwei Tanzclubs in Erinnerung: Die „Stoke Boat Promenaders“ hatten die Collegiumsgasse reserviert, um unter viel Applaus bis in den Abend hinein für ihren geliebten Square Dance zu werben. Am Kelternplatz zeigte der Tanz-Turnier-Club Rot-Gold Tübingen sein Angebot von Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen. „Es liegt wieder im Trend, sich schick zu machen und einen Gesellschaftstanz aufs Parkett zu legen“, sagte TTC-Pressereferent Sven Kalbhenn. „Für unseren Geschmack müssen nur noch mehr Männer die Lust am Tanzen in sich entdecken.“
Das war der Tenor fast aller Fachleute am Samstag: Auf deutschen Tanzflächen fehlen die Kerle. „Auch Jungs sind Tanzmuffel“, sagte etwa Olaf Solzin. „Gott sei Dank gibt es Solo-Programme wie Videoclip-Dancing, sonst stünden viele tanzbegeisterte Mädchen ganz im Regen.“ Im TTC Rot-Gold gibt es gar reine Standard-Frauenkurse: „Das sind nette Damen, die einfach keinen Tanzpartner finden“, so Kalbhenn. Beim Ballett sieht es noch magerer aus: „In Russland sind Jungs beim Ballett ganz selbstverständlich“, berichtete Stefanie Gottwald, Inhaberin der „Go Dance“-Tanzschule. „Hierzulande gibt’s da eine Hemmschwelle.“
Tübingen tanzte, einen ganzen Samstagnachmittag lang: Die Stoke-Boat-Promenaders hatten die Collegiumsgasse für ihren Square-Dance reserviert.Faden
So tanzten auch vor der Bühne von „Leilas Atelier“ und „Tango Charisma“ am Zinser-Dreieck beinahe nur Frauen zu den treibenden Trommelrhythmen der Gruppe Chucrute com Banana. Die Tänzerinnen waren besonders angetan: Selbst auf der Verkehrsinsel vor dem Uhlandbad drängelten sich tanzbegeisterte Tübingerinnen.
Nach einem solchen Erfolg von „Tübingen tanzt“ hatte es lange nicht ausgesehen: Als es gegen Mittag in Strömen regnete, trotzte allein das Stepptanz-Ensemble der Rainbow Dance Factory der Schafskälte. „Wir sind hart im Nehmen“, sagte Dance-Factory-Chefin Hazelle Kurig in einer Regenpause. „Auch unser Rekordversuch bei den vergangenen Jazz- und Klassiktagen fand ja im Regen statt – und hat gut geklappt.“
Andere frühe Auftritte fielen buchstäblich ins Wasser: Der Nachwuchs der Tanzschule „Go Dance“ kam am Samstag gar nicht zum Zug: „24 Schwäne, 14 Blumen und 10 Schmetterlinge standen bei uns schon bereit. Die Kinder waren nach der Absage natürlich recht enttäuscht“, so Gottwald. Am sonnigen Nachmittag zeigten die älteren „Go Dance“-Schülerinnen auf dem Rosenfest ihr Können: Modern Dance und HipHop vor rund 300 Zuschauern.
Für das zweite Ereignis des Tages, die „Singende und klingende Innenstadt“, war es schon zu spät. Das Projekt der Musikschule Tübingen mit hunderten von singenden Kindern und vielen Bands war im Regen nicht möglich: „Das ist in 30 Jahren noch nie passiert und natürlich für die Kinder sehr schade“, sagte Musikschulleiterin Annette Tinius-Elze.
Bis 22 Uhr hatten viele Geschäfte in der „langen Einkaufsnacht“ geöffnet. Doch zum Bummeln und Stöbern war es vielen zu kalt. „Es lief durchwachsen“, sagte Hans-Peter Schwarz, Vorsitzender des Handel- und Gewerbevereins. Sehr gut sei es bei Zinser gewesen, besser gar als in der Einkaufsnacht vor einem Jahr während des Bücherfestes. „Viele kleinere, Inhaber-geführte Geschäfte außerhalb der 1a-Einkaufslage haben flexibel reagiert und wegen des ungastlichen Abends dann doch früher zugemacht“, so Schwarz.