Der Pfauen, eine der populärsten Tübinger Altstadtkneipen, ist seit Sonntag geschlossen. Dem Wirt Uli Neu, der beim Bundesverfassungsgericht eine Einschränkung des Rauchverbots erwirkte, wurde wegen Mietschulden gekündigt.
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Ulrike Pfeil
Ungewohntes Bild in der Kornhausstraße: Seit Sonntag hat der Tübinger Pfauen geschlossen. Tische und Stühle vom Straßencafé bleiben sauber aufgestapelt stehen.Sommer
Tübingen. Vor genau einem Jahr war Uli Neu der Held der deutschen Kneipenwirte. Medienleute drängten sich in der kleinen Tübinger Wirtschaft in der Kornhausstraße, um über den Kneipier zu berichten, der gegen das Rauchverbot bis vor das Bundesverfassungsgericht zog und in Karlsruhe Recht bekam: Das absolute Rauchverbot wurde für Einraum-Kneipen von weniger als 75 Quadratmetern eingeschränkt – allerdings unter bestimmten Voraussetzungen.
Ungewohntes Bild in der Kornhausstraße: Seit Sonntag hat der Tübinger Pfauen geschlossen. Tische und Stühle vom Straßencafé bleiben sauber aufgestapelt stehen.Sommer
„Ich sehe jetzt keine Wand vor mir, sondern einen Weg“, sagte der Pfauen-Wirt damals. Er hatte das Rauchverbot für dramatische Umsatz-Einbußen in seiner „typischen Raucherkneipe“ verantwortlich gemacht. Doch die erhoffte Wende blieb anscheinend aus. Nachdem Neu die monatliche Pacht für das Lokal wiederholt schuldig geblieben war, kündigten ihm die damaligen Besitzer, eine Eigentümergemeinschaft, bereits zum Ende des vergangenen Jahres.
Neu, dessen Pachtvertrag noch bis 2013 gelaufen wäre, schob die Wirksamkeit der Kündigung durch eine Klage hinaus. Vom Landgericht Tübingen wurde die Kündigung im Mai dieses Jahres jedoch aufgrund der fortgesetzten Pacht-Rückstände für rechtens erklärt.
Im Oktober 2008 wurde das Haus, in dem sich der Pfauen befindet, verkauft; zu diesem Zeitpunkt war die Kündigung bereits ausgesprochen. Der neue Eigentümer Robert Frunder ist selbst in der Tübinger Gastronomie tätig. Der Mittdreißiger besitzt seit ein paar Jahren die Tangente Night in der Pfleghofstraße und hat eine Zeitlang auch schon die Tübinger Kelter betrieben.
Uli Neu war gestern nicht zu erreichen, nachdem er am Vormittag den Pfauen an seinen Eigentümer übergeben hatte. Am Samstag hatte er für seine Stammkunden in der Kneipe das letzte Mal ausgeschenkt. Der 51-jährige gelernte Koch mit einem großen Bekanntenkreis war seit fast 25 Jahren Pächter des Pfauen, nachdem er in der „Deutschen Weinstube“, im „Alten Simpl“ und in der „Krummen Brücke“ tätig gewesen war. Neu betrieb das Lokal, das er schon als Schüler gern besucht hatte, als eine „wirtsbezogene“ Kneipe. Das bunt gemischte Publikum ging „zum Uli“, mit Stammgästen fuhr er in den Urlaub.
In der Vergangenheit engagierte sich Neu auch für gastronomische Innovationen in Tübingen. Er war Gründungs-Vorstandsmitglied der Gastronomen-Vereinigung Tü-Gast, machte Maultaschen und Rote Wurst in der französischen Partnerstadt Aix-en-Provence populär, gehörte zu den ersten Wirten der „Sommerinsel“, kämpfte für die Freisitz-Erlaubnis vor Altstadtkneipen, als die Stadtverwaltung diese noch höchst zurückhaltend vergab. 2003 ließ er seiner 150 Jahre alte Kneipe von der Gasthaus-Gestalterin Renate Rapp ein helles, modernes Image verpassen. Doch allen Erneuerungsversuchen zum Trotz ging der Getränke-Umsatz zurück und brach nach dem Rauchverbot um weitere 30 Prozent ein. Der neue Hauseigentümer Robert Frunder wollte sich gestern zum Pfauen und zur Zukunft des Hauses nicht äußern. Sein Anwalt
Ingo Friedrich sagte jedoch, dass Neu einen „erheblichen Schuldenberg“ angehäuft habe und dass neben den Hausbesitzern auch andere Gläubiger mit ihm offene Rechnungen hätten. Frunder habe ihm angeboten, das Lokal trotz der Kündigung noch für einige Zeit zu „dulden“, wenn er die Miete bezahle. Er habe aber vereinbarte Termine stets abgeblasen. „Es kam zu keinem konstruktiven Gespräch“, sagt Friedrich. Nach weiteren Pacht-Rückständen habe Neu eine Räumungsklage akzeptiert.
Das Niveau der Pachtpreise gerade für kleine Tübinger Kneipen war in den letzten Jahren wiederholt Gegenstand der Kritik. Friedrich nennt für den Pfauen keinen konkreten Betrag; nach seinen Angaben lag die Pacht „im durchschnittlichen Bereich“.
Der Pfauen, versichert Friedrich, werde als Lokal „natürlich weiterbetrieben“. Ob von Frunder selbst oder einem anderen Pächter, sei aber noch nicht entschieden. In der Nachbarschaft des Pfauen erzählt man sich, der neue Besitzer wolle das ganze Gebäude in ein Boarding House (Frühstückspension) umwandeln. Von solchen Plänen, sagt der Anwalt, habe er „keine Kenntnis“. Aus den Klingelschildern an der Haustür ist zu schließen, dass noch mindestens zehn Leute in den Wohnungen über der Kneipe logieren, die an Wohngemeinschaften vermietet sind.