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Schwarzfahrer mit Teillicht

Radler fahren lampenlos im Straßenverkehr

Wenn zwei Männer aufmerksam die Straße beobachten und Notizen machen, dann fühlt sich jeder Vorbeikommende gleich als Verkehrssünder. Dabei musste bei der kleine Zählaktion am Mittwochabend niemand ein Bußgeld befürchten.

Ulla Steuernagel
Rolf Bauer (links) und Christoph Lederle (rechts) prüfen den Zustand der Radlampen. Wer von beiden ... Rolf Bauer (links) und Christoph Lederle (rechts) prüfen den Zustand der Radlampen. Wer von beiden wird mit seiner Prognose Recht behalten? Bild: Metz

Tübingen. Die Leserbriefe klangen kontroverser als die beiden Männer dahinter. Rolf Bauer, ein pensionierter Polizeibeamter aus Lustnau, zeigte keine Spur von Kampfesgeist, als er am Mittwochabend gegen Christoph Lederle in den Ring stieg – oder mit der Wucht seiner „80 Prozent“ auf die Neckarbrücke trat. So viele Radler seien ohne Licht unterwegs, hatte er behauptet. Und er hatte noch eins draufgesetzt, in diesem Zustand überführen sie meist auch noch rote Ampeln.

Lederle konterte, das sei maßlos übertrieben. Doch wer jetzt einen erbitterten Wettkampf zwischen den Kontrahenten erwartet hätte, wurde enttäuscht. Noch bevor die Leserbrief-Duellanten bei ihrem Zusammentreffen unter TAGBLATT-Aufsicht ihre spitzen Stifte hätten ziehen können, versicherte Bauer, er sei ganz und gar nicht beleidigt, wenn die Zählung zu seinen Ungunsten ausgehe.

Keinem von beiden kam es aufs Rechthaben an. Bauer sagte einfach nur: „Jeder ist zu viel.“ Womit er die „ohne“ meinte. Und dann gestand der 78-Jährige, dass er eigentlich selber zur Fraktion der Radler gehöre. Bis vor kurzem sei er viel Fahrrad gefahren, wegen körperlicher Beschwerden nun aber vor allem zu Fuß und mit dem Bus unterwegs.

Lederle ist Lehrer, 41 Jahre alt, und als örtlicher ADFC-Vorsitzender ein passionierter Radfahrer. Morgens um 7 Uhr begibt er sich von Hirschau aus auf den Weg nach Derendingen. 14 Kilometer kommen bei ihm auf diese Weise täglich zusammen – und eine Erfahrung, dass auf dieser Strecke fast „100 Prozent der Radler beleuchtet fahren“.

Die Neckarbrücke liegt fern von Hirschau und seinen mustergültigen Pendlern. Einen solchen Topwert erreicht man auf der Neckarbrücke nicht. Obwohl, und darin sind sich beide Zählparteien einig, um 19 Uhr der Prozentsatz der Gutbeleuchteten sicher höher liegt als ein paar Stunden später oder früh am Morgen vor der Schule.

Schüler und Studenten neigten am stärksten dazu, ohne Licht loszudüsen. „Ich fahre zwar auch mal ohne Helm“, sagt Lederle, „aber niemals ohne Licht.“ Umgekehrt lässt auch die Zählung nicht den Schluss zu, dass Helmträger unbedingt auch Lichthaber sind. ADFC-Mitglied Andreas Oehler, der sich zu der Gruppe gesellt, wundert sich, wie viele Eltern darauf bestehen, dass ihre Kinder einen Helm tragen, während sie die Beleuchtung dagegen locker nähmen. Und wie viele Mountainbiker zwar ihren Kopf schützen, aber ohne Licht gleich Kopf und Kragen riskierten.

Wenn die Batterie schlappmacht

 

Die kritischsten Situationen entstünden noch immer, wenn sich zwei Radfahrer ohne Licht begegnen oder ein Radfahrer für Fußgänger nicht sichtbar ist. Autoscheinwerfer bringen wenigstens noch die Reflektoren zum Leuchten, so sind die Radler nicht komplett umnachtet.

Einen Schwachpunkt bilden auch die Batterielampen. Sie werden nämlich oft vergessen, geklaut oder machen manchmal mitten auf der Strecke schlapp. Vor allem im Winter, wenn die Kälte die Batterien angreift, kann es zu bösen Überraschungen kommen.

Radlichter sind mittlerweile sehr vielfältig unterwegs: von den starken LED-Leuchten, die bläulich scheinen, bis zu den sattgelben Funzeln, die eher zum Martins-Laternenlauf als auf die Straße passen.

Manche Radler finden sich auch mit einem Licht vorne oder hinten genügend abgesichert. Solche Halb-Schwarzfahrer fallen bei der Zählung in die Kategorie „ohne“. „Der gute Wille ist zwar erkennbar“, so Oehler, die Beleuchtung aber dennoch nicht ausreichend. Also halbe Beleuchtung bedeutet „ohne“ und nur ganze ist „mit“.

Nach zwanzig Minuten und neunzig Radfahrern steht das Ergebnis fest, das in der „mit“-Kategorie unbedingt überboten werden sollte: Ohne Licht waren 32 und mit 58 unterwegs. Das macht 36 zu 64 Prozent. Bauer gegen Lederle endet also mit einem Punkt für Lederle, aber dennoch einig.

Infos zu und Check der Radlampen

Am heutigen Samstag zwischen 10 und 14 Uhr gibt der ADFC (Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club) auf dem Tübinger Holzmarkt Informationen zur Radbeleuchtung, insbesondere zum Nabendynamo, der mittlerweile schon unter 50 Euro angeboten wird und sich durch lange Laufzeiten auszeichnet. Wer seine defekte Lampe nicht selber reparieren kann, kann sein Rad zum kostenlosen Check mitbringen.

14.11.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 14.11.2009 - 09:06 Uhr
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