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Ract-Rocker und Rudelgucker

Rund 150 Fußballfreunde verfolgten am Freitag das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft im WM-Park am Anlagensee. Kurze Zeit später tobten knapp 8000 Jugendliche auf dem Ract-Festival zur Musik ihrer Lieblingsbands im Exil an der Wilhelmstraße.

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Sicherlich: Die Anwohner am Anlagensee dürfte der ruhige Freitag- und auch Samstagabend gefreut haben. Aber die Freunde des Ract-Spektakels fragen sich rückblickend umso mehr, warum sie für die Festival-Tage zum ersten Mal seit vier Jahren ins Univiertel ausweichen mussten.

Gewiss, auch das verschlankte Ract 2010 war ein voller Erfolg. In diesem Sinne hatte OB Boris Palmer recht, als er vor Monaten das Argument in die Debatte warf, das Popfestival könne an einen anderen Ort umziehen. Denn trotz aller Startschwierigkeiten haben es gut 200 Schüler und Studenten geschafft, dass das Herz der Tübinger Jugendkultur in Zeiten des drohenden WM-Infarktes weiterschlägt.

Doch die OP hat Narben hinterlassen, wenn auch nur kleine. Magische, sommerlaue Nächte am Anlagensee mit oft drei hochkarätigen Künstlern gleichzeitig – sie haben dem Ract in nur vier Jahren einen legendären Ruf weit über die Stadtgrenzen hinaus beschert. Dieser Ruf hat bislang jedes Jahr 300 junge Menschen dazu motiviert, freiwillig Hand anzulegen beim großen „Umsonst & Draußen“. Und er hilft ungemein, die Szene-Stars nach Tübingen zu locken, die das Ract-Festival unverwechselbar machen.

Das Ract 2010 war anders. Es war kleiner. Es bot nicht jedem etwas – nur den meisten der inzwischen hoch differenzierten Jugendkulturen. Baulich war es nicht anders zu regeln, dass sich die Musik von den Bühnen lärmend überschnitt. Und schließlich: Ein Parkplatz ist kein Park, das merken auch ganz zähe Rockfans. Und doch bleibt das Tübinger Ract-Festival ein kleines Wunder: Junge Menschen, die zum Teil noch nicht einmal wählen dürfen, stellen ein nahrhaftes Kulturangebot für Zehntausende zusammen. Das verdient allen Respekt.

So hartnäckig sie das Festival jedoch selbst im Jahr 2010 verwirklicht haben – das Ract bleibt ein zerbrechliches Gebilde. Es ist auf Verlässlichkeit von Außen angewiesen. Ein guter Teil der diesjährigen Schüler und Studenten wird schon im nächsten Jahr nicht mehr zur Verfügung stehen. Den prestigeträchtigen Rahmen des Anlagensees konnte die Notlösung Wilhelmstraße so nicht bieten. Der Zoff um den Veranstaltungsort hat Mut, Energie und Zeit gefressen – und ging zwangsläufig auf Kosten anderer Initiativen.

Die erste Wut richtete sich vor allem gegen die Stadt selbst – die nach Angaben einiger Ract-Macher im Vorfeld inzwischen so manches wieder gut gemacht hat. Frustriert wurde auch der namenlose Fußballfan zum Watschenmann: Weil doch am Anfang aller Querelen das „Public Viewing“-Projekt stand.

Solch grundsätzlicher Groll aufs Rudelgucken der Fans ist allemal albern. Stattdessen brauchen die Ract-Macher verbindliche Ansagen für die Zukunft. Niemand kann ein Festival wollen, das immer mal wieder, aber nie wirklich sicher dem Bezahlfernsehen im Stadtpark weichen muss. So würde ein Stück Jugendkultur aufs Spiel gesetzt, das nicht nur in Baden-Württemberg seinesgleichen sucht.

Eike Freese

14.06.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 14.06.2010 - 11:28 Uhr

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