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Die Leichtigkeit des Weglassens

Puristische Kiste: In Immenhausen richtete sich das Ehepaar Selbmann für die Lebenszeit nach der Familie ein

Das strenge, klare Flachdach-Haus am Rand von Immenhausen sorgt für Be- und Verwunderung: Toll – doch gehört sowas ins Dorf? Aber ja, sagen die Bewohner Ursula und Bernd Selbmann. Das sah auch eine Jury der Architektenkammer so. Sie zeichnete das Haus kürzlich als „Beispielhaften Bau" aus.

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Immenhausen.Diesem Haus ging ein Entschluss voran, und eine große Entschiedenheit spiegelt sich auch in der Architektur. Nachdem die drei erwachsenen Kinder zum Studium ausgezogen waren, wollte ein Ehepaar mit einem neuen Haus bewusst eine neue Lebensphase beginnen. Ballast abwerfen, sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Alles verstaut: Die Flure (hier im Erdgeschoss) sind von Einbauschränken mit glattweißen Türen flankiert (rechts). Dahinter verschwinden auch die Sanitärräume. Im Hintergrund die Küchenzeile. Bild: Sommer Alles verstaut: Die Flure (hier im Erdgeschoss) sind von Einbauschränken mit glattweißen Türen flankiert (rechts). Dahinter verschwinden auch die Sanitärräume. Im Hintergrund die Küchenzeile. Bild: Sommer

Das Wesentliche, was man unbedingt zum Leben braucht, befindet sich jetzt in einer zweigeschossigen „Kiste", die an drei Seiten mit Holzbrettern verkleidet, nach Süden zur Schwäbischen Alb hin aber vollkommen verglast ist. Zwei Ebenen, durch eine offene Treppe verbunden. Räume, die türenlos ineinander übergehen. Das Mobiliar auf das Nötigste reduziert. Wohnen in purer Form, im unverstellten Raum. Weiß, Grautöne, Holz, sonst keine Farben. Äußerst einfach, aber solide und anspruchsvoll in der Haltung, der Materialwahl und der Ausführung.

Unverstelltes Wohnzimmer: Bernd und Ursula Selbmann am Essplatz. Der dunkle, filzbespannte Raumteiler im Hintergrund kann zu einer Trennwand ausgefahren werden und bildet bei Bedarf ein abgeschlossenes Zimmer. Im Obergeschoss setzt eine ebenso bewegliche Wand das gemeinsame Arbeitsatelier vom Schlafraum ab. Bild: Sommer Unverstelltes Wohnzimmer: Bernd und Ursula Selbmann am Essplatz. Der dunkle, filzbespannte Raumteiler im Hintergrund kann zu einer Trennwand ausgefahren werden und bildet bei Bedarf ein abgeschlossenes Zimmer. Im Obergeschoss setzt eine ebenso bewegliche Wand das gemeinsame Arbeitsatelier vom Schlafraum ab. Bild: Sommer

Mit der Familie lebten Ursula und Bernd Selbmann in einem Haus in Nürtingen. Bernd Selbmann ist Architekt im Landesdienst. Früher pendelte er nach Stuttgart, seit 2001 nach Tübingen, wo er das Landesamt für Vermögen und Bau leitet (früher: Uni-Bauamt). Als die Suche nach einem erschwinglichen Grundstück in Tübingen vergeblich war, wurden die Selbmanns im Neubaugebiet „Hinter der Kirche" in Immenhausen fündig, in schöner Lage, nicht zu weit von der Stadt.

Schlank und leicht ist das Haus Selbmann am Rauwiesenweg in Immenhausen (im Vordergrund das Metallgestänge des Carports). Die mittleren Fensterscheiben der Südfront lassen sich zur Seite schieben und öffnen die Räume wandhoch ins Freie. Die Fassade ist an drei Seiten von weißen Plexiglas-Sonnenblenden gerahmt; sie umschließen ein vorgelagertes Stahlgerüst mit einem schmalen Putzbalkon und automatischen Rollmarkisen.Bild: Sommer Schlank und leicht ist das Haus Selbmann am Rauwiesenweg in Immenhausen (im Vordergrund das Metallgestänge des Carports). Die mittleren Fensterscheiben der Südfront lassen sich zur Seite schieben und öffnen die Räume wandhoch ins Freie. Die Fassade ist an drei Seiten von weißen Plexiglas-Sonnenblenden gerahmt; sie umschließen ein vorgelagertes Stahlgerüst mit einem schmalen Putzbalkon und automatischen Rollmarkisen.Bild: Sommer

Das Haus ist ein Entwurf von Selbmann-Sohn Sebastian und dessen Freundin Daniela Walz; beide sind fortgeschrittene Architekturstudenten in Karlsruhe. Für das Flachdach war eine Befreiung von den Auflagen des Bebauungsplan nötig. Da es begrünt ist, war sie aber nicht zu versagen. Dafür verbraucht das kompakte Haus weniger als die zulässige Fläche: Es ist 13 Meter lang, 7,20 Meter tief.

Was das Haus mit dem Dorf verbindet, erkennt man erst auf den zweiten Blick: Da ist zum einen die traditionelle, handwerkliche Bauweise: Zimmermannskunst von der Alb, der heimische Baustoff Holz (Weißtanne). Bernd Selbmann gerät geradezu ins Schwärmen über die hervorragenden Holz-Fassadenbauer aus Meßstetten.

Ein Drittel der Dinge wurde entsorgt

Ursula Selbmann, Sozialpädagogin und ausgebildete Künstlerin, hat in einer Serie von Fotomontagen elementare Formen, Farben, Materialien zusammengetragen, die im alten Ortskern von Immenhausen vorzufinden sind, aber eben auch an ihrem modernen Haus: Lattenzaun und Holzverkleidung, Sprossenfenster und Streben, Blickbeziehungen, Schattenwürfe. Die Bilder, einziger Wandschmuck im Wohnraum, bezeugen auch die Beziehung, welche die Zugezogenen zum Ort aufgenommen haben.

In diesem Haus steht und liegt nichts einfach so herum. Alles ist durchdacht. Ordnung und Reduktion sind hier Grundlagen der Raumwirkung, die Empfindungen wie Ruhe und Freiheit auslöst. Und eine gewisse Leichtigkeit des Seins.

„Zwei Drittel" hieß das Motto des Projekts: Von mindestens einem Drittel ihrer Besitztümer wollten sich die Bauherren vor dem Umzug trennen. Es waren großenteils die Dinge, die aus der Kindheit der Kinder übrig waren. Legosteine, Skiausrüstungen, Kleider wurden verschenkt, aber auch viele Bücher entsorgt. Und 6000 Dias.

Das Haus strahlt eine radikale Einfachheit aus: Die Fußböden (unter denen sich die Heizung versteckt) sind aus geschliffenem Zement-Estrich – glatt, grau und sehr pflegeleicht. Kabelwirrwarr gibt es nicht: Steckdosen, die in den Fußboden eingelassen sind, ermöglichen bei Bedarf „mobiles Mobiliar". Man kann mitten im Raum den PC anschließen, oder den Fernseher, der auf einem niedrigen Bord mit Rollen steht.

„Wir haben fast alles, was man sonst auch hat", sagt da der Hausherr verschmitzt und präsentiert, wo das alles verschwindet: nämlich in zwei Schrankwänden an der Nordseite der Flure, die hinter den Wohnräumen verlaufen und außerdem über Türen und Fenster an beiden Enden Licht bekommen und Durchblick bieten. Diese Schrankwände sind so glatt und weiß, dass man sie zunächst als Wand wahrnimmt. Beim Öffnen der Türen (ein Griff in die Ritze) wird das Innere automatisch beleuchtet, wie beim Kühlschrank.

Es befinden sich in diesen ausgebauten „Schränken" von einem Meter Tiefe nicht nur Kleider, Lebensmittelvorräte, Küchenutensilien, Putzmittel, Ordner, das Materialmagazin der Künstlerin. Sie bergen auch eine Gästetoilette, Waschmaschine und Trockner, Heizungstechnik. Das Haus hat keinen Keller, keinen weiteren Stauraum. Geheizt wird mit Pellets; der unterirdische Tank ist im Freien zugänglich.

Im Schrank stecken im Obergeschoss auch die privaten Sanitärräume. Mit einem famosen Trick wird hier die mit wasserfestem Kalkmarmorputz ausgekleidete Dusch-Nasszelle bei Benutzung erweitert: Zwei Schranktüren klappen in den Flur auf und bilden, von Magneten an der Decke im rechten Winkel gehalten, mit der gegenüberliegenden Treppenhauswand aus Milchglas einen neuen provisorischen Raum. Platz genug zum Duschen und Sich-Abtrocknen. Handtuchhalter sind in der Tür integriert, ein Oberlicht sorgt für Dampfabzug. Fertig, Türen zu, Flur frei, Dusche weg.

Der Text hinter dem Schalungsrhythmus

„Es ist ein Haus für zwei, die sich verstehen", sagt Bernd Selbmann. Und es hat, bei aller Disziplin und Klarheit, auch sehr persönliche Züge und Bezüge. Selbst der Rhythmus der unterschiedlich breiten Bretter der Fassadenverkleidung ist nicht zufällig, sondern gehorcht einem Subtext: Er wird bestimmt von der Reihenfolge und Häufigkeit der Initialen des Ehepaars, U-B-S, in einer Zen-Meditation über „Die wunderbare Katze".

Ob dieses Wissen dem Nachbarn im Norden den Blick auf eine fensterlose hölzerne Wand verschönt, ist eine andere Sache. Kritik und Aufgeregtheit über ihr „merkwürdiges Haus" bekamen die Selbmanns schon von Spaziergängern und Radlern zu hören – aber ebenso viel positives Erstaunen, „dass sowas auf dem Land möglich ist". Sie genießen die Nähe zu Landschaft, Wetter und Landwirtschaft durch die großen Fensterscheiben. „Man lebt in der Natur", sagt Ursula Selbmann. In diesem Sommer hatten sie gar keine Lust, wegzufahren.

27.10.2011 - 15:35 Uhr | geändert: 28.10.2011 - 15:45 Uhr

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