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Ganz normale Ärzte

Psychiater erklärt die Verführbarkeit zum Bösen

Der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton fragt nach den Gründen der Pervertierung ärztlicher Standesethik in der NS-Zeit. Darüber drehte Wolfgang Richter mit Hannes Karnick einen Dokumentarfilm, der im Arsenal gezeigt wird.

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Hans-Joachim Lang

Für Hitler hatte die Gleichschaltung der Ärzte große Bedeutung. Sie sollten die „nordische Rasse“ auf biologische Weise reinigen. „Die Ärzteschaft war die am meisten nazifizierte Berufsgruppe in Deutschland“, sagt der Darmstadter Filmemacher Wolfgang Richter im TAGBLATT-Gespräch. Mit seinem Partner Hannes Karnick hat er einen ungewöhnlichen, von der Kritik hoch gelobten Film über den amerikanischen Psychiater Robert Jay Lifton gedreht, der sich seit Jahrzehnten mit der Frage beschäftigt, warum Menschen zum Massenmord und zu extremer Grausamkeit fähig sind.

Filmemacher Wolfgang Richter kam zum Start seines Films ins Arsenal.  Bild: Metz Filmemacher Wolfgang Richter kam zum Start seines Films ins Arsenal. Bild: Metz

„Das ist ein sehr reduzierter Film“, kommentiert Richter die Machart, als fürchte er die Ignoranz einer bilderüberfluteten Welt. Fast eineinhalb Stunden ist der 83-jährige Lifton Leinwand füllend präsent, von einer nahezu statischen Kamera ins Bild gerückt. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die Person, die sonore Stimme und die erzählerische Begabung des Wissenschaftlers, der vor 30 Jahren in Deutschland ehemalige KZ-Ärzte und in vielen anderen Ländern der Welt überlebende Opfer dieser Peiniger interviewt hat.

Lifton berichtet in dem Film auch von seinem Befremden, das er empfand, wenn er in deutschen Wohnzimmern mit Beteiligten eines mörderischen Unterfangens am Tisch saß und deren Lebensfreude auf ihn wirkte. „Ich fühlte, dass da etwas falsch gelaufen war“, gestand er seine Empfindungen im Bewusstsein des Leids, von dem die Opfer nach wie vor erfüllt waren. Er war nicht gekommen, um zu verurteilen, sondern um die menschliche Verführbarkeit zum Bösen zu erforschen. Empathie ja, Sympathie nein. Dass Lifton am Ende nicht den Erwartungen der Nazi-Ärzte entsprach in dem, worüber er Zeugnis ablegte, lag am Beitrag der überlebenden Opfer.

Der amerikanische Psychiater, den Richter und Karnick zeigen, sieht deutlich jünger aus als ein 83- Jähriger. Das liegt daran, dass die Dreharbeiten schon neun Jahre zurückliegen. Damals führten die beiden Darmstädter, über zwei Wochen verteilt, ein 15-stündiges Interview mit Robert Lifton in dessen Wohnung im Südosten Massachusetts.

Das ursprüngliche Konzept war ein anderes. „Man will als Filmemacher Bilder ausbreiten“, sagt Richter. Also war man auf der Suche nach historischen Filmausschnitten und Fotos, um die Zusammenhänge zu illustrieren, die Lifton in seinem berühmt gewordenen Buch „The Nazi Doctors“ (deutsch: „Ärzte im Dritten Reich“) entwickelt hat. „Nach zwei Jahren Arbeit haben wir den ganzen Schnitt weggeworfen und neu angefangen.“ Nun ohne illustrierendes Beiwerk, nur auf Lifton bezogen, dessen gepflegtes Oststaaten-Amerikanisch – zumal mit deutschen Untertiteln unterlegt – auch für Hiesige gut verständlich ist. „Wenn Ihr Euch auf die Bilder einlässt, die er durch seine Erzählweise in Euren Köpfen erzeugt“, so die Botschaft der Filmemacher an ihr Publikum, „dann habt Ihr mehr, als wenn wir Euch Bilder geliefert hätten, die immer die Bilder der Täter gewesen wären.“

Der amerikanische Psychiater saß, wie er im Film erzählt, bei seinen Begegnungen „ganz normalen Ärzten“ gegenüber, keinen Wahnsinnigen, keinen Monstern. Erstaunlicherweise war es im Dritten Reich dennoch gelungen, sie und ihresgleichen ans Morden zu gewöhnen. Wie konnte das nur funktionieren?

Subjektiv verloren selbst Mediziner, die in Konzentrationslagern Häftlinge grausamen Experimenten unterwarfen, nicht die Selbsteinschätzung, Ärzte im traditionellen Sinne zu sein. Für die Betroffenen dagegen war die Erfahrung, dass sie ausgerechnet von Ärzten gequält wurden, bestürzend und stellte alle Menschlichkeit grundsätzlich in Frage. Dass aber die Täter ihren Konflikt zwischen Heilen und Vernichten dennoch psychisch stabil durchlebten, erklärt der Psychoanalytiker Robert Jay Lifton mit einer Persönlichkeitsspaltung in ein „Heiler-Selbst“ und in ein „Mörder-Selbst“.

Ihr Interview komponierten Richter und Karnick zu einem spannenden Film. Zwischendurch wird verschiedene Male innegehalten: Blicke auf den Atlantik vor Liftons Haus sequenzieren den Erzählfluss, schaffen Ruhe. Es seien Pausen zum Durchatmen, betonten mehrere Beiträge aus dem Publikum, als nach dem Film noch Gelegenheit zum Meinungsaustausch mit Medizinethiker Prof. Urban Wiesing bestand.

Info

Der Dokumentarfilm „Wenn Ärzte töten“ läuft im Kino Arsenal bis einschließlich 5. Mai täglich um 18 Uhr.

30.04.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 30.04.2010 - 23:14 Uhr

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