Projekte stellen Tübinger Alpenverein vor Zerreißprobe
Eine Kletterhalle will der Tübinger Alpenverein auf dem Gelände des TSV Lustnau bauen. Doch das Projekt ist gefährdet: Das vereinseigene Haus im Montafon muss für 1,6 Millionen Euro saniert werden. Beide Projekte kann der Verein nicht stemmen.
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Angelika Bachmann
Tübingen. Klettern wird immer beliebter. Das kann man etwa an der Kletterwand der Paul-Horn-Arena beobachten (Bild unten), die die TSG in Kooperation mit der Tübinger Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) betreibt. Bei gutem Wetter treten sich dort Kletterer gegenseitig fast auf die Finger. Dem Tübinger Alpenverein beschert der Trendsport einen jährlichen Mitgliederzuwachs von vier Prozent.
Haus Matschwitz ist ein Sanierungsfall
Auch Karl Leonhardt, seit drei Jahren Vorsitzender des Alpenvereins, ist begeisterter Kletterer und hat das Amt mit dem Versprechen angetreten, in Tübingen den Bau einer Kletterhalle in die Wege zu leiten. So könnte auch winters und abends trainiert werden. Schließlich gehört die Kletterabteilung zu den aktivsten Gruppen im Verein. Es gibt Kurse, in denen bereits Fünfjährige lernen, wie sie Wände erklimmen und sich am Seil sichern. Es werden Klettertouren für Familien, Einsteiger, Fast-Profis und Freizeitsportler angeboten. Der älteste aktive Kletterer im Tübinger Verein ist 80 Jahre alt.
Fürs Indoor-Training fahren die Tübinger bislang jedoch nach Waldau bei Stuttgart, wo eine gigantische Kletterhalle steht. Geklettert wird auch im privat betriebenen Emka in Hirschau. Der Reutlinger Alpenverein eröffnet seine Halle vermutlich im Juni. Auch in Balingen entsteht derzeit ein Halle.
Trotzdem, so ist Leonhardt überzeugt, wäre auch in Tübingen Bedarf für eine Kletterhalle, zumal man sich auf eine Nische verlegen könnte, die von den anderen kaum bedient wird: das Bouldern. Darunter versteht man das freie Klettern ohne Seil in Absprunghöhe (bis fünf Meter), abgesichert durch Bodenmatten. Auch ein Bauplatz wäre nach langer Suche nun gefunden: Der TSV Lustnau wird Ende März darüber abstimmen, ob er ein Grundstück neben dem Stadion in der Bismarckstraße an den Alpenverein verkauft.
Doch seit Februar steht alles wieder in Frage. Denn die geschätzten 2 Millionen Euro Investitionskosten wollten die Tübinger über die vereinseigene Ski- und Wanderhütte Haus Matschwitz im Montafon mitfinanzieren. Jetzt stellte sich heraus, dass Haus Matschwitz selbst ein Sanierungsfall ist und dort mindestens 1,6 Millionen Euro investiert werden müssen.
Die Kletterhalle bauen? Haus Matschwitz sanieren oder aufgeben? Die Frage stellt den mitgliederstärksten Tübinger Verein vor eine „Zerreißprobe“, wie es Leonhardt formuliert. Einerseits drängt die 2009 gegründete Projektgruppe „Kletterhalle“ darauf, das Vorhaben weiterzuverfolgen. Andererseits sind die Kletterer mit etwa 1000 von 7000 Mitgliedern eben doch eine Minderheit im Verein. Und es gibt sehr viele Vereinsmitglieder, die sich einen Alpenverein ohne das Haus Matschwitz nicht vorstellen können.
Generationen von Tübingern haben im Skigebiet Golm an den Hängen rund um die Hütte das Skifahren gelernt und schwärmen heute noch vom Apfelstrudel der einstigen Hüttenwirtin Luise Tallafuß. Das Haus ist sommers wie winters gut besucht – eine gute Grundlage für die Pächterfamilie Amann, die auch die abgelegene Tübinger Hütte in einem südlicheren Seitental betreibt und von deren Saisongeschäft dort allein sicher nicht leben könnte.
Offenbar wurde der Sanierungsfall Matschwitz, durch Pläne, die Terrasse am Haus überdachen zu lassen. Bei der Inspektion durch einen Architekten stellte sich heraus, dass das Haus neue baurechtliche Auflagen nicht erfüllt. Dem Haus drohe im schlimmsten Fall der Entzug der Betriebserlaubnis. Die Küche muss verlagert, eine Lüftungsanlage eingebaut werden, Brandschutz und energetische Anforderungen müssen erfüllt werden. Die Baukosten schätzt der Architekt auf 1,6 bis 1,8 Millionen Euro.
Verkaufserlös für die Kletterhalle?
Teile des Vereins plädieren jetzt dafür, Haus Matschwitz aufzugeben und den Erlös in die Kletterhalle zu stecken. Das will der Vorstand bei der Mitgliederversammlung im Mai zur Diskussion stellen. Man habe aber auch Kontakt zur Bezirkshauptmannschaft in Bludenz aufgenommen, um herauszufinden, ob man die Sanierung strecken oder verschieben und so Haus Matschwitz dem Verein doch noch erhalten könnte. Beide Projekte zu stemmen – den Bau der Kletterhalle und die Sanierung von Haus Matschwitz – dazu, so Leonhardt, sei der Verein finanziell und personell wohl kaum in der Lage.