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Riesensprünge auf Federbeinen

Poweriser sind die neuesten Funsportgeräte – ein Selbstversuch

„Bescheuert“ finden die einen die metallenen Heuschreckenbeine und schütteln verständnislos den Kopf. Andere sagen bewundernd „cool“ und gucken ein bisschen neidisch hinterher, wenn wieder mal jemand auf Powerisern durch die Stadt rennt. Wir haben die bescheuerten Geräte getestet. Cool!

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Sabine Lohr

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Schuhgröße, Körpergröße, Gewicht – Uwe Sauerbrei will am Telefon Dinge von mir wissen, die man Fremde eigentlich nicht fragt. „Ich muss die Geräte halt vorher richtig einstellen“, sagt der Kirchentellinsfurter zur Begründung für seine distanzlosen Fragen. „Richtig einstellen“ hört sich gut an, es vermittelt ein bisschen Sicherheit. Wir sollen alles mitbringen, was schützt, sagt Sauerbrei.

Ellbogen-, Knie- und Handschoner ,„und auf jeden Fall einen Helm“. Schon ist es wieder weg, dieses kleine Gefühl von Sicherheit. Ich bin nicht sehr mutig. Außerdem gehöre ich zu denen, die Poweriser eher bescheuert als cool finden. Im Gegensatz zu meinem Sohn Till. Der ist zwölf und mutig und unbekümmert wie alle Zwölfjährigen. Also nehme ich ihn mit nach Kirchentellinsfurt.

Uwe Sauerbrei – dunkle Lockenmähne, Drei-Tage-Bart, freundliches Gesicht – hat dort einen Laden, die „Bogenwelt“. Er verkauft dort alles, was zum Bogenschießen gehört, bietet auch Kurse an und Trainingsstunden. Selber ist er auch Bogenschütze, ein ziemlich erfolgreicher sogar: Er hat schon Weltmeistertitel geholt, im Feldbogenschießen. Und er findet Bogenschießen „total verrückt“. Weil Poweriser auch verrückt seien, hat er sie mit in sein Sortiment aufgenommen. Zumal diese Federbeine in der Region sonst weit und breit nicht zu bekommen sind.

Ganz langsam wage ich an den Händen von Uwe Sauerbrei die ersten wackligen ... Ganz langsam wage ich an den Händen von Uwe Sauerbrei die ersten wackligen Heuschreckenbein-Schritte.

Das Bogenschießen allerdings hindert Sauerbrei zur Zeit daran, auf Powerisern rumzuhüpfen. „Die Verletzungsgefahr ist viel zu hoch, und zur Zeit laufen die Meisterschaften, da kann ich nicht ausfallen“, sagt er. Ich beschließe, diese Dinger nicht auszuprobieren.

Till setzt sich zum Anschnallen auf den Biertisch, der vor der Bogenwelt steht, und Sauerbrei gurtet ihm Kinder-Poweriser an die nackten Beine. Die Kindergeräte sind eigentlich zu klein für Till mit seinen 1,60 Meter, sie reichen gerade mal bis zur Wadenmitte. Aber für die Erwachsenen-Poweriser ist er viel zu leicht. Die mit Fiberglas verstärkte Kunststoff-Feder auf Aluschiene gibt kaum nach, als Till sie testet.

„Jetzt steh mal hin, ich halt Dich“, sagt Sauerbrei und streckt dem Zwölfjährigen die Hände hin. Der steht schwungvoll auf, kippt etwas gegen Sauerbrei, fängt sich wieder und stakst, 30 Zentimeter größer, Schrittchen für Schrittchen durch den Hof. Es sieht aus, als gehe er auf Zehenspitzen, denn ein Poweriser hat an seinem unteren Ende nur eine kleine, gerundete Gummikappe. Darüber ist an einem Alugestell die Feder angebracht, in weitem Bogen nach hinten ausgestellt. Der Fuß wird auf einer Plattform festgeschnallt, die Geräte mit Bändern an den Waden. Rund 340 Euro kostet ein Paar Poweriser.

Artikelbild: Poweriser sind die neuesten Funsportgeräte – ein Selbstversuch

Inzwischen ist Dirk Fortenbacher angekommen. Der 42-jährige durchtrainierte Fluglehrer aus Pfrondorf hat im März zum ersten Mal Poweriser ausprobiert und war sofort begeistert. „Ich muss immer was machen, was andere nicht machen“, sagt er, während er sich seine Federbeine anschnallt. Gekauft hat er sie sich, weil er damit nach Stuttgart rennen wollte. Möglichst schnell. „Mit denen kann man bis zu 45 Stundenkilometer machen.“ Inzwischen hat Fortenbacher den Stuttgart-Plan aufgegeben – „viel zu anstrengend“, sagt er und stelzt davon.

Vom Tisch springen können nur Fortgeschrittene. Vom Tisch springen können nur Fortgeschrittene.

Eigentlich wollte Sauerbrei mit uns erstmal das Fallen üben. Drin in der Bogenschieß-Halle. Er hat Turnmatten gekauft, damit die Stürze nicht so weh tun. „Es soll ja alles so sicher wie möglich sein“, sagt er. Kunden, die sich für den Sport interessieren, zeigt er dort, wie es geht. Er übt mit ihnen aber auch draußen auf dem Hof.

Sieben Kilo an den Beinen

Aus nicht weiter erklärten Gründen verzichtet er bei uns aber auf das Sicherheitstraining. Till geht inzwischen lässig den Hof auf und ab und grinst mich jedesmal von oben herab an, wenn er an mir vorbeikommt. Dirk springt sogar vom Biertisch runter. Er strauchelt beim Aufkommen heftig, rudert mit den Armen, fängt sich wieder. Sauerbrei hat auch Fabian Ziehe Poweriser angeschnallt. Statt seinen Film für den Online-Auftritt des TAGBLATTs zu drehen, federt der Kollege riesenhaft und mit starrem Blick über den Hof. „Wie John Wayne in seinen besten Jahren“, kommentiert Sauerbrei.

Ich hab keine Chance mehr. Jetzt bin ich dran. Ab auf den Tisch und die sieben Kilo schweren Geräte an die Beine. Beim Aufstehen muss ich mich erst an meine neue Größe gewöhnen. Und an die zarten Füßchen der Alugestelle. Sauerbrei führt mich wie ein zu klein geratener Tanzpartner an den Händen und lässt mich nach zwei Runden über den Hof los. Da habe ich schon geübt, wie das Springen geht. An der Regenrinne. Festhalten und tief in die Knie gehen, um Schwung zu holen. Dann hochspringen mit Blei an den Füßen, die Beine steif machen und landen. Es federt weich nach. Wie beim Trampolinspringen. Mit Skistiefeln.

Leute, die an der Bogenwelt vorbeikommen, bleiben kurz stehen, schauen zu und gehen kommentarlos weiter. „In der Fußgängerzone gucken immer alle, wenn man vorbeirennt“, sagt Fortenbacher. Ihn stört das nicht, im Gegenteil. Sauerbrei ist aufgefallen, dass „eher Ältere“ Powerisern gegenüber aufgeschlossen sind. „Die 20- bis 30-Jährigen machen meistens blöde Bemerkungen. Wer älter ist, findet es schon allein deshalb gut, weil man was tut.“

Dass wir auf unseren Geräten tatsächlich etwas tun, merken wir alle schnell. Nach einer Viertelstunde, in der ich nur langsam gegangen bin, habe ich schwere Beine und ruhe mich an die Wand gelehnt aus. Fabian, der übermütig gerannt und auch ein bisschen gesprungen ist, ist völlig verschwitzt. Und der durchtrainierte Fluglehrer gibt nach seinen Sprüngen von der Ladefläche des Pickups zu, dass er jetzt „völlig fertig“ sei. Nur Till hüpft noch auf dem Hof herum, als habe er sich in eine Heuschrecke verwandelt. Zum Ausruhen geht er ein paar Schritte rückwärts.

Mir reicht es nach einer weiteren Viertelstunde. Weg mit den Dingern! Die ersten Schritte nur mit Turnschuhen fühlen sich an wie auf einer Matte aus weichem Schaumstoff. Leicht bin ich! Und klein!

Fortenbacher und Till wollen aber einmal richtig laufen. Dafür ist der Hof zu klein, also fährt Sauerbrei uns alle zum Feldweg Richtung Lustnau hinaus. Die beiden laufen in großen Sprüngen nebeneinander her, es sieht kinderleicht aus. Hundert Meter in die eine Richtung, hundert Meter in die andere. Nocheinmal und nocheinmal, bis Fortenbacher aufgibt. An seinen Powerisern hatten sich auf dem Hof zwei schrauben gelöst, jetzt ist das Gerät fürs rechte Bein nicht mehr richtig eingestellt. Fortenbacher musste seinen Fuß irgendwie schräg halten beim Laufen, was schmerzhaft war. Er schnallt sich die Geräte ab und legt sich rücklings auf den Weg. „Ich kann nicht mehr.“

Schmerzen haben auch Till und ich. Aber erst am nächsten Tag. Muskelkater – in den Oberschenkeln und vor allem im Bauch. Nach zwei Tagen ist er wieder weg. Und wir haben schon wieder Lust, auf den Federbeinen durch die Gegend zu hopsen. Auch wenn sie bescheuert aussehen: Cool sind die Dinger allemal.

26.06.2010 - 08:30 Uhr

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