Die Mühlstraße wird länger als geplant Baustelle bleiben: Ein gestern bekannt gewordener „Messfehler“ führt zu 50 000 Euro Mehrkosten und erheblicher Zeitverzögerung.
Tübingen. Gestern in der Frühe sollte der mittlere Abschnitt der Fahrbahn betoniert werden. Der Unterbau ist hergerichtet, Randsteine und Kanaleinläufe sind gesetzt. Einen halben Tag bevor durchs Einbringen der Betonschicht der Fahrbahnverlauf irreversibel festgelegt wurde, fiel Verantwortlichen des Stadtverkehrs bei einer Überprüfung ein folgenschwerer Fehler auf: Die Fahrbahn war um 15 Zentimeter zur Schulberg-Stützmauer hin „verrutscht“.
Pfusch am Bau: Die Fahrbahn der Mühlstraße ist falsch verlegt.Metz
Dennoch weiterzubauen, hätte für den Busverkehr schlimme Folgen nach sich gezogen. Oberbürgermeister Boris Palmer, der von dem Desaster am Donnerstagabbend erfuhr, stoppte daraufhin die Bauarbeiten.
Die sechs Meter breite Fahrbahn entspricht zwar exakt dem in Straßenbau-Richtlinien festgelegten Mindestmaß für Busse, die sich mit niedriger Geschwindigkeit begegnen. Bei einer Fahrzeugbreite von 2,55 Metern plus seitlichem Spiegel von jeweils 20 bis 30 Zentimetern funktioniert das aber nur, wenn die Busse hart am Bordstein bleiben und der rechte Außenspiegel komplett über die Fahrbahn hinausragt. Genau dies wäre wegen des zu geringen seitlichen Abstandes zur Stützmauer jedoch nicht garantiert gewesen.
Nach einer Reihe von Krisensitzungen in der Nacht zu Freitag und gestern Vormittag teilte die Stadtverwaltung am Nachmittag schriftlich mit, dass der „Messfehler“ nicht von der ausführenden Baufirma, sondern von der städtischen Bauverwaltung und/oder dem von ihr beauftragten Planungsbüro zu verantworten sei. Vordringlich habe er allerdings „nach einer Lösung“ und noch „nicht nach Schuldigen gesucht“, sagte Palmer und kündigte Aufklärung an. Vor allem die Frage, ob eine der beauftragten Firmen in Regress genommen werden könne, müsse rasch beantwortet werden.
Der Baustopp und der notwendige Umbau des noch nicht in Beton gegossenen Straßenabschnitts wird nach Darstellung der Bauverwaltung etwa 50 000 Euro Mehrkosten verursachen und den Bauablauf um wenigstens zwei Wochen verzögern. Weil damit die Fertigstellung in diesem Jahr aber nicht mehr garantiert wäre, verfügte der OB gestern, dass der Bauablauf geändert wird: Jetzt soll mit Vorrang die Fahrbahn gebaut werden, so dass ab Anfang Dezember in jedem Fall der TüBus auf seine angestammte Route zurückkehren kann. Der bis dahin nicht (komplett) fertiggestellte kombinierte Park-, Rad- und Gehstreifen auf der östlichen Seite soll, wenn nötig, einen provisorischen Asphaltbelag erhalten. Restliche Belagsarbeiten müssten in die Sommerferien 2010 verschoben werden. Dabei komme man mit einer halbseitigen Fahrbahn-Sperrung aus und die Busse müssten nicht auf Umleitungs-Tour geschickt werden.
Boris Palmer entschuldigte sich gestern „bei den Bürger(inne)n und den Handelsgeschäften der Innenstadt“ für die Auswirkungen des Pfuschs: Das aus dem zu geringen Abstand zur Mauer resultierende Risiko für die Verkehrssicherheit sei nicht tragbar. „Sicherheit geht vor, auch wenn die Mehrkosten erheblich sind.“
Es sei auch nicht zu verantworten gewesen, am ursprünglichen Bauablaufplan festzuhalten, da jeder zusätzliche Monat Umleitungsverkehr für den TüBus 100 000 Euro Mehrkosten nach sich zöge. Noch wichtiger sei jedoch, so Palmer, dass die „für den Innenstadthandel lebenswichtige Weihnachtszeit“ nicht durch das Unterbrechen der Hauptbusachse beeinträchtigt werde.
Umbau mehr als doppelt so teuer
Als vor 13 Monaten im Rathaus die Entscheidung fiel, die Generalsanierung der Mühlstraße anzupacken, wurde der Gesamtaufwand dafür mit 1,4 Millionen Euro veranschlagt. Beim Baubeschluss des Gemeinderats im Mai 2009 waren die kalkulierten Kosten bereits auf zwei Millionen Euro angeschwollen. Vor zwei Wochen gab die Verwaltung bekannt, dass vor allem wegen der erheblich aufwändigeren Sicherung der Schulberg-Stützmauer und wegen komplizierter Arbeiten im Straßen-Untergrund die voraussichtlichen Kosten auf 2,8 Millionen Euro anwachsen würden. Seit dem gestern bekannt gewordenen Messfehler ist nun eher davon auszugehen, dass am Ende sogar eine Drei vor dem Komma stehen wird.