per eMail empfehlen


   

Wie geht der Täter vor?

Personenschützer Stefan Bisanz lernt aus Tübinger Entführungsprozess

Zum Prozess um den Entführer einer 13-jährigen Tübinger Unternehmertochter reist Stefan Bisanz an jedem Verhandlungstag aus Köln an. Am Prozess beteiligt ist er nicht – aber er zieht Schlüsse aus den Fakten, die auf den Tisch kommen. Bisanz ist Personenschützer. Und der einzige Sachverständige für Personenschutz in ganz Deutschland.

Anzeige


SABINE LOHR

Tübingen. Der große und kräftige Mann in der zweiten Reihe der Zuschauerstühle fällt auf: Feiner Anzug, weißes Hemd, Krawatte, polierte Schuhe. Auf einem großen Block schreibt er in kleiner Schrift alles mit. Jede Aussage des Entführers über sich selbst. Die Schilderung der Mutter des Opfers. Die Aussagen der 13-jährigen Schülerin. Jedes Detail ist für Stefan Bisanz wichtig. „Ich kann das zur Beratung meiner Kunden verwenden“, sagt der 51-Jährige.

Stefan Bisanz. Bild: Sommer Stefan Bisanz. Bild: Sommer

Seine Kunden sind Unternehmer, Privatiers, „auch manche aus Kultur und Sport“. Namen verrät Bisanz nicht, „das sagt man nicht“, antwortet er kopfschüttelnd auf die neugierige Frage. Aber es seien alles Leute, die Entführern potenzielle Opfer sind. Sie vor Verbrechen zu bewahren, ist Bisanz’ Aufgabe als Personenschützer.

Regelmäßigkeiten machen es Tätern leicht

Gelernt hat er seinen Beruf bei der Militärpolizei und beim Bundeskriminalamt. Einige Jahre lang hat er „Staatssekretäre und Generalitäten“ geschützt, danach ging er in die Wirtschaft. In Bonn gründete er die Firma Consulting Plus, die Unternehmen und PrivatPersonen in Sicherheitsfragen berät und ihnen auch hilfreich zur Seite steht. Hilfreich ist dabei auch, dass Bisanz vieles über die verschiedenen Tätertypen weiß. In dem Prozess, der zur Zeit vor dem Tübinger Landgericht verhandelt ist, interessiert ihn deshalb besonders das „Vor-Tat-Verhalten“ des Kidnappers.

So hat der Täter auf den Firmengeländen nachgeschaut, welche Autos dort parken und sich die beiden nobelsten Fahrzeuge besonders ausgeguckt. Beiden ist er nachgefahren – bis vors Wohnhaus. „Solche auffälligen Autos sollte man nicht so parken, dass sie von der Straße aus sichtbar sind“, sagt Bisanz. Hinterm Gebäude seien sie besser aufgehoben – auch wenn der Besitzer dann eventuell einen längeren Weg zurücklegen müsse. „Sicherheit ist immer auch unbequem.“

Viel gewonnen sei auch schon mit einem Fahrer. „Da ist dann schon mal jemand, der aufpasst – das schreckt Täter ab“, sagt er. Und auch zu Überwachungskameras rät er. Es sei Blödsinn zu glauben, eine solche Kamera locke Täter erst an. Und genauso Blödsinn sei es, eine Fake-Kamera zu installieren. „Kameras sind gut – solange sie an ein Sicherheitsunternehmen gekoppelt sind.“ Dort wird rund um die Uhr beobachtet, was sich vor dem Haus tut – sobald sich etwas tut, denn moderne Kameras haben alle einen Bewegungsmelder. Diese Beobachtung selbst zu übernehmen, davon rät Bisanz ab. „Niemand schaut 24 Stunden am Tag auf den Überwachungsmonitor“, sagt er.

Und noch einen Tipp hat er parat: Nicht immer zur selben Zeit aus dem Haus zu gehen. „Ein Unternehmer kann es sich doch leisten, mal eine Viertelstunde früher oder später im Büro zu erscheinen“, sagt Bisanz. Alle Regelmäßigkeiten nämlich machen es den Tätern leicht. Das hat auch der Entführer des Tübinger Mädchens bestätigt: „Der Unternehmer kam immer zur selben Zeit, hat sein Auto in die Garage gefahren und jedesmal den Kofferraum aufgemacht, um etwas herauszuholen“, berichtete er. Sein ursprünglicher Plan sei deshalb gewesen, den Mann in den Kofferraum zu stoßen und mit dessen Auto wegzufahren.

Auch das Mädchen, das der Täter dann entführte, verließ zur immer gleichen Zeit das elterliche Haus, um in die Schule zu gehen. Hätte die Mutter das Kind jeden Tag zur 200 Meter entfernten Bushaltestelle begleiten sollen? Nein, sagt Bisanz, aber vielleicht hätte sie nicht alleine gehen sollen. Wenn keine Geschwister da sind oder Freunde, dann müsse eben ein Personenschützer aufpassen.

Ein Bodyguard für eine 13-Jährige? Eine aus einer Familie, die sich selbst als ganz normal empfindet und nie auf die Idee gekommen ist, dass sie gefährdet sein könnte? Das, sagt Bisanz, sei das größte Problem: Dass sich die meisten der infrage kommenden Opfer nicht selbst als solche erkennen. „Normal ist, was der Durchschnitt macht – aber das machen diese Familien ja nicht. Sie haben einen hohen Bekanntheitsgrad, Geld und sind verwundbar.“

Der Schutz für sie fängt damit an, dass ihr Name weder im Telefonbuch auftaucht noch auf dem Klingelschild steht. Und er kann so weit gehen, dass „Aufklärer“ beauftragt werden, die ständig die Umgebung der Familie beobachten. Und zwar ganz offen – „wir sind ja kein Geheimdienstverein“.

Viele Profi-Entführungen sind erfolgreich

Weil „jeder Entführungsfall anders“ ist, beobachtet Bisanz etwa einmal im Jahr einen entsprechenden Prozess. „Mehr gibt es auch nicht in Deutschland“, sagt er. Was nicht heißt, dass es nur eine Entführung im Jahr gibt. Fünf- bis sechs Mal jedes Jahr kommt es zu so genannten Ad-hoc-Entführungen. „Da wird freitags jemand gekidnappt, sonntags ist er wieder da und in der Zwischenzeit haben ein paar Millionen den Besitzer gewechselt.“ Bei den Tätern handle es sich in diesen Fällen um „absolute Profis, die haben keine Scheu davor, jemandem weh zu tun und gehen ganz gezielt vor“, sagt Bisanz. Eins aber hätten sie gemein mit dem Mann, der das Mädchen aus Tübingen entführte: „Alle Täter sind feige.“

Der Personenschützer als Sachverständiger
Stefan Bisanz wurde als bisher einziger Sachverständiger für Personenschutz in Deutschland im Februar 2010 von der IHK Bonn bestellt und vereidigt. Er tritt vor Gericht als Sachverständiger auf, wenn es um Fälle geht, in denen Personenschützer eine Rolle spielen. Das ist etwa dann der Fall, wenn ein Personenschützer einen Unfall baut. „In der Regel nehmen sie ja sehr aktiv am Verkehrsgeschehen teil“, umschreibt Bisanz das Verhalten einiger seiner Kollegen. Es liegt vor Gericht dann am ihm, einzuschätzen, ob Tempo oder Verhalten dem Fall angemessen waren. Bisanz vertritt auch Angehörige von Personenschützern, die bei der Ausübung ihres Berufs ums Leben kamen.


02.01.2013 - 08:30 Uhr

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

Anzeige

(c) Alle Artikel, Bilder und sonstigen Inhalte der Website www.tagblatt.de sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.

Bildergalerien und Videos

TSV Altingen – SGM Poltringen/Pfäffingen 4:1 Millipay Micropayment

Mobil ohne Auto 2014 im Neckar-Erlebnis-Tal

Umbrisch-Provenzalischer Markt in Tübingen 2014

Tübinger Erbe-Lauf 2014

Demonstration gegen Tierversuche

Primaten, Proteste, Palmer

Die drei Lieblingsorte der Kirchentellinsfurter Bürgermeisterkandidaten: Bernd Haug

Die drei Lieblingsorte der Bürgermeisterkandidaten: Petra Kriegeskorte

TV Derendingen schlägt SV03 Tübingen 4:1 Millipay Micropayment

Ammerbucher Fliegerfest 2014

Stadtfest in Mössingen: Erst feucht, dann fröhlich

Horst Raichle, Bürgermeisterkandidat Kirchentellinsfurt

Trailer zum Poltringer Fliegerfest 2014

SV Seebronn schlägt SV Hailfingen 5:1 Millipay Micropayment

Die Dirndlknacker in Hirrlingen

Walter Tigers präsentieren das neue Team

SSC Tübingen schlägt TSG II mit 5:1 Millipay Micropayment

Toter und Totalschäden: Ein Massencrash zum Üben

Anzeige


Nachrichten aus ...
ReutlingenWannweilPliezhausenWalddorfh�slachAmmerbuchT�bingenDettenhausenKirchentellinsfurtKusterdingenGomaringenDusslingenOfterdingenMössingenNehrenBodelshausenHirrlingenNeustettenRottenburgStarzachHorb
Anzeige


Die Woche im Rückklick
Auf solchen Booten kommen die Flüchtlinge nach Italien. Wer diese Fahrt überlebt, braucht dringend ...

Wissen, was war

Die Woche vom 13. bis 19. September: Flüchtlinge hinters Landratsamt und weiter Debatte um Tübinger Tierversuche

Aktive Singles auf
date-click
Anzeige


Zeitzeugnisse
Anton Schäfle in Uniform. Das Bild entstand Anfang Februar 1917.

„Ich habe nämlich erbärmlich Hunger“

Der 18-jährige Musketier Anton Schäfle hat seinen Eltern seit seiner Ausbildung zum Soldaten im November 1916 bis zu seinem Fronteinsatz im Juni 1917 Briefe und Feldpostkarten geschickt. Die Wannweilerin Claudia Treutlein hat die Texte entziffert, fehlende Informationen recherchiert, alles dem TAGBLATT für die Veröffentlichung überlassen. Briefe und Karten sind ein Zeugnis des Hungers, den die Soldaten im Ersten Weltkrieg an der Front erleiden mussten. Nicht nur deshalb konnte sich Anton Schäfle für den Ersten Weltkrieg nicht begeistern; der Hof daheim war ihm viel wichtiger.

Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion