Nur mit kulanten Chefs gibt es ehrenamtliche Sanitäter
Mit der Aktion „Helfers Helfer“ ehrt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Unternehmen, die Mitarbeiter für den ehrenamtlichen Rettungsdienst freistellen – und so zur schnellen Versorgung der Patienten beitragen.
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katharina mayer
Tübingen. „Helfer vor Ort“ heißen die Rettungskräfte, die in ihren Gemeinden ehrenamtlich dafür sorgen, dass Notfallpatienten bis zum Eintreffen der Rettungsdienste qualifizierte basismedizinische Hilfe bekommen.
Zwar ist durch das Rettungsdienstgesetz geregelt, dass die sogenannte Hilfsfrist maximal 15 Minuten betragen darf. Für einen Patienten, der nach einem Herzinfarkt Kammerflimmern bekommt, wäre es da aber schon zu spät: Mit jeder Minute sinkt die Chance auf eine erfolgreiche Genesung rapide, schon nach drei bis fünf Minuten trägt der Patient irreversible Schäden davon.
Die freiwilligen Helfer, die innerhalb der DRK-Ortsvereine organisiert sind, werden gleichzeitig mit den Rettungskräften informiert. Regelmäßig, sagt die Pressesprecherin des DRK-Kreisverbands Veronika Renkenberger, seien die Ehrenamtlichen vor dem Krankenwagen da und „können als erstes Glied der Rettungskette professionell helfen – das schenkt den Patienten kostbare Minuten“. Zwar seien die hauptberuflichen Retter im Landkreis in den vorgeschriebenen 95 Prozent aller Fälle innerhalb der gesetzlichen Hilfsfrist vor Ort, aber auch „15 Minuten können ganz schön lang sein.“
Die Idee, das therapiefreie Intervall zu verkürzen, indem Ehrenamtliche aus der jeweiligen Gemeinde die Erstversorgung übernehmen, stammt ursprünglich aus den USA. „First Responder“ heißen die Helfer dort, Mitte der 1970er Jahre wurden in Deutschland die ersten Ortsgruppen gegründet. 17 davon gibt es allein im Kreis Tübingen, im vergangenen Jahr fuhren die Ersthelfer zu 1707 Einsätzen. Der Notfallrucksack mit Verband- und Sicherungsmaterial, den die Retter verwenden, kostet über 500 Euro.
Finanziert wird die Ausrüstung über Spenden. Anders als bei der Freiwilligen Feuerwehr bekommen die Ersthelfer auch keine Aufwandsentschädigung von den Kommunen. Das liegt daran, dass für Feuerwehr und medizinisches Rettungswesen verschiedene Gesetze gelten. Und über das deutsche Gesundheitssystem werde die Arbeit der Ersthelfer ohnehin nicht finanziert, sagt Renkenberger. Trotzdem gibt es im Landkreis um die 170 Ehrenamtliche, die sich in den entscheidenden ersten Minuten um Notfallpatienten kümmern.
Das wichtigste, erklärt der Bodelshausener Bereitschaftsleiter Frank Schelling, seien lebensrettende Sofortmaßnahmen. Die Helfer vor Ort stellen aber auch vorläufige Diagnosen, informieren Angehörige, kümmern sich um Versicherungskarten und Vorerkrankungen. „Wir schaffen quasi vor, bevor der reguläre Rettungsdienst kommt.“
Auch die Angehörigen werden von den Ehrenamtlichen versorgt und im Extremfall wird auch mal eine Begleitperson in die Klinik hinterher gefahren. „Wir sind auch Kümmerer, wenn der Rettungsdienst weg ist.“
Möglich wäre dieses Engagement ohne die Mitarbeit der Arbeitgeber nicht, sagt Schelling. „Wenn die das nicht zulassen würden, wäre tagsüber während der Arbeitszeiten ein Helfer vor Ort in Bodelshausen nicht möglich.“ Zwar werden die Fehlzeiten der Rettungshelfer nicht bezahlt, aber „wir dürfen zu jeder Zeit gehen“. Bis zu drei Mal am Tag würden die Ehrenamtlichen zu einem Notfall gerufen, kaum eine Woche vergehe ohne Einsatz. Planbar sind die Fehlzeiten nicht: „Wir haben Piepser, die gehen runter, man legt den Bleistift zur Seite, meldet sich bei den Kollegen ab und dann geht es los.“
Der Arbeitgeber, sagt Veronika Renkenberger, „spendet in diesem Moment“. Denn einen Ersatz für Arbeitszeit oder Lohn bekommen weder die Firmen noch die Ehrenamtlichen selbst. „Das ist eine große Hilfe, die die Unternehmen da für die Gesellschaft leisten. Und sie machen das sehr im Verborgenen.“
Um dieses Engagement anzuerkennen, hat das Rote Kreuz nun eine Ehrung eingeführt: Die Aktion Helfers Helfer. Das Projekt sei zum 125-jährigen Bestehen des DRK-Kreisverbands im Mai „relativ spontan aus der Taufe gehoben“ worden.
Die Unternehmer bekommen eine gravierte Sanduhr – als Symbol für die den Helfern geschenkten Sekunden, die Leben retten können. „Weil sie es uns erst möglich machen, diesen Dienst an der Gesellschaft zu tun“, so Renkenberger.
Künftig soll die Ehrung Teil der DRK-Kreisversammlungen sein. Bislang sind die Tübinger DRKler als Erfinder der Aktion landesweit die einzigen. „Wir fänden es klasse, wenn sich andere Kreisverbände anschließen“, sagt Renkenberger. „Denn auch dort gibt es Lebensretter, die auf die Unterstützung ihrer Arbeitgeber angewiesen sind.“