TÜBINGEN. Ein zartes Röhrchen, knapp 19 Zentimeter lang, mit zwei Bohrlöchern wurde gestern im Fürstenzimmer von Schloss Hohentübingen den Medien präsentiert: eine urgeschichtliche Sensation. Denn es handelt sich um eines der ältesten Musikinstrumente der Welt. Die Besonderheit: Die 35 000 Jahre alte Flöte ist nicht aus Tierknochen, wie zwei andere Flöten vom selben Grabungsort auf der Alb, sondern aus Mammut-Elfenbein. (Siehe „Südwestumschau“.)
Der Klang ist kehlig und etwas melancholisch, ähnlich einer Hirten- oder Panflöte, die Skala der Töne erstaunlich breit: Von einer CD war Musik zu hören, die der Experimental-Archäologe Friedrich Seeberger auf einer nachgebauten Flöte dieser Art improvisierte: Musik, wie sie von Steinzeitmenschen des Aurignacien in den Höhlen der Schwäbischen Alb produziert worden sein könnte.
Andächtig betrachten Urgeschichtler Nicholas Conard (links) und die „Entdeckerin“ der steinzeitlichen Flöte, Archäo-Technikerin Maria Malina (Mitte), das zarte Stück aus Mammut-Elfenbein. Erwin Keefer, Leiter der archäologischen Abteilung des Landesmuseums (rechts), nahm es dann gleich zur Ausstellung nach Stuttgart mit. Bild: Metz
Dass die Menschen der frühen Jungsteinzeit sich künstlerisch betätigten, weiß man seit den aus Mammutelfenbein geschnitzten Vogelherdfiguren aus dem Lonetal, den ältesten Skulpturen der Menschheit, die im Museum Schloss Hohentübingen ausgestellt sind. Relativ neu ist der Nachweis, dass sie auch Musikinstrumente herstellten. Aus Grabungsmaterial aus der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren wurden in den 1990er Jahren zwei Flöten aus Vogelknochen zusammengesetzt. Eine ist aus dem Flügelknochen eines Singschwans.
Andächtig betrachten Urgeschichtler Nicholas Conard (links) und die „Entdeckerin“ der steinzeitlichen Flöte, Archäo-Technikerin Maria Malina (Mitte), das zarte Stück aus Mammut-Elfenbein. Erwin Keefer, Leiter der archäologischen Abteilung des Landesmuseums (rechts), nahm es dann gleich zur Ausstellung nach Stuttgart mit. Bild: Metz
Die sorgfältige Anlage der Grifflöcher weist nach Auffassung von Urgeschichtlern darauf hin, dass diese Röhrenflöten kein Zufallsprodukt waren, sondern Zeugnis einer Tradition. Vorläufer-Instrumente wurden, wie der Tübinger Urgeschichtler und Grabungsleiter Prof. Nicholas Conard vermutet, aus Holz geschnitzt und sind deshalb nicht erhalten.
Auch der neueste Schatz der Urgeschichtler wurde bereits vor fast 30 Jahren aus der Geißenklösterle-Höhle gehoben. Erst Maria Malina, 28, eine bei den Tübinger Urgeschichtlern ausgebildete Archäo-Technikerin, erkannte jedoch bei ihren Auswertungsarbeiten in diesem Jahr in dem Fund aus winzigen, gewölbten Einzelteilen Elemente einer Flöte. Aus insgesamt 31 Fragmenten setzte sie in mühsamer Puzzlearbeit das Instrument zusammen, das wahrscheinlich noch um einiges länger war.
Kulturgeschichtlich höchst bedeutsam ist die aus der Steinzeit bisher nicht belegte Fertigkeit, mit der das Elfenbein zur Flöte geformt wurde. Mammut-Stoßzähne, das Rohmaterial, sind nämlich massiv und außerdem spiralförmig gedreht. Aus diesem Material die Hohlform einer Flöte zu herzustellen, ist technisch wesentlich aufwändiger als das Schnitzen von Elfenbein-Figürchen. Nahtstellen mit deutlichen Kerben lassen vermuten, dass die Flöte aus zwei einander überschneidenden, mit einem steinernen Werkzeug ausgehöhlten Längshälften zusammengesetzt wurde, möglicherweise mit Birkenpech verklebt und mit Sehnen oder Pflanzenfasern zusammengebunden. Elfenbeinspäne im Sediment deuten darauf hin, dass dies ebenfalls in der Geißenklösterle-Höhle geschah.
Auf jeden Fall dokumentiert die Elfenbein-Flöte den frühen Versuch, beim Blasinstrumentenbau ein neues, edleres Material einzusetzen, vielleicht um einen besseren Klang zu erzielen. Kein Zweifel besteht bei Urgeschichtlern und Musikologen, dass es sich tatsächlich um Musikinstrumente handelt, nicht etwa um einfache Jagdpfeifen. „Egal wie man es dreht,“ so Conard, „es ist Kunst!“ Da die Flöten überdies in der Jura-Schicht zusammen mit Werkzeugen und anderen Alltagsgegenständen lagen, geht Conard auch davon aus, dass die Musik nicht etwa nur sakrale Bedeutung hatte, sondern tatsächlich als kulturelle Äußerung zum Leben der Steinzeitmenschen gehörte. Im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart läuft seit Anfang November eine Schau über die Eiszeitjäger als Musik-Erfinder. Zur Schwanenknochen-Flöte, die dort ausgestellt ist, gesellte sich gestern Abend die „neue“ Elfenbein-Flöte. (Die Ausstellung wird übrigens wegen des Aufsehen erregenden neuen Stücks bis 6. März verlängert.)
Wo die Elfenbein-Flöte danach zu sehen sein wird, ist noch ungewiss. Neben dem Tübinger Schlossmuseum kommen auch das Württembergische Landesmuseum und das Ulmer Museum als Bewerber infrage. Conards langfristige Hoffnung wäre ein Steinzeitmuseum nahe dem Fundort, in Blaubeuren. Auf jeden Fall werden die Flöten wieder die große Landesausstellung über Eiszeitkunst zieren, die für 2008 in Stuttgart geplant ist.Bild: Uni Tübingen