Der Tübinger Marktkauf wird wohl Ende des Jahres schließen. Der Edeka-Konzern, zu dem der Tübinger Supermarkt gehört, kündigte bereits den Mietvertrag. Rund 150 Arbeitsplätze sind in Gefahr.
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Volker Rekittke
Schwierige Verhandlungen mit dem Londoner Vermieter: Dem Tübinger Marktkauf droht zum Jahresende die Schließung. Bild: Metz
Tübingen. Von der drohenden Schließung betroffen sind nicht nur 85 Marktkauf-Mitarbeiter/innen. In den insgesamt 14 Läden im Foyer – vom Frisör über Blumen- und Schuhgeschäft bis zur Bäckerei – stehen noch einmal gut 60 Arbeitsplätze auf der Kippe. Allein in der Apotheke sind es 14. „Alle Konzessionäre haben die Kündigung erhalten“, sagt Eigentümerin Hermine Günther. Gerade erst hat sie Einladungen zum zehnjährigen Bestehen der Apotheke drucken lassen. Doch die Feier fällt nun ins Wasser: „Wir haben einen guten Kundenstamm, uns wird der Boden unter den Füßen weggerissen“, sagt Günther – die immer noch ein bisschen Hoffnung hat, dass Marktkauf-Eigner Edeka sich mit dem Vermieter des Gebäudes, einem Londoner Konsortium, einigt.
„Wir möchten am Standort festhalten“, beteuert Edeka-Sprecher Christhard Deutscher. Allerdings gebe es erheblichen Investitionsbedarf – das Innere und Äußere des Marktkaufs müsste dringend auf Vordermann gebracht werden. Edeka will nur investieren, wenn der Mietvertrag, der noch bis 2014 läuft, deutlich verlängert würde – und die Gebäudeeigner mit der Miete runtergehen. Weil die Verhandlungen derzeit festgefahren sind, kündigte Edeka den Mietvertrag vorsorglich auf Ende des Jahres. Die 85 Mitarbeiter/innen – darunter vier Lehrlinge, die diesen Sommer fertig werden – wurden vergangenen Donnerstag auf einer Betriebsversammlung darüber informiert. Die Marktkauf-Standorte in Mössingen und Reutlingen sind laut Deutscher „nicht gefährdet“.
Wenig Hoffnung auf Weiterbeschäftigung
„Der Marktkauf ist total überaltert – in den wurde schon länger nichts mehr investiert“, sagt die für den Einzelhandel zuständige Verdi-Bezirkssekretärin Carola Gross. Seit Jahren seien die Umsätze zurückgegangen. Dabei spielt wohl auch die zunehmende Konkurrenz in unmittelbarer Nachbarschaft eine Rolle: Lidl, Kaufland (Lidl-Schwarz-Gruppe), Depot-Areal – dort wurde überall investiert (siehe Kasten). Zum Thema Umsatzentwicklung will der Tübinger Filialleiter Hans-Peter Engelhard nur so viel sagen: „Schauen Sie sich doch das Umfeld an!“
Noch wurde keinem Marktkauf-Beschäftigten gekündigt. Laut Gewerkschafterin Gross soll bald mit dem Betriebsrat über einen Sozialplan verhandelt werden – auch ein Zeichen, dass es um die Zukunft des Marktes nicht zum Besten bestellt ist. Ob manche Mitarbeiter/innen bei anderen Edeka- und Marktkauf-Märkten in der Region unterkommen können, ist ungewiss. „Da müssen erstmal Stellen frei werden“, sagt Deutscher.
Viel Hoffnung auf Weiterbeschäftigung in anderen Filialen machen sich die Mitarbeiter/innen nicht: „Keine Chance“, sagt eine Verkäuferin. Sie schaut sich vorsichtshalber schon mal „in Zeitung und Internet“ nach neuen Jobs um. Und die Stimmung in der Belegschaft? „Jeder macht sich so seine Gedanken.“ Ihr Kollege wird deutlicher: „Ich find’s zum Kotzen.“
„Es wär schade um die Arbeitsplätze“, findet auch ein Kunde. Für ihn persönlich wäre die Marktkauf-Schließung allerdings „keine Katastrophe: Es gibt in der Gegend ja noch andere Läden.“ Das tröstet Theresia Walker nicht. Die 74-Jährige ist von Anfang an treue Marktkauf-Kundin, die auch die vielen Läden im Eingangsbereich zu schätzen weiß: „Alles beieinander – was kann’s für ältere Menschen Besseres geben?“ Eine andere Einkäuferin schließlich kritisiert den „Verdrängungswettbewerb“ im Quartier.
Andere Läden haben kräftig modernisiert
Welche Rolle spielt dabei die städtische Planungspolitik? „Die anderen Läden haben in den letzten Jahren kräftig modernisiert“, gibt Tübingens Baubürgermeister Cord Soehlke zu bedenken. Bei der Lidl-Eröffnung im vergangenen September hatte Soehlke, da noch als zuständiger Stadtplaner, dem neuen Discounter auf dem Schweickhardt-Gelände „viel Erfolg“ gewünscht – nicht ohne den Zusatz: „Sie sind in einem nicht ganz einfachen Marktumfeld.“
In der Nachbarschaft zunehmend Konkurrenz für Marktkauf
Seit 1994 firmiert der Supermarkt an der Tübinger Eugenstraße unter dem Namen Marktkauf. Zuvor residierte hier ein „Big“-Markt. 2007 wurde der Tübinger Marktkauf schließlich von der Edeka-Kette übernommen.
Der Marktkauf hat in den letzten Jahren zunehmend Konkurrenz in unmittelbarer Nachbarschaft bekommen: Auf dem Depot-Gelände an der Reutlinger Straße gibt es Discounter und Bio-Supermarkt, Schuh- und Textilladen, Frisör, Bäcker und Drogeriemarkt.
Zuletzt öffnete im September vergangenen Jahres Tübingens erster Lidl direkt gegenüber auf dem Schweickhardt-Areal – mit einer für Lidl-Verhältnisse überdurchschnittlich großen Verkaufsfläche von 1250 Quadratmetern. Zum Vergleich: Der Marktkauf hat 6500 Quadratmeter Verkaufsfläche auf zwei Etagen.