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Mammut im Materiallager

Michele Facchino restauriert und repariert Streicherbögen

Frosch, Haar und Beinchen, das ist die Welt von Michele Facchino. Der Tübinger Instrumentenbaumeister ist Spezialist für Bögen. Ein Besuch in seiner Altstadt-Werkstatt

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Fabian Ziehe

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Strahlen fallen auf den Giebel des Kornhauses, kräftig scheint die Sonne bereits durch die Scheiben der kleinen Werkstatt in der Bachgasse. Davor, wo ein niedriger Tisch und zwei Schemel stehen, ist noch Schatten. Dort steht Michele Facchino mit einem Kaffee, raucht, plaudert. Ein ruhiger Typ, der leise spricht und oft verschmitzt grinst.

Kann man eine Geschichte über einen Geigenbogen-Bauer mit dessen Kaffeepause beginnen? Man kann. Doch man muss hinzufügen, dass Michele Facchino ebenso gelassen und entspannt später an seiner Werkbank sitzt, stoisch an winzigen Holzkeilen schnitzt und einzelne Haare sortiert. Das ist ein Grund, warum der gebürtige Neuhausener mit italienischen Wurzeln in der Unistadt sein Ding gefunden hat: Er arbeitet selbstbestimmt, handwerklich versiert, doch stressfrei und ohne Erfolgs- und Profitstreben. „Ich will lieber meine Zeit haben“, sagt er.

Bogenhaar aus der asiatischen Steppe

So sitzt Facchino in der hellen, wenige Quadratmeter großen Werkstatt in der Altstadt. Sein Stuhl knarrt bei jeder Bewegung. Er hat einen Geigenbogen neu zu bespannen, das braucht es bei Streichern so zwei Mal im Jahr, Profis kommen auch schon zwei Mal im Monat vorbei. Nichts ist vorgefertigt: Alles ist Handarbeit, nur für die Metall- und Dreharbeiten steht ringsum mechanische Gerätschaft.

Artikelbild: Michele Facchino restauriert und repariert Streicherbögen

Der Bogenbauer greift zu einem der Büschel an Haaren, die an der Wand hängen. Die dünnen, feinen kommen aus der russischen Steppe oder der Mongolei. Das Klima ist dort stets rau und kühl, das Gras karg. Schlecht für die Pferde, gut für den Schweif: Die Haare sind dünn und robust, filigran genug für Geigen und Bratschen. Haar für Cellobögen kommt aus Kanada, das darf kräftiger sein. Schwarz, dick und zottelig ist der Büschel für die Kontrabass-Bögen.

„Die Qualität wird immer schlechter, man weiß nicht warum. Vor 15 Jahren hat es überall gute Haare gegeben. Heute muss man danach suchen.“ Facchino klagt nicht, er stellt fest. Er breitet die weißen, dünnen Haare auf seiner schwarzen Hose aus, darauf lassen sie sich am besten sortieren. Die guten zur Seite, die schlechten auf den Boden – wie Aschenputtel mit den Linsen. 40 Prozent Ausschuss. Bei 350 bis auch mal 1000 Euro pro Kilo Haar fällt das ins Gewicht.

Erst ins Wasser, dann aufspannen

Fertig sortiert, die richtige Menge anhand der Büscheldicke abgeschätzt: Michele Facchino umwickelt das eine Ende der Haare mit einer Schnur. Die hat er sich in den Mund gesteckt. „Ich habe nur zwei Hände“, entschuldigt er sich. Wie Spaghetti hängt die Schnur heraus, derweil er wickelt und knotet. Fertig. Noch kämmen, dann ins Wasser: Haare ziehen sich zusammen, sind leichter zu bearbeiten und haben später eher dieselbe Länge, wenn sie aufgespannt sind.

Es sieht so aus, als ob Facchino nie etwas anderes gemacht hat. Doch der Weg dahin war mitnichten geradlinig. Als Sohn italienischer Gastarbeiter kam er 1964 zur Welt. Er wuchs auf den Fildern auf. Mit zehn Jahren ging es wieder nach Apulien. Doch Facchino zog es zurück über die Alpen: Er lernte Elektriker, studierte Nachrichtentechnik in Esslingen, doch brach 1991 wieder ab: Das Holz in Gestalt eines selbstgebauten Bettes kam ihm dazwischen.

„Das war der Punkt, als mir die Frage kam: Was willst du eigentlich?“ Er entschied sich gegen die Elektrik, für das Holz – doch noch nicht für den Bogen: Er lernte von 1992 an vier Jahre im englischen Nottingham Holzblasinstrumentenbau. Weiter ging es in Köln: Dort lernte er das Bogenbauer-Handwerk, gekrönt vor fünf Jahren mit einem Meister-Titel in Mittenwald. „Mich hat das Holz, die Metallarbeit interessiert. Aber auch das genaue Arbeiten.“

So verwundert nicht, dass Facchino in seiner Arbeit zu versinken scheint. Span um Span schneidet er die Holzkeile zurecht, mit dem er die Bespannung am Kopf und am Frosch des Bogens in einer Einkerbung verankert. Es sind unzählige Arbeitsschritte, immer wieder probiert er, ob es passt.

Urzeit-Material im Werkstatt-Schrank

Er befestigt die Kopfplatte, sie verdeckt die Verankerung der Bespannung. Bei billigen Bögen ist das Plastik, bei besseren aus Knochen. Für teure Bögen nimmt man Elfenbein oder Mammutknochen.“ Seitdem der Handel mit dem „Weißen Gold“ verboten ist, lassen Händler in Sibirien Knochen aus dem Permafrost-Boden ausgraben. „Mammutskelette gibt es in Sibirien genug“, sagt Facchino und grinst. Er holt aus einem Schrank einen Klotz, runde Grundfläche, zehn Zentimeter hoch. Ein Stück Mammut in der Tübinger Werkstatt.

In die Stadt am Necker zog ihn die Liebe. Facchino wohnt mit seiner Lebensgefährtin und seinen zwei Söhnen in der Altstadt. Als er 2000 nach Tübingen zog, schlug er sich erst als Elektriker durch. Dann baute er Holzblasinstrumente für eine Waiblinger Firma. Als 2002 die Werkstatt in dem Haus des Freundes frei wurde, griff er zu. Vor drei Jahren ist neben ihm die Geigenbauerin Almut Schubert eingezogen: Sie kümmert sich um die Instrumente, er um die Bögen. Mittlerweile kommen Kunden aus der weiteren Region, sogar ein holländischer Kunde ist dabei.

Letzte Handgriffe nach anderthalb Stunden: Das Haar ist am Kopf verkeilt. Unten steckt es im Frosch, wo später der Geigenspieler den Bogen hält. Dieses Ebenholz-Stück kommt am unteren Ende des Holzes in das so genannte „Stangenkästchen“. Das ist eingefräst ins Holz und verbunden mit dem Loch, in dem das so genannte „Beinchen“ steckt: Mit dieser Schraube wird der Bogen gespannt. Facchino probiert und probiert, dann passt alles. Ein Lächeln huscht über das Gesicht, er legt den Bogen zur Seite. Der Bogenbauer sieht zufrieden aus.

„Ich würde gerne einen Superbogen bauen“, sagt er. Das Problem ist das Material: Da kommt für den Bogen nur Fernambukholz in Frage. Das gewinnt man aus Brasilholz, einem selten gewordenem Baum in Brasilien. Er steht unter Schutz, ist teuer und es ist schwierig, sein Holz in guter Qualität zu erstehen.

Altes Bogen-Holz bietet allerlei Vorteile

Um fünf Bögen zu fertigen, brauche er etwa ein bis zwei Wochen, sagt Facchino. Erst nach einiger Arbeit zeige sich, ob der Bogen zu etwas taugt. Etwa, ob der Schwerpunkt richtig liegt. Oder ob der Bogen die richtige Spannung bietet. Das Holz muss gut gewachsen und gleichmäßig dicht sein, so dass der Bogen ruhig läuft und an jeder Stelle greift. Daher lohnt es sich, alte, bewährte Bögen zu restaurieren. Für ein altes Meisterstück legt man auch mal mehrere zehntausend Euro hin.

Facchino sitzt wieder vor der Werkstatt. Noch ein paar Stunden, dann geht es zu einer Fachmesse nach Frankfurt. Doch bis dahin bleibt noch genügend Zeit. Nur keine Hektik.

08.04.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 08.04.2010 - 15:06 Uhr

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