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Aufenthaltsqualität in der Tübinger Altstadt muss sich verbessern

Mehr schöne Orte zum Verweilen

Lieferverkehr tagsüber raus aus der Fußgängerzone, dafür Elek tro-Busse bis zum Marktplatz – das waren nur zwei von vielen Ideen und Vorstößen beim TAGBLATT-Podium zur Innenstadt. Von den gut hundert Besuchern beteiligten sich am Donnerstag manche an der teils kontrovers, bei manchen Punkten aber auch im Konsens geführten Debatte.

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Volker Rekittke

Tübingen. „Zuerst gibt es immer viele Aahs und Oohs“, sagte Andrea Bachmann. Die Stadtführerin hat schon viele Tübingen-Besucher/innen durch historische Altstadt-Gassen geführt, vorbei an Neckarfront und Hölderlinturm, Stift – und Burse: „Die sind beeindruckt, dass da heute noch junge Leute studieren – während die allerersten Studenten noch nicht wussten, dass es Amerika gibt.“

Doch wenn man länger durch die Altstadt geht und genauer hinschaut, so Bachmann, dann entdecke man auch schmuddelige Ecken, fehlen Bänke, Orte zum ausruhen, an denen kein Verzehrzwang besteht: „Es wäre schön, wenn ich irgendwo mein mitgebrachtes Käsebrot essen und trotzdem eine gute Aufenthaltsqualität genießen könnte.“

Beim TAGBLATT-Podium „Welche Zukunft hat die Innenstadt“ diskutierte im Sparkassen-Carré (von ... Beim TAGBLATT-Podium „Welche Zukunft hat die Innenstadt“ diskutierte im Sparkassen-Carré (von rechts) Chefredakteur Gernot Stegert mit Angelika Gürtler von der BI Altstadt, Baubürgermeister Cord Soehlke und HGV-Vorstandsmitglied Christian Riethmüller. Links im Bild befragt Redakteur Sepp Wais die Stadtführerin und Altstadt-Bewohnerin Andrea Bachmann, die ohne Auto und mit zwei für sie gut erreichbaren Supermärkten bestens auskommt.Bilder: Ulrich Metz

Die Altstadt braucht mehr schön gestaltete Orte zum Verweilen und zugleich weniger Liefer- und Handwerkerverkehr, da waren sich Baubürgermeister Cord Soehlke, Angelika Gürtler von der BI Altstadt und HGV-Vorstand Christian Riethmüller bei dem von den Redakteuren Gernot Stegert und Sepp Wais moderierten TAGBLATT-Podium einig. Und wie wär’s mit einem neuen Pflaster? „Die Touristen müssen immer erst lernen, dass man in Tübingen nur mit flachen Schuhen laufen kann“, sagte Gürtler im Sparkassen-Carré.

Unerwartet großer Konsens herrschte auch bei der Einschätzung, dass der Online-Handel die Innenstadt-Läden sehr viel stärker bedroht als fehlende Parkplätze, Citymaut-Diskussionen oder zu hohe Parkgebühren. Riethmüller: „Angesichts des rasanten Umsatzwachstums beim Internetgeschäft müssen wir Händler umdenken.“ Doch längst nicht allen geht es schlecht, weiß der Osiander-Geschäftsführer: „Es gibt viele Händler, die in Tübingen gute Umsätze machen.“

Baubürgermeister Cord Soehlke Baubürgermeister Cord Soehlke

In den 1A-Lagen vom Zinser-Dreieck über die Neckargasse bis zum Nonnenhaus gebe es „keine Probleme“ – außer jenes, dass es zu viele Interessenten für zu wenig Ladenfläche gebe. Doch abseits der Top-Lagen habe mancher Händler regelrecht Existenzängste. Manche Probleme seien aber auch hausgemacht: „Es gibt Läden, die haben seit 20 Jahren keinen Cent in ihre Einrichtung investiert.“ Den von Stadtführerin Bachmann vorgeschlagenen „Lieferservice für Senioren“ griff Riethmüller auf: „Statt Parkplätze vor dem Geschäft zu fordern, könnte man ja auch mal sagen: Ich liefere den Menschen die Sachen nach Hause.“

Dazu noch eine Idee, diesmal von Cord Soehlke. Der fand es „sehr reizvoll, mit kleinen Bussen bis weit in die Altstadt hinein zu fahren“. Wie weit? „Vom Bahnhof bis zum Marktplatz“, ist Riethmüllers Vision vom kostenlosen Elek tro-Shuttle, der Einkäufer und Touristen von Europaplatz und Zinser-Dreieck in die Altstadt befördert. „Gibt es nicht auch ein Leben ohne den Handel?“, fragte ein Besucher, dem zu viel über die Sorgen der Ladeninhaber geredet wurde. „Das wird nicht funktionieren“, antwortete Soehlke: „Es gibt keine lebendige Innenstadt ohne Händler und Gastronomen.“

Christian Riethmüller, HGV-Vorstand Christian Riethmüller, HGV-Vorstand

Alle reden über die Innenstadt, also über die Altstadt plus südliches Zentrum mit Zinser-Dreieck und Europaplatz. Doch bald schon soll an der Blauen Brücke und auf dem Güterbahnhof-Areal gebaut werden. Ist das nicht auch noch Innenstadt? Nein, sagten unisono die drei auf dem Podium.

Für Gürtler gehört der Güterbahnhof nicht mehr dazu – „das ist jenseits der Gleise“. Baubürgermeister Soehlke ergänzte: „Die großen Handelsthemen sollten nicht über die Bahnlinie rüberreichen“ – weil sonst der Innenstadthandel gefährdet werde. Vor allem dann, wenn große Geschäfte und Supermärkte ein „zentrumsrelevantes Sortiment“ anbieten. Was genau das ist, kann Riethmüller sagen. Aldi, Lidl und „dm“ seien eben nicht nur Lebensmittel- und Drogerie-Nahversorger, sondern würden der Innenstadt etwa bei Textilien und Schuhen, mit Fahrrädern und Fotomarkt Konkurrenz machen.

Widerspruch kam vom Derendinger Ortsbeirat Jörg Krauß, im Hinblick auf die Diskussion um „dm“: „Ein Drogeriemarkt in Derendingen ist nicht verkehrt.“ Denn Tübingen verändere sich, so Krauß, wachse derzeit vor allem in Lustnau und Derendingen: „Die Leute, die dort hinziehen, wollen Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe haben.“ Woraufhin Soehlke zugestand, dass die Stadtteile durchaus das Recht auf eigene Nahversorger hätten.

Angelika Gürtler, BI Altstadt Angelika Gürtler, BI Altstadt

Auch ein anderes Thema wurde kontrovers diskutiert: „Was wirklich schlimm ist, sind die besoffenen Gröler, die Tübingen nachts zum Abenteuerspielplatz für Erwachsene machen“, sagte die langjährige Altstadt-Bewohnerin Angelika Gürtler. „Das Nachtleben in Tübingen war schon mal besser“, konterte Kino-Besitzer Stefan Paul: „Tübingen ist von Sonntagabend bis Mittwoch eine Schlafstadt.“ Dank doppeltem Abiturjahrgang und exzellenter Universität werde Tübingen schon bald an die 30 000 Student(inn)en beherbergen, so Paul: „Die beklagen sich dann, dass nichts los ist.“

Diesen Eindruck hat auch ein anderer Altstadt-Bewohner. In den vergangenen drei Jahren habe die Publikumsfrequenz in den Altstadtgassen merklich nachgelassen, vor allem am Abend, sagte Nonnenhaus-Restaurator und WUT-Vorstandsmitglied Ernst Gumrich: „Früher war die Stadt bei gutem Wetter voll.“ Und was ist mit den von Gürtler beklagten lärmenden Horden besoffener Einheimischer und Touristen? Ganz einfach, fand Gumrich: „Wenn ich mal nicht schlafen kann, gibt es ja Ohrstöpsel.“

Sollen Läden sonntags von 13 bis 18 Uhr öffnen dürfen?
Eine generelle Erlaubnis, Innenstadt-Läden sonntags von 13 bis 18 Uhr für den Verkauf zu öffnen, brachte Christian Riethmüller ins Spiel – zuständig wäre die grün-rote Landesregierung. „Der Tag, an dem Tübingen am vollsten ist, ist der Sonntag“, sagte das Vorstandsmitglied des Tübinger Handel- und Gewerbevereins (HGV). Zugleich sei der Sonntag schon heute der Tag mit dem höchsten Verkaufsumsatz bundesweit – allerdings im Internet. Für den Vorstoß kassierte Riethmüller beim TAGBLATT-Podium einige Buh-Rufe. Ein Besucher erregte sich: „Das ist ein weiteres goldenes Kalb, um das dann auch am Sonntag getanzt werden soll.“


22.07.2012 - 01:00 Uhr | geändert: 22.07.2012 - 01:05 Uhr

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