Merkwürdige Provinz, man nimmt sie nicht zur Kenntnis. Vor ziemlich genau zwei Jahren berichtete das TAGBLATT über Martin Sandberger, wörtlich: „Mit 96 Jahren der letzte überlebende NS-Verbrecher mit Tübinger Vergangenheit“.
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Niemand wollte Genaueres wissen, auch nicht die Staatsanwaltschaft, deren Stuttgarter Sprecherin sich laut „Spiegel“ vorige Woche so fassungslos zeigte, dass Sandberger immer noch lebte. Wie ja auch das Hamburger Magazin mit Entdeckerstolz in seiner jüngsten Ausgabe über die letzten Tage des SS-Einsatzgruppenführers berichtet, ehe dieser am 30. März gestorben ist.
Sandberger lebte zuletzt in der Stuttgarter Seniorenresidenz „Augustinum“. Von einem Gespräch mit diesem Überlebenden einer Verbrecherclique war – dies bewies auch der „Spiegel“ – nichts Neues mehr zu erwarten. Seine Karriere ist längst bekannt. Sie begann in Tübingen, wo er Jura studierte und bereits im Juli 1932 für den Studentenverband der Nationalsozialisten zum AStA-Vorsitzenden gewählt wurde. Er – später als SS-Einsatzgruppenführer einer der Hauptverantwortlichen für den Massenmord an den Juden des Baltikums – war es, der am 8. März 1933, trotz Verbots, an der Neuen Aula die Hakenkreuzflagge aufzog. Übrigens zusammen mit seinem Jura-Kommilitonen Erich Ehrlinger, der sich im Krieg ebenfalls als Führer einer SS-Einsatzgruppe beim Judenmord hervortat. Sandberger hat immerhin ein paar Jahre seiner lebenslangen Zuchthausstrafe abgesessen, zu der er nach dem Nürnberger Todesurteil begnadigt worden war. Gegen Ehrlinger war das Gerichtsverfahren 1969 „wegen dauernder Verhandlungsunfähigkeit“ eingestellt worden. Auch dieser Nazi konnte ein alter Nazi werden, er ist 2004 im Alter von 93 Jahren eines friedlichen Todes gestorben.
Der Münchner Anthropologe Bruno Beger, der zusammen mit dem Tübinger Anthropologen Hans Fleischhacker 1943 in Auschwitz 86 Juden selektierte, die für eine geplante Skelettsammlung an der damals deutschen Universität Straßburg ermordet wurden, starb vorigen Oktober. Den SS-Hauptsturmführer hatte sein ruhiges Gewissen 98 Jahre alt werden lassen.
Unter falschem Namen kam unmittelbar nach dem Krieg die NS-Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink nach Bebenhausen. Sie wurde enttarnt, im Entnazifizierungsverfahren zu den „Hauptbelasteten“ gezählt, aber nie vor ein deutsches Gericht gestellt. Sie blieb der NS-Ideologie verhaftet, veröffentlichte 1978 beim rechtsextremen Grabert-Verlag ihre Memoiren und verschied 1999 in Bebenhausen im Alter von 97 Jahren.
Vor vier Wochen endlich wurde in München der 89jährige SS-Mann Heinrich Boere zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilt. Den Mörder, gebürtiger Niederländer, hatte fast ein Leben lang geschützt, dass er mit seiner SS-Mitgliedschaft die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hatte. Er konnte weder ausgeliefert noch vor ein deutsches Gericht gestellt werden. Das selbe Rechtsproblem, von Politik und Justiz bis in die jüngste Vergangenheit verschleppt, hat dem SS-Mann Toon Soetebier einen beschaulichen Tübinger Lebensabend beschert. Allein drei Jahre hing sein Verfahren bei der hiesigen Staatsanwaltschaft fest (das TAGBLATT berichtete mehrfach) – im Alter von 87 Jahren starb er unbelangt.
Immerhin: Noch vor drei Jahren ist ein greise gewordener Kriegsverbrecher vor dem Tübinger Landgericht wegen 18fachen Mordes in Civitella/Italien angeklagt worden. Aber aussichtslos. Als das Gericht über die Zulassung der Anklage beriet, war der 85jährige Tübinger Bundeswehroberstleutnant a.D. unbemerkt verstorben. Hans-Joachim Lang
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