In einem Brief an Ministerpräsident Günther Oettinger plädiert OB Boris Palmer dafür, außer den im Schlossmuseum vorhandenen Eiszeit-Figuren auch das Mammut in Tübingen zu belassen. Die Uni will vor allem einen „hochwertigen“ Ausstellungsort.
Tübingen. Seit vergangenem Freitag steuerten zweitausend Besucher das Tübinger Schlossmuseum an, deutlich mehr als gewöhnlich. Noch bis einschließlich Sonntag wird dort das Mammut vom Vogelherd gezeigt, das älteste vollständig erhaltene Kunstwerk der Menschheit. Die dreieinhalb Zentimeter kleine und siebeneinhalb Gramm leichte Elfenbeinskulptur wurde vor ungefähr 35 000 Jahren geschaffen.
Vor einem Jahr präsentierte Urgeschichtler Nicholas Conard erstmals das Vogelherd-Mammut. Maria Malina zeigt ein Foto mit der Figur an der Fundstelle. Archivbild: Metz
Im Schlossmuseum befindet sich das Mammut in guter Gesellschaft, denn im dortigen Eiszeittiergarten tummeln sich noch Mammut und Bison, Rentier und Nashorn, Löwe und Schneeleopard. Außerdem, bislang das Prachtstück, ein Wildpferd. Allesamt wurden sie 1931 von dem Tübinger Urgeschichtler Prof. Gustav Riek bei Ausgrabungen in der Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen gefunden. Mehr als 50 Jahre freilich zählte das Ensemble zu den eher unterbewerteten Schätzen der Eberhard-Karls-Universität. Auch am Fundort gab es kein wahrnehmbares Interesse.
Tübinger Tierpark als „Spiegel“-Titel
Im Vorfeld der im kommenden Herbst in Stuttgart stattfindenden großen Landesausstellung zu Kunst und Kultur der Eiszeit kam es zu einem Umschwung. An den Fundplätzen gibt es nun Planungen, das Kulturerbe vor Ort zu dokumentieren. Als oberstes Wunschziel wird genannt, zwei Höhlen im Lonetal, darunter der Vogelherd, und zwei Höhlen im Achtal bei Blaubeuren bei der Unesco als Weltkulturerbe anzumelden. Das Landesdenkmalamt ist damit zwar befasst, aber konkrete Vorstellungen gibt es noch nicht.
Bei der Landesausstellung wird der Tübinger Eiszeitzoo im Mittelpunkt stehen, mit ihnen aber auch die Tübinger Universität und ihre Urgeschichtler, neben Riek noch seinen Nachfolger Prof. Hansjürgen Müller-Beck und dessen Nachfolger Prof. Nicholas Conard. Im Hinblick auf die Landesausstellung hat Conard 2005 mit einem Team am Vogelherd Nachgrabungen begonnen und in der über mehrere Jahre dauernden Kampagne neue Objekte freigelegt, darunter das spektakuläre Mammut, und damit Belege für neue Theorien zur Kulturgeschichte. Es sind Forschungen, die international beachtet werden.
Nachdem nun Überlegungen bekannt wurden, dass die Tübinger Menagerie nach der Landesausstellung abgezogen werden könnte, wurde jetzt Palmer aktiv. Bei allem Verständnis für auswärtige Interessen spricht er sich in seinem Brief an Oettinger dafür aus, die Vogelherdfiguren „nahe am Ort der wissenschaftlichen Erkenntnis zu präsentieren“, integriert in einer der „bedeutendsten deutschen Universitätssammlungen“.
Voll Empathie reklamiert Palmer auch das neueste Prachtstück für die Universitätsstadt: „Für Stadt und Universität könnte das Mammut als emotional anrührendstes Kunstwerk der Vogelherdfiguren identitätsstiftend wirken. Die ältesten Kunstwerke der Welt an der ältesten Universität Württembergs, hier erforscht und enträtselt, hier ausgestellt, das ist aus meiner Sicht die richtige Form des Umgangs mit einer solch sensationellen Entdeckung.“ Zugleich stellt der Oberbürgermeister auch finanzielles Engagement der Stadt in Aussicht, damit „das Mammut im Tübinger Tierpark bleiben kann und dauerhaft auf dem Schloss zu besichtigen ist“.
In der Universiät hört man solche Bekenntnisse gern, will sich aber in der Standortfrage noch nicht festlegen. „Ich will mich nicht in die politische Entscheidung einmischen“, sagt Nicholas Conard. Sein Ziel: „Die Kleinplastiken sind Kunst von Weltrang und sollten in einer Spitzeneinrichtung hochwertig präsentiert werden.“ Entscheide sich die Landesregierung nicht für Tübingen, hätte Conard damit „kein Problem“.
Blaubeuren als
Tübinger Schaufenster
Rektor Bernd Engler sucht den Ausgleich und ein gemeinsames Nutzungskonzept. „Wir wollen keinen Kleinkrieg.“ Er betont, dass das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren (Conard: „Hauptstadt der Eiszeitkunst“) von der Tübinger Universität gegründet und ausgebaut wurde. „Es ist ein Schaufenster für uns.“ Dessen wissenschaftlicher Leiter ist Nicholas Conard. Ließe sich das Land gewinnen, die Blaubeurener Ressource präsentabel auszubauen, wäre dies auch ein Gewinn für die Universität.
In Stuttgart war gestern nichts Verbindliches zu erfahren. Das Wissenschaftsministerium bevorzuge eine Präsentation, „die dem außerordentlichen Rang der Kunstwerke gerecht wird“, sagte Sprecherin Marion Jung auf Anfrage. Noch im kommenden Jahr sei mit einer Entscheidung des Kabinetts zu rechnen.