[X]
 per eMail empfehlen


   

Schön hell und schön eng

Lob und Erleichterung, Wut und Skepsis bei Mühlstraßen-Eröffnung

Die Mühlstraße ist wieder offen für den Verkehr. Die umliegenden Händler feiern, die Anwohner preisen das Ende des Lärms. Und die Stadt zeigte einen Satire- Streifen über Pfusch am Bau.

Anzeige


Eike Freese
Der Bekloppte und sein Presslufthammer: Bomba Tzur alias Kasimir Blaumilch in Ephraim Kishons ... Der Bekloppte und sein Presslufthammer: Bomba Tzur alias Kasimir Blaumilch in Ephraim Kishons „Der Blaumilch-Kanal“. Die Tiefbau-Posse um eine völlig überforderte Stadtverwaltung zeigte das Team um OB Boris Palmer (links, mit orangenem Schal) am Freitagabend auf der Mühlstraße als Geste der Versöhnung. Bild: Faden

Tübingen. Das Warten hat ein Ende. Seit Samstag ist die Mühlstraße wieder für den Verkehr geöffnet. Im Tagesverlauf nahmen die Tübinger zu Hunderten die neugestaltete Hauptverkehrsader in Augenschein. Die Händler in Mühlstraße, Pfleghofstraße, Hafengasse und am Museum feierten ihre wiedergewonnene Anbindung an die örtlichen Kundenströme. „Wir sind hier alle sehr erleichtert. In den letzten Wochen haben teilweise nur noch zehn Kunden am Tag den Weg zu uns gefunden“, sagte Marko Ibrahimovic, Geschäftsführer des Modeladens „Macho“ in der Mühlstraße.

Nach den zahlreichen Verzögerungen der Vergangenheit war es für die meisten Anwohner, Händler und Passanten eine Überraschung, dass die zentrale Passage doch noch fristgerecht zu Beginn der Adventszeit fertig gestellt wurde. Die beschäftigten Bauleute hatten mit zahlenmäßiger Verstärkung und Überstunden die – so OB Boris Palmer – „Punktlandung“ möglich gemacht.

Rabatte von bis zu 20 Prozent, Live-Bands und Stadtführungen sollten am Samstag die Innenstadt-Passanten auf die lange brachliegende Shopping-Route zurücklocken. „Heute war es fast so lebhaft wie im Weihnachtsgeschäft“, verbuchte Martin Hägele, Geschäftsführer des Büro-Handels Betz den Tag als Erfolg.

Anwohner und Händler sparten aber auch nicht mit Kritik an der Baupolitik der Stadt. Vor allem im Gebiet um Pfleghofstraße und Hafengasse war Verärgerung über die lange Baudauer spürbar. „Die Verluste der vergangenen Monate kriegen wir so leicht nicht wieder rein“, klagte ein Ladeninhaber. „Ohne Übertreibung: Für einige von uns Geschäftsleuten waren die Baustellen existenzbedrohend.“

Mit Interesse und Skepsis verfolgten zahlreiche Tübinger zudem die Verkehrslage auf der neuen Mühlstraße. Erste Hindernisse für den künftigen Verkehr waren unschwer auszumachen. So ist die Situation für Lieferanten bislang noch nicht geklärt: Hält wie am Samstag ein Lieferwagen auf dem Bürgersteig der Mühlstraße, sind der Fahrradweg und auch ein Gutteil des als Flaniermeile angelegten Gehweges blockiert. Die schmal gebaute Fahrbahn zwingt zudem die einander entgegenkommenden Busse dazu, mit den Reifen auf die abgeschrägte Bordsteinkante auszuweichen. „Halten Sie sich von der Fahrbahn fern“, warnte der Kunsthistoriker Gernot Närger die Zuhörer auf seinen Mühlstraße-Führungen am Samstag, wenn sie in die Nähe der ausladenden Bus-Seitenspiegel kamen. „Sonst ereilt Sie womöglich das Schicksal, das als Horrorszenario so oft im TAGBLATT beschrieben wurde.“

Für die helle Optik der aufgemöbelten Mühlstraße allerdings gab es durchweg lobende Worte. „Endlich fällt einem mal auf, was für eine Repräsentier-Meile die Straße mal war“, freute sich eine Passantin. Lobende Worte gab es auch für die beleuchtete Mauer.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer am Freitagabend vor der Aufführung der Tiefbau-Posse „Der Blaumilchkanal“. Als Geste der Versöhnung hatte die Stadt kurzfristig ein herbstliches Open-Air-Kino auf der Mühlstraße organisiert.

„Der Blaumilchkanal“: Die größten Lacher beim Rathaus-Kinoabend

Ungeniert protzte der Bürgermeister am Freitagabend bei der Eröffnung des gerade fertiggestellten Verkehrsweges: „Endlich seht ihr Leute einmal, was wir mit den Steuern machen, die ihr immer zahlen müsst!“ – „Das ist das Werk eines Irren!“, kommt es aus dem Publikum. – „Ja, wir ließen uns nie beirren!“ Ephraim Kishons „Der Blaumilchkanal“ von 1969 sorgte für zahlreiche Lacher bei der Aufführung am Freitagabend, mitten auf der neuen Mühlstraße. Das Ränkespiel um eine völlig vernunftlos durchgeführte Baumaßnahme hatte rund 200 Tübinger und viel Stadt-Prominenz in die Mühlstraße gelockt. OB Boris Palmer übernahm (wir berichteten) nicht nur die politische Verantwortung für den Bau, die Planungsfehler und die Nachbesserungen an der Mühlstraße. Mit dem herbstlichen Kino-Abend besorgte er überdies die satirische Nachbereitung des umstrittenen Projekts. Der Wiedererkennungswert des absurden Schauspiels war hoch. Fast jeder Satz ein Lacher: „Das einzige, was gegen diese Stadtverwaltung hilft, ist der organisierte Widerstand der Bürger!“ – „Die haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank bei der Stadtverwaltung!“ – „Denken Sie an die Anwohner: Ihre Nerven sind total zerrüttet!“

30.11.2009 - 08:00 Uhr | geändert: 30.11.2009 - 08:24 Uhr
Anzeige


Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T�bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Anzeige


Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion

Single des Tages
Anzeige
Testbericht.de - vergleichen Sie über 100.000 Produkte mit Tests und Preisangeboten.