Es ist eine Leistungsschau der Altsteinzeit in Baden-Württemberg, die Landesausstellung "Eiszeit - Kunst und Kultur", die gestern in Stuttgart eröffnet wurde - eine Schau der Superlative.
Anzeige
HENNING PETERSHAGEN
Auch wenn sie Gefahr läuft, übersehen zu werden, ist die Venus vom Hohlen Fels der Star der Eiszeitschau. Foto: dpa
Stuttgart Der 600 000 Jahre alte Unterkiefer des Homo Heidelbergensis und der 300 000 Jahre Schädel aus Steinheim an der Murr sind, wenn man so will, die Relikte der ältesten bekannten Landeskinder. Seit gestern begrüßen sie die Besucher der neuen Landesausstellung, in der auch die 40 000 Jahre alten Gebeine des Neandertalers und der älteste bislang in Europa anatomisch moderne Mensch zu Gast sind: Sein 31 000 Jahre alter Schädel wurde im tschechischen Mladec gefunden.
Mit dem anatomisch modernen Menschen, dessen Erscheinen mit dem Verschwinden des Neandertalers zusammenfällt, begann eine Kulturrevolution, deren weltweit älteste Zeugnisse aus dem Bereich des heutigen Baden-Württemberg stammen: die ältesten figürlichen Kunstwerke - und Musikinstrumente - aus den Höhlen der Schwäbischen Alb.
Diese einmalige Sammlung von mittlerweile über 50 Kleinkunstwerken aus dem Ach- und Lonetal gab den Ausschlag für diese Leistungsschau der Eiszeitkünstler. Und wunderbarerweise hat das Team des Tübinger Urgeschichtlers Nicholas Conard im Zeitraum zwischen Planung und Eröffnung noch zwei Extremfunde bergen können: das Mammut als älteste unversehrte Kleinplastik und die Venus vom Hohlen Fels, die mit ihren 40 000 Jahren die älteste bekannte Menschendarstellung der Welt ist.
Die beiden sind die Stars der Ausstellung - an denen man jedoch beinahe vorübergeht, ohne sie zu bemerken. Zwar wurden ihnen gesonderte Vitrinen zugebilligt, welche die Venus auch noch teilen muss mit der bisherigen Alters-Rekordhalterin, der 32 000 Jahre alten Fanny aus Stratzing. Aber es fehlt jegliche Dramaturgie, welche die Bedeutung dieser neuen Funde auch nur annähernd spürbar werden lässt. Und so fügen sie sich brav ein in die sie umgebende Eiszeit-Menagerie, die ebenfalls Weltstars zu bieten hat wie das Wildpferdchen und den Löwenmenschen aus dem Lonetal.
Die Frage, ob diese einmalige Ansammlung auf der Alb bedeutet, dass dort die kulturelle Wiege der Menschheit stand, beantwortete Conard den fragenden Journalisten abschlägig. Zum einen seien dort die Erhaltungsbedingungen ideal. Hinzu komme jedoch auch, dass die Erforschung der Vor- und Frühgeschichte in Württemberg besonders ausgeprägt sei und auf eine über hundertjährige Tradition zurückblicken kann. Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass eines Tages anderswo noch ältere Funde zutage träten.
Im Übrigen schrieb er all jenen, welche nun die Schwaben für die Erfinder der Kultur halten, ins Stammbuch, dass die damaligen Bewohner des heutigen Baden-Württemberg noch lange keine Schwaben waren.
Die Ausstellung reicht jedoch weit über die Landesgrenzen hinaus. Es geht um ganz Europa und um einen Zeitraum, der vor 2,6 Millionen Jahren mit dem Altpaläolithikum beginnt und vor 6500 Jahren endet, als die Eiszeit längst vorüber und der Mensch vom nomadisierenden Jäger und Sammler zum Bauern geworden war.
Diese Entwicklung ist nachzuvollziehen an zahlreichen Fundgegenständen, die naturgemäß in hohem Maße erläuterungsbedürftig sind. Dieser Kleinteiligkeit, die den Betrachtern ein gewisses Maß an Konzentration abverlangt, begegnen die Ausstellungsmacher durch ein großzügiges Entree. Der erste Raum bietet eine raumfüllende Collage zur Frage "Woher kommt der Mensch?" mit illustrierten Antworten aus allen Kulturepochen. Auch die Klischees und Persiflierungen des Urmenschen werden aufgegriffen, etwa mit dem Filmplakat "Als die Frauen noch Schwänze hatten".
Auch Klima und Umwelt der Eiszeit sind großzügig installiert und mit getrockneten Pflanzen, mit Tierskeletten und interaktiven Bildschirmen angereichert. Den Forschern und Wissenschaftlern aller beteiligten Disziplinen wird die angemessene Reverenz erwiesen. Erst dann folgt der Hauptteil mit den beeindruckenden Exponaten, alles Originale - bis auf eine einzige Ausnahme, die Kopie des 1,78 Millionen alten Schädels aus Dmanissi in Georgien. Das ist der älteste bekannte Fund eines Frühmenschen außerhalb Afrikas. Wo im Übrigen das Original nicht zu haben war, blieb der Platz in der Vitrine leer - etwa jener der Venus von Willendorf, die durch Abwesenheit glänzt.
Dafür gibt es haufenweise andere Venüsse - allerdings wesentlich jüngere als die von der Alb. Die Damenriege zeichnet sich überwiegend aus durch üppige Körperformen, nicht selten durch kunstvolle Frisuren - aber meist durch das Fehlen von Gesichtszügen.