Lebenshilfe feierte mit 400 Gästen ihr 50-Jähriges
Der Wunsch war eindringlich: Es sollten nicht nochmal 50 Jahre vergehen, bis die Inklusion (Teilhabe) erreicht ist. Das sagte Willi Rudolf, der Behindertenbeauftragte des Landkreises, beim Fest zum 50-Jährigen der Lebenshilfe.
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Ute Kaiser
Tübingen. „Es ist normal, verschieden zu sein“: Die Botschaft des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker sollte allgemeingültig sein. Doch der Festakt am Freitagabend im Sparkassen Carré zeigte, dass noch viele „Barrieren im Kopf“ abgebaut werden müssen, von denen Tübingens Erster Bürgermeister Michael Lucke sprach. Und dass noch viel zu tun ist, bis ein „möglichst selbstbestimmtes Leben“, so Jens Eymann für die Lebenshilfe, endlich Wirklichkeit wird.
Mit der mitreißenden Musik der Brenz Band aus Ludwigsburg endete der knapp vierstündige Festakt der Lebenshilfe am Freitagabend im Sparkassen Carré. Bild: Metz
Eltern wollten vor 50 Jahren die Ausgrenzung ihrer behinderten Kinder nicht länger hinnehmen. Ohne das Engagement dieser Familien, so die Lebenshilfe-Vorsitzende Ingeborg Höhne-Mack, „hätte es diesen Verein nicht gegeben“. Was er seither zuwege gebracht hat, war im von Lebenshilfe-Mitarbeiter Artur Musiol präsentierten Bilder-ABC zu sehen und ist auch dem 42-seitigen Jubiläums-Magazin zu entnehmen.
Mitten im Leben dabei sein: Dieser Wunsch zählt nicht nur bei Heimspielen des VfB. Er wird auch bei Freizeiten, Ausflügen und den Begegnungen mit Gruppen aus Jena und den Tübinger Partnerstädten realisiert. Mit Partnern im peruanischen Villa El Salvador gibt es gelegentlich Videokonferenzen. Ohne Ehrenamtliche wäre das Angebot, zu dem auch Feste und die Kunst-Gruppen zählen, nicht möglich. Die Beiträge illustrierten das Motto „Vielfalt ist Trumpf“, das die Lebenshilfe fürs Jubiläumsjahr gewählt hat.
Viele Wünsche sind noch offen
Die Arbeit der Lebenshilfe „ist von unschätzbarem Wert“, sagte Christoph Gögler, der Vorstands-Chef der Kreissparkasse, die das Fest ideell und materiell etwa mit der Bewirtung der rund 400 Gäste unterstützte. „Menschen mit Behinderung gehören zu uns – mitten ins Leben“, sagte Landrat und Schirmherr Joachim Walter. In den 1950er Jahren war das anders. Damals sei eine Schulpflicht „nicht denkbar gewesen“. Seit 1995 bietet die Lebenshilfe verschiedene integrative Wohngemeinschaften an, von denen Miriam Schmid, Markus Hansper und Fabian Schuster berichteten. Beim Stand im Foyer konnten sich die Gäste zudem über die Angebote der beruflichen Bildung informieren.
Rudi Sack, Geschäftsführer des Lebenshilfe-Landesverbands, führte durch den Abend und moderierte auch das Podium über Inklusion. Es gibt noch viel zu tun, so das Fazit. Uschi Neumann von den Eltern für Inklusion wünschte sich unter anderem, dass es selbstverständlich ist, dass „jedes Kind am Ort zur Schule gehen kann“, und eine Beratungsstelle für Eltern. Frank Bahnmüller von der Agentur für Arbeit hofft, dass sich noch „viele mutige Arbeitgeber finden, die sich am inklusiven Arbeitsmarkt beteiligen“. Willi Rudolf appellierte ans Publikum, sich in Politik und Gesellschaft einzumischen, damit die UN-Konvention zur Teilhabe umgesetzt wird.
„Inklusion geht uns alle an“, sagte Elvira Martin vom Koordinationstreffen Tübinger Behindertengruppen. Sie sieht zwar Erfolge, findet aber, dass das „Tempo erhöht werden könnte“. Der Landkreis gibt rund 30 Millionen Euro pro Jahr für die Eingliederungshilfe aus, sagte der Landrat. Er sei sicher, dass man auch in Zukunft noch Sonderschulen und Außenklassen brauche. Inklusion, so Gerd Weimer, der Landesvorsitzende des Paritätischen, sei nicht zum Nulltarif zu haben. Er forderte eine andere Lehrerausbildung, die individualisierte Arbeit in kleinen Gruppen ermögliche. Simone Mack lebt in einem integrativen Wohnprojekt. Ihr größter Wunsch zum 60-Jährigen des Vereins: ein Liveauftritt von Herbert Grönemeyer für ihre Mutter und Lebenshilfe-Geschäftsführerin Antonie Platz. Die Gäste am Freitag genossen die Musik der Brenz Band, die am Abend immer wieder aufspielte.