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Ein X als unbestimmte Größe

Kunst-Staatssekretär Jürgen Walter im Sudhaus

Frohe Kunde fürs Sudhaus und fürs LTT. Denn der Kunst-Staatssekretär war da.

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Wilhelm Triebold
Ja, ist denn schon wieder Weihnachten: Kulturpolitiker Jürgen Walter.Bild: Metz Ja, ist denn schon wieder Weihnachten: Kulturpolitiker Jürgen Walter.Bild: Metz

Tübingen. Er kommt aus der alternativen Kulturszene, die so gerne Soziokultur genannt wird. Der 54-jährige Jürgen Walter organisierte, bevor er 1992 für die Grünen in den Landtag einzog, sechs Jahre lang im Ludwigsburger Kulturzentrum Scala Jazzkonzerte und Kabarettabende. Dass er nun als Kunst-Staatssekretär seine kleine Tübinger Rundreise im Sudhaus abschloss, hatte also etwas Programmatisches. Zumal er auch Positives für die hiesigen Soziokulturschaffenden vermelden konnte.

Die Landesregierung will die seit 14 Jahren versprochene Zwei-zu-eins-Förderung vom nächsten Jahr an umsetzen und den Kulturinitiativen oder Soziokulturellen Zentren auf jeden kommunalen Euro noch einmal 50 Cent drauflegen. Für das Sudhaus bedeutet das jährlich 60 000 bis 70 000 Euro zusätzlich. Diese gute Nachricht bringt dem Soziokulturzentrum an der B27 aber noch viel mehr. Denn Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer gibt mit dem Entgegenkommen des Landes, das sich außerdem auf zugesagte Bauzuschüsse erstreckt, seinen bisherigen Widerstand gegen den Ausbau des Sudhaus-Saales auf.

Die Sorge, wie dann der laufende Betrieb zu bewerkstelligen ist, bestehe mit der aktuellen Finanzierungszusage aus Stuttgart nicht mehr, meinte Palmer gestern. Inzwischen sei er „überzeugt, dass der Saal erforderlich ist. Ich stelle mich hinter den Saalanbau!“ Ein Bekenntnis, das vom Sudhaus „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ vernommen wird, wie Sudhaus-Geschäftsführer Adalbert Sedlmeier einräumt. Denn bei aller Freude über die Bewegung beim Saalprojekt müssen sich die Sudhaus-Aktivisten nun wohl von der großen Lösung, die ihnen einen Saal mit rund 650 Sitzplätzen und über 1000 Stehplätzen beschert hätte, verabschieden.

Palmer machte nämlich gestern kein Hehl daraus, dass er den großen Saal für ein zu großes Risiko hält. Er unterbreitete dem Sudhaus lieber ein „Angebot: Lasst uns gemeinsam versuchen, den Saalanbau auf der bisherigen Etage so weit zu vergrößern, dass das Sudhaus eine gesicherte Zukunft hat!“ Eine nachgebesserte „kleine Variante“ wird mit rund zwei Millionen Euro beziffert. Sedlmeier will wenigstens in der Formel „350 Plätze plus X“ das X möglichst groß ausfallen lassen.

Staatssekretär Walter bekräftigte umgehend: „Es ist noch Geld da fürs Sudhaus.“ Das Tübinger Soziokulturzentrum ist wohl das letzte Haus im Ländle, das vorerst in den Genuss solch einer speziellen Landes-Bauförderung kommt. Danach wird der Topf, kündigt Walter an, „auf kleinerer Flamme köcheln“. Vorausgesetzt wird aber, dass der kommunale Beitrag im Haushalt bis März kommenden Jahre geregelt und der Aufstockungsantrag auch rechtzeitig gestellt wird.

Eine Million Euro mehr macht das Land nun für die Soziokultur locker, und insgesamt schüttet es 7,5 Millionen Euro zusätzlich für die Kultur im Land aus. Walter weiß, wie schwer das wird angesichts engerer Spielräume, bei angekündigte Neuverschuldung und Schuldenbremse. Er macht sich keine Illusionen und ist sich im Klaren, dass der Kultur-Anteil im Landeshaushalt, der bei einem Prozent liegt, immer noch zu niedrig geblieben ist. „Am liebsten hätte ich zwei Prozent.“

Da er die nicht hat, reist der Kultur-Staatssekretär zumindest mit offenem Ohr über Land, durch Städte und Gemeinden, und trifft „auf viele Begehrlichkeiten“. Jürgen Walter, nach eigenem Bekunden ein Vertreter „dialog-orientierter Kulturpolitik“, merkt dabei, dass bei ebenjener Kulturpolitik „in der Vergangenheit viel auf Sicht gefahren wurde.“ Gerade im laufenden Betrieb sei noch „vieles unterfinanziert“. Die so genannte Hochkultur spielt er dabei keineswegs gegen andere Kulturformen aus. „Ich werde nicht eine Million dem Staatstheater wegnehmen, um sie der Soziokultur zu geben.“

Walter versucht Grundsätzlicheres anzusprechen. „Die Kultur muss sich mehr stark machen in der Gesellschaft“, fordert er. Der müsse man klar machen, was sie von der Kultur habe, nämlich „nicht nur einen schönen Abend: Es werden Werte vermittelt.“ Da sieht er den Feind längst woanders, „im Gegensatz zu dem, was wir mit der Kultur vermitteln wollen“. Etwa in der Trash-Kultur à la „Dschungelcamp“, wie sie bereits „mitten in der Gesellschaft“ angekommen ist.

Walter und sein Parteifreund Palmer besuchten neben dem Sudhaus am gestrigen Tag auch das Uni-Museum (siehe links ) und das Tübinger Landestheater. Hier steht die Vereinbarung im Raum, dass Stadt und Land die nächsten vier, fünf Jahre die LTT-Tarifsteigerungen ausgleichen. Außerdem erreicht Tübingen wohl früher als vorgesehen die anpeilte 70:30-Förderregelung zwischen den Theaterträgern Land und Stadt. Bereits 2016 oder 2017 könnte es soweit sein. Tübingen wird dann 1,5 Millionen Euro für sein größtes Theater aufwenden. Derzeit liegt der Schlüssel bei 76 (Land) zu 24 (Stadt).

Eiszeittierchen in den Pfleghof oder in den „Löwen“?
„Ein untragbarer Zustand“, schauderte es den Kultur-Staatssekretär bei der Stippvisite im Schlossmuseum, „sensationelle Funde stehen irgendwo im Gang!“ Jürgen Walter begrüßt, dass jetzt nach einer Lösung gesucht wird, und dass es eine Kooperation zwischen den Fundortgemeinden Blaubeuren und Niederstotzingen sowie Tübingen geben soll. Ab 2013 soll das „Kulturland Baden-Württemberg“ stärker beworben werden, kündigte Walter an. Er will auch auf neue Sponsoren und Mäzene zugehen: „Die Würths und Leibingers wird‘s nicht ewig geben.“ Auf Treffen soll ausgelotet werden, ob die Leute ihr Geld sinnvoller hergeben als „für den zehnten Ferrari oder neunten Porsche.“
Am Rande des Politikerbesuchs brachte die Gemeinderatsfraktion der AL/Grünen alternative Standorte für das prähistorische Nobelsammlung ins Spiel. „Die Eiszeitfunde müssen zentraler ausgestellt werden“, meint Fraktionsvize Heinrich Schmanns, „denn nur wenige quälen sich den steilen Berg zum Schloss auf unwegsamem Pflaster hoch.“ Die AL/Grünen hätten gern einen barrierefreien, familienfreundlichen Standort, am besten mit Café. Favorisiert werden ein Raum im Pfleghof, der allerdings noch zu den Musikwissenschaftlern gehört, das Parterre im ehemaligen „Löwen“-Kino (derzeit ebenfalls vermietet) oder ein Platz bei den Ausstellungsvitrinen des Museums an der Wilhelmstraße. Und „zwischendurch lockt die Tübinger Altstadt zum Bummeln und Einkaufen“.


03.12.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 06.12.2011 - 18:48 Uhr
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