Er war Weltethos-Redner und der Region auch sonst eng verbunden. Viele, die Horst Köhler bei seinen Besuchen erlebt hatten, bedauern seinen Rücktritt – aber nicht alle.
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Renate Angstmann-Koch
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Tübingen. 2004 sprach der Bundespräsident auf Einladung Hans Küngs im Festsaal. Immer wieder kam er in die Region: vor drei Jahren zur Feier des 50-jährigen Bestehens des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung IAW, für das er von 1969 bis 1976 arbeitete; Im Oktober 2009 nach Tübingen zu Erwin Teufels 70. Geburtstag, im vergangenen März zur Eröffnung des neuen Boschwerks nach Reutlingen. „Ich habe ihn sehr positiv erlebt. Sehr volksnah und den Menschen hier zugewandt“, bedauert Boris Palmer Köhlers Schritt. Unmittelbar nachvollziehen kann ihn Tübingens OB nicht. Seine Vermutung: Die Kritik an Köhlers Äußerungen kann nur „der Tropfen auf den heißen Stein gewesen sein, „er war nicht mehr glücklich mit dem Amt.“
Auch aus Sicht von Rita Haller-Haid machte Köhler „eine ausgesprochen gute Figur“. Er habe klare Worte zur Griechenland-Hilfe gefunden und zu recht einen gesellschaftlichen Diskurs über Afghanistan angeregt. „Ich verstehe den Rücktritt nicht so ganz“ räumt auch die SPD-Landtagsabgeordnete ein.
Nicht erst in den letzten Tagen sei „von manchem Oppositions-Politiker in unverantwortlicher Weise“ mit Köhler und dem Amt des Bundespräsidenten“ umgegangen worden, kritisiert die CDU-Bundestagsabgeordnete Annette Widmann-Mauz: „Da haben sich einige deutlich im Ton vergriffen.“ Der CDU-Kreisvorsitzende Klaus Tappeser sah ebenfalls keinen Grund für einen Rücktritt, „er macht doch gute Arbeit“. Gerade in der „wirtschaftlich ausgesprochen angespannten Situation, wo man bei den Mäusen das Futter für die Elefanten einsparen will, ist das als ausgewiesener Wirtschaftsfachmann heftig“.
Als Weltethos-Redner wurde Horst Köhler mit seiner Frau Eva (rechts) 2004 vor der Neuen Aula vom damaligen Uni-Rektor Eberhard Schaich (links), dem früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Hans Küng begrüßt. Archivbild: Metz
Köhler wäre hilfreich gewesen, „als Kenner der Materie Vertrauen zu schaffen“, findet auch Pascal Kober, der die „unprätentiöse, bescheidene Art“ des Präsidenten schätzte. Der Reutlinger FDP-Abgeordnete, Mitglied im Menschenrechtsausschuss hebt hervor, dass Köhler „immer ins Blickfeld rückte, dass Afrika nicht nur ein Problemkontinent ist, sondern auch Potential hat.“
Die Bundestagsabgeordnete der Linken Heike Hänsel findet den Rücktritt dagegen „völlig angebracht“. Es sei „völlig inakzeptabel, dass der deutsche Bundespräsident versucht, Kriege hoffähig zu machen“ – zumal die Mehrheit der Bevölkerung den Afghanistan-Einsatz ablehnt. „Es wäre Aufgabe eines Bundespräsidenten, Diplomatie und Frieden zu fördern, statt Großmachtpolitik zu stärken“, fordert Hänsel, die wir in Haifa erreichten.
Winfried Hermann ist derzeit mit einer Delegation des Verkehrs-Ausschusses in China. Er rief aus Peking zurück, wo die Abgeordneten beim Abendessen per SMS von der Entwicklung erfuhren. „Lässt das die Verfassung überhaupt zu? Ein Bundespräsident kann doch nicht zurücktreten wie ein Sparkassenvorsitzender“, sei die erste Reaktion in der Runde gewesen.
Die spontane Vermutung des Bundestagsabgeordneten der Grünen: „Die Kritik kann nur Anlass nach vorheriger Kränkung gewesen sein.“ Köhlers Schritt deute auf fehlenden Rückhalt und eine Führungskrise in der CDU hin. „Ich finde, er hat eher das Handtuch geworfen und hat seine Rolle in einer schwierigen Situation nicht erfüllt.“