Der Greis ist heiß
Knapp 3000 Menschen bejubelten Udo Lindenberg
Im Antiquariat Heckenhauer schaute er sich Hermann Hesses frühere Wirkungsstätte an, in der Paul-Horn-Arena rockte er wie ein Junger: Udo Lindenberg in Tübingen.
Peter Ertle
Tübingen. 15.30 Uhr, Heckenhauersches Antiquariat: Eine ungewöhnlich große Ansammlung von Journalisten, durch schweres Foto- und Kameragerät sowie Staubwedelmikrophone unschwer als solche auszumachen, zieht die Blicke auf sich. Touristen bleiben stehen: Hier könnte bald ein Motiv auftauchen.
Zehn Minuten später ist es so weit. Einer schwarzen Edelmarke entsteigt Deutschlands berühmtester Rockstar, Gejohle und „Udo!“ -Rufe auf dem Holzmarkt. Der solchermaßen Angerufene hebt die Hände, sagt „Der Meister, der Meister“. Dann schiebt sich der Pulk aus Journalisten, Manager und Bodyguards unter viel Geklicke und Gesurre hinein in die Stätte des ehemaligen Lehrbetriebs von Herman Hesse, wo Hausherr Roger Sonnewald in knappen Worten sein Anliegen erklärt: Das Antiquariat zu einer Hesse-Gedenkstätte umzuwandeln. Lindenberg nickt, sagt „Finanzierungsfrage, nehm ich an“, packt eine Zigarre aus, fragt nach einem Aschenbecher. „Wenn’s genehm ist, dass ich hier rauche.“ Wer würde da widersprechen?
Die Zigarre geht nach drei Zügen aus, sieht aber gut aus auf den Fotos, die jetzt gemacht werden, so gut wie die Brille und der Hut, das Punktpunktkommastrich der längst mit der Privatfigur verschmolzenen Kunstfigur. Der Mann ist so. Wie seine Sprache, der nuschelnde, melodiöse Udo-Slang. Spricht über Hermann Hesse, die deutsche Sprache, die Nachwuchsbands, die man in der Paul-Horna-Arena gleich sehen wird.
Das Cello im Tübinger Keller
Paul-Horn-Arena, 17 Uhr: Nur 800 Leute! So schlecht verkauft? Es werden dann noch gut über 2000 im Laufe des Abends, viele kommen gezielt zu Udos Auftritt um 20 Uhr und verpassen die ersten beiden Lieder, die der Meister um 17 Uhr, nur vom Piano begleitet, vorträgt. Melancholie in der „Mädchensporthalle“, wie Lindenberg sein Pink-farbenes Ambiente nennt.
Udo Lindenberg mit Roger Sonnewald (links) vom Antiquariat Heckenhauer und Manager Arno Köster (rechts) vor dem „Tübinger Dom“. Bild: Sommer
Lindenberg ist ein Generationenphänomen, die Menschen im Publikum sind zwischen 5 und 75 Jahre alt, und sehr aufgeschlossen für Provokatives: „Warum brauch ich die Zukunft, wenn heute schon alles scheiße ist“, singt „Lotus Theorie“. „Eins, zwei, drei, vier, ficken und fernsehen“ singt die zweite Band „Autopilot“, die sich Elektropop verschrieben hat. Dann spielt „Neo Kaliske“, dann die Berlinerin und Ex-Reutlingern Johanna Zeul. Dann „Kowsky“ aus Berlin. Sechs aus 180, so viele CD- und DVD-Einsendungen zum Panik-Nachwuchspreis gab es nämlich, die Jury sitzt im VIP-Bereich der Halle und hört zu. Auch als das 13-jährige Wunderkind Milen Weigert auftritt. Sie gewann den Sonderpreis für die beste Vertonung eines Hesse-Gedichts.
Warten auf : „Udo L“. So, kurz und bündig, klang einem am Vortag schon der Ansagetext auf Lindenbergs Handy entegen. Man solle den Zettel mit der Nummer nach Gebrauch aufessen, sagte der Manager. Dann doch lieber ein Käsebrötchen. Man darf es nicht mit in die Halle runter nehmen. Obwohl fürs Konzert ein extra-Boden verlegt wurde.
Paul-Horn-Arena, 20 Uhr: Viele machen es wie der Tübinger Oberbürgermeister. Er kommt erst jetzt. Zum Hauptact, zu Udo Lindenberg, der zum ersten Lied als Astronaut auf die Bühne kommt. Die Halle ist jetzt gut gefüllt, ein Meer von Händen. „Ich liebe hohe Spannung, und stehe meistens unter Strom, und die Hochzeit feiern wir im Tübinger Dom“, singt Lindenberg und auch später, im berühmten Song „Cello“, schmuggelt er einen Tübinger Keller rein.
Zweimal erwähnt er die Nagold, vielleicht glaubt er, dass Tübingen an diesem Fluss liegt. Was soll’s. Das Konzert ist großartig. Bei „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“ werden im Publikum Wunderkerzen entzündet, Feuerzeuge geschwenkt. In seiner Band, sagt der Altrocker, würde man nicht rausgekickt wenn man zu alt oder nicht mehr billig genug sei. Lindenberg war schon immer politisch: „Mädchen aus Ostberlin“, „Sonderzug nach Pankow“. Schon zu Zeiten, in denen es unter Linken tabuisiert war, an die deutsche Einheit zu denken, hat er sie aufs Tablett gebracht: „Wir wollen doch nur zusammen sein.“
Hinterm Horizont wird weiter gesungen
„Ja, und jetzt sind wir zusammen“, ruft er ins Publikum. Denn „hinter dem Horizont geht’s weiter“, wissen die Zuhörer, die den Refrain des nächsten Liedes anstimmen, während der Meister schweigt, das Mikrophon in die Menge gerichtet. Immer wieder an diesem Abend packt er das Mikro am Kabel, schwingt es wie ein Cowboy sein Lasso, punktgenau zum nächsten Song-Einsatz ist es wieder am Mund des Entertainers. „Der Greis ist heiß“, röhrt der 64-Jährige.
Die Bekanntgabe des Panik-Nachwuchspreisträgers mitten im Konzert wird zur Nebensache. „Kowsky“ ist es geworden, die waren auch wirklich die besten. Dann gibt’s noch ein bisschen Werbung für die Afrika-Hilfe der Udo-Lindenberg-Stiftung, ein Euro vom Eintritt geht dorthin. Und dann kommt er wieder, unter viel Gekreische, zum großen Finale. Die Tübinger ließen ihn erst nach zwei Zugaben gehen.
Mehr zu Lindenbergs Besuch in Tübingen und eine Bilderseite gibt es in der Montagausgabe des TAGBLATTs.