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Leser-Stalking? Nein danke!

Keine Adressen mehr im TAGBLATT-Sprachrohr

Einmischung, Beteiligung, Aufklärung – ein lebendiges Gemeinwesen braucht die Meinungs-Vielfalt. Und das gilt auch für eine Lokalzeitung. Im TAGBLATT gibt es dafür vor allem einen umfangreichen Leserbriefteil. Leider werden die Schreiber/ innen, die sich dort zu Wort melden, immer häufiger angefeindet. Anonyme Briefe, Drohungen und Belästigungen veranlassen uns, die Leserbriefe künftig ohne Adresszusatz zu veröffentlichen.

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Matthias Stelzer

Kreis Tübingen. Wenn der Postbote dreimal klingelt, schaut man im Büro der Tübinger Grünen am Lustnauer Tor oder an den Wohnungstüren etlicher Tübinger Kommunalpolitiker und einiger unserer regelmäßigen Leserbriefschreiber/innen längst genauer hin. Der Grund: Seit über einem Jahrzehnt bezahlen sie ihre öffentlichen Meinungsbekundungen mit massiven Belästigungen. Eine unbekannte Person bombardiert die Abgeordneten, Stadträte und Leserbriefschreiber mit Zeitschriften-Abos und Waren, die er unter ihren Namen bestellt.

Die Dunkelziffer ist sehr groß

„Unser Landesvorsitzender Chris Kühn hat erst letzte Woche eine Weinlieferung erhalten“, erklärt Nele Schönau aus dem Büro der Grünen. Seit Jahren hat man dort mit den unerwünschten Bestellungen zu tun. „Normal nehmen wir Sendungen, von denen wir nichts wissen, erst gar nicht mehr an.“ Doch trotz des üppigen Einsatzes des Aufklebers „Annahme verweigert“ rutschen immer wieder ärgerliche Bestellungen durch. „Das ist schon verdammt lästig“, sagt Schönau. Schließlich würden zu Hochzeiten gleich mehrere grüne Stadträte, Parteifunktionäre und Abgeordnete gleichzeitig beschickt. Unbestellte Magazin-Abonnements, unnütze Gesundheitspräparate, Damen-Wäsche, die Liste der Zumutungen ist lang.

Artikelbild: Keine Adressen mehr im TAGBLATT-Sprachrohr

Eine Erfahrung, die man bei den Sozialdemokrat(inn)en nur bestätigen kann. Auch Dorothea Kliche-Behnke, SPD-Kreisvorsitzende und Stadträtin, geht seit Jahren mit gemischten Gefühlen zum Briefkasten. „Bei mir geht die Zahl der falschen Bestellungen in die Hunderte“, sagt sie. Rote Dessous, Zeitschriften, Zeitungen aller Art und Bücher – Kliche-Behnke kann sich phasenweise kaum retten. Auch diese Woche hat sie schon ein Abo für Disney-Comics gekündigt und ein „Bravo“-Abo aus dem Briefkasten gefischt. „Das ist schon richtig lästig, weil man sich ständig um die Kündigungen kümmern muss“, sagt sie und betont, dass sie in ihrer Fraktion keinesfalls die einzig Betroffene sei.

Artikelbild: Keine Adressen mehr im TAGBLATT-Sprachrohr

Auch einzelne TAGBLATT-Leserbriefschreiber/innen haben schon lange mit den Bestellorgien des Unbekannten zu kämpfen. Zum unerträglichen Massenphänomen wurden die Falschbestellung spätestens im Jahr 2010 und in der Auseinandersetzung ums Stuttgarter Großprojekt Stuttgart 21. Wer im TAGBLATT einen Leserbrief gegen den geplanten Tiefbahnhof veröffentlichte, musste schon fast mit einem unerwünschten Zeitschriften-Abo oder Ähnlichem rechnen.

„Das ganze hat schon ein riesiges Ausmaß angenommen“, sagt Karlheinz Hellstern. Der Beamte, der im Tübinger Polizeirevier für Stalking-Delikte und die Falschbestellungen des Unbekannten zuständig ist, kann die Zahl der Einzelfälle gar nicht mehr beziffern. Zu viele Jahre schon ist man hinter dem Mann her.

Aktuell hat Hellstern die Anzeigen von 20 Geschädigten auf dem Tisch. Tatsächlich ist die Zahl der Opfer aber um ein vielfaches höher: „Die Dunkelziffer dürfte in diesem Fall sehr hoch sein.“ Viele der Daueropfer des Unbekannten haben es längst aufgegeben, Einzelfall-Anzeigen zu erstatten. „Da lässt der Enthusiasmus schnell nach“, sagt Schönau. Dabei glaubt man bei der Tübinger Polizei, schon alle Register der Ermittlungskunst gezogen zu haben: Es gibt ein Handschriften-Gutachten, DNA-Spuren, ein Täterprofil – aber eben keinen Verdächtigen dazu.

Der Ermittlungsbeamte geht aber davon aus, dass es sich beim Täter um einen Mann in gesetzterem Alter handelt. „Er ist politisch interessiert“, sagt Hellstern. Und er hatte es zu Beginn seiner Karriere als Urkundenfälscher – so würde er im Ermittlungs-Erfolgsfall angeklagt – offenbar vor allem auf Frauen abgesehen, die sich politisch zu Wort meldeten. Sein erstes prominentes Opfer ist laut Hellstern die langjährige Tübinger SPD-Bundestagsabgeordnete und Ex-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin gewesen. Inzwischen hat er es aber auch auf nicht prominente Männer abgesehen.

Aus Respekt keine Adressnennung mehr

Und spätestens bei diesen Opfern, die keine politischen Multiplikatoren sind, ist für die Polizei die Verbindung zum TAGBLATT-Leserbriefteil klar gewesen. Einen Verzicht auf die Adressnennung hält man im Tübinger Polizeirevier deshalb für einen „sinnvollen Versuch“. Hellstern glaubt zwar nicht, dass sein Serientäter deshalb gleich die Arbeit einstellt. Aber es gibt ja auch andere, die aus der Anonymität heraus beleidigen und drohen.

Gerade zuletzt in der Debatte um die „Tübinger Mohrenköpfle“ wurden Leserbriefschreiber/innen auf unerträgliche Weise bedroht und bepöbelt. Einige unserer Leserbrief-Autor(inn)en verzichteten deshalb auf weitere Zuschriften und baten das TAGBLATT, künftig auf die Adressnennung zu verzichten. Ein Wunsch, dem wir nicht zuletzt aus Respekt vor der Meinungsfreiheit gerne nachkommen.

Die Redaktion braucht weiter die volle Adresse und eine Telefonnummer
Auf den Leserbriefseiten des TAGBLATTs werden künftig keine Straßennamen mehr zu finden sein. Um unsere Leserbriefschreiber so gut als möglich vor anonymen Zuschriften und Belästigungen zu schützen, werden wir nur die Namen der Schreiber/innen und den Wohnort abdrucken. Das ändert allerdings nichts daran, dass die Redaktion zur Bearbeitung der Leserzuschriften, die volle Adresse und eine Telefonnummer benötigt. Um den presserechtlichen Anforderungen zu genügen, müssen wir jederzeit überprüfen können, ob die Leserbriefe, die uns erreichen, tatsächlich von den angegebenen Autor(inn)en stammen. Und weil es die Redaktion zeitlich überfordern würde, Adressen und Telefonnummern erst zu recherchieren, werden wir Leserbriefe ohne diese Angaben künftig einfach nicht mehr berücksichtigen. Leserbriefe mit vollständigen Angaben können wie bisher an die Mail-adresse redaktion@tagblatt.de
geschickt werden.


26.02.2013 - 07:29 Uhr | geändert: 26.02.2013 - 07:55 Uhr

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