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„Hilfe ist unbedingt notwendig“

Katastrophenmediziner Bernd Domres ist zurück aus Pakistan

Menschen, die alles verloren haben, schlimmste hygienische Zustände und viel zu wenig Hilfe – so hat Prof. Bernd Domres seinen Einsatz in Pakistan erlebt. Der Katastrophenmediziner ist wieder zurück in Tübingen.

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Kathrin Schoch
Prof. Bernd Domres in der zum Krankenhaus umfunktionierten Schule in Charsadda: Der Tübinger Arzt ... Prof. Bernd Domres in der zum Krankenhaus umfunktionierten Schule in Charsadda: Der Tübinger Arzt traf dort traumatisierte Kinder. Die Menschen in Pakistan leben nach wie vor unter katastrophalen hygienischen Bedingungen.Privatbild

Tübingen. 1124 Patienten in neun Tagen – so viele Menschen haben Prof. Bernd Domres und seine beiden Mitarbeiter Rashid Al Badi und Ferdinand Hofer in Pakistan behandelt. Dazu kamen Medikamente, mit denen man 3000 Personen 14 Tage lang versorgen kann und 800 Kilogramm Nachschub, den sich die Tübinger nachschicken ließen. So lässt sich die Flutkatastrophe in eine nüchterne Bilanz verwandeln.

Doch hinter den nackten Zahlen verstecken sich Schicksale: furchtbare Fluchterlebnisse, Hunger, Armut und Krankheit. Am Anfang begegneten dem Katastrophenmediziner Domres vor allem Atemwegserkrankungen. „Das war noch in der akuten Phase der Flut“, berichtet der Arzt, „als die Menschen zum Teil um ihr Leben schwimmen mussten.“ Ganz ruhig sagt der 72-Jährige das, und doch ist seiner Stimme die Erschöpfung über die Erlebnisse der vergangenen Tage anzuhören.

In der Highschool Nr. 1 in Charsadda – einer Stadt im Norden nahe Peschawar – richteten die Tübinger ihre Behandlungszimmer ein. Zu ihnen kamen die Menschen aus einem von vier Auffanglagern der Stadt – und die, die auf dem erhöhten Mittelstreifen der Autobahn ihre Zelte aufgeschlagen haben.

Zwar sei das Wasser der Flüsse Kabul und Jindi mittlerweile wieder etwas zurück gegangen, sagt Domres. Doch auf dem Boden liege eine etwa ein Meter dicke Schlammschicht. Manch einer sei zwar zurückgekehrt zu den wenigen Häusern, die den Wassermassen stand gehalten haben, und versuche mit den bloßen Händen ein bisschen aufzuräumen. Doch Domres ist klar: „Normales Leben ist so nicht möglich.“

Menschen, die zum Teil nichts als eine Plane über dem Kopf haben, die mit Durchfall und Hauterkrankungen kämpfen. Nackter, matschiger Boden, allenfalls improvisierte Toiletten, das gerettete Vieh oft mit in den Unterkünften, Exkremente überall und die Gefahr von Seuchen – an den katastrophalen Zuständen hat sich seit der Ankunft der Tübinger Gruppe im Land nichts geändert (wir berichteten). Eine Frau klagte darüber, dass es in den Auffanglagern nichts als eine Portion Reis am Tag zu essen gebe, so Domres. Viele Kinder sind unterernährt, manche traumatisiert von der Flucht durchs Wasser.

„Die Leute brauchen dringend gute Verpflegung, Wasser, Hygieneartikel“, betont der Chirurg im Ruhestand. „Hilfe ist unbedingt notwendig.“ Und er kritisiert, dass er in den 14 Tagen in Pakistan, etwa bei Treffen mit der Provinz- und Distriktverwaltung, kaum eine ausländische Hilfsorganisation gesehen habe. „Ab und zu war mal ein Autochen mit einem Kübel Wasser unterwegs, das war‘s. Internationale Hilfsorganisationen und die Presse sind unterrepräsentiert.“ Für Domres, der in vielen Katastrophengebieten wie in Haiti und in Chile im Einsatz war, war das neu – aber leicht zu erklären: „Pakistan, das vermischt man hier mit den Taliban. Die Leute sagen, da gibt es eine Atombombe, wieso sollen wir die finanzieren?“

Dabei sei es so wichtig, dass mehr Geld gegeben werde. Wer an deutsche Organisationen spende, könne sicher sein, dass sein Geld auch ankomme, verspricht Domres. Begegnungen mit Taliban gab es während seines Einsatzes nicht, er sei in seiner Arbeit nicht behindert worden.

Bis auf einmal: Da gipfelte am 14. August, dem Nationalfeiertag, die Wut der Pakistani auf die Regierung in Protestmärschen. Auf der Autobahn wurde ein mit 200 Kilogramm Sprengstoff präpariertes Auto entdeckt, die Polizei sperrte die Straße. Kein Durchkommen für Domres und seine Mitarbeiter, die täglich von ihrer Unterkunft in Peschawar anreisen mussten.

Doch ansonsten, sagt der 72-Jährige, seien sie von den dort lebenden Paschtunen sehr freundlich aufgenommen worden: „Die Kinder haben uns jeden Tag mit ‚hallo, hallo‘ begrüßt. Schon, dass wir da waren, hat ein Lächeln auf ihre Gesichter gezaubert.“

Info: Die Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin bittet um Spenden: Bank für Sozialwirtschaft Stuttgart, Konto 48 48, Bankleitzahl 60120500.

19.08.2010 - 08:30 Uhr

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