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Ein Feld gegen den Hunger

Isidoro Salomão vertritt die brasilianische Landlosen-Bewegung

Der katholische Priester Isidoro Salomão ist eine Schlüsselfigur in der Landlosenbewegung und im Umweltschutz im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso. Er ist Gast beim 33. Bundeskongress Internationalismus (Buko) in Tübingen.

DOROTHEE HERMANN
Isidoro Salomão leitet am Freitag um 12 Uhr einen Workshop über Gemeingüter in der ... Isidoro Salomão leitet am Freitag um 12 Uhr einen Workshop über Gemeingüter in der Mörike-Schule mit. Bild: Metz

Tübingen. Isidoro Salomão leitet eine Basisgemeinde in der Uni-Stadt Cáceres im Bundesstaat Mato Grosso. Einer Basisgemeinde geht es nicht nur um religiöse Belange, sagt er, sondern ebenso um existenzielle Grundrechte. Der engagierte Geistliche koordiniert soziale Bewegungen und ist Umweltschützer in der Region. Die „Bewegung der Landarbeiter ohne Land“ (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra – kurz: MST) ist eine der stärksten im Bündnis der Nichtregierungsorganisationen, berichtete der 47-Jährige beim Gespräch in der TAGBLATT-Redaktion.

Seit 1995 gelang es dem MST und den Basisgemeinden, 5000 Familien im Umkreis von Cáceres ein Stück Land zu verschaffen. Mittlerweile bewirtschaften sie 70 Hektar. „Das ist das effektivste Mittel gegen Hunger“, sagt Salomão. Etwa 10 000 weitere Familien warten noch auf eigene Anbauflächen. Zum Vergleich: Eine große private Hazienda kann bis zu 120 000 Hektar einnehmen.

Der Gouverneur von Mato Grosso, Blaio Maggi, einer der international wichtigsten Sojaproduzenten, besitzt 400 000 Hektar. Die Großgrundbesitzer forcieren den Soja- und Zuckeranbau bis hinein in das riesige Sumpfgebiet Pantanal, sagt Salomão. Er und seine Mitstreiter/innen kämpfen dafür, dass das größte Binnenfeuchtgebiet der Welt Naturreservat bleibt. „Der Erhalt der Quellen sichert das Wasser für die gesamte Region.“ Sie versuchen, gigantische Abholzungen für Soja- und Zuckerfelder zu verhindern. Denn das Pantanal sei ökologisch von vergleichbarer Bedeutung wie der Amazonas-Regenwald.

„Die Großgrundbesitzer akzeptieren keine Umweltauflagen“, berichtet der Priester. Sie ließen Agrargifte von Flugzeugen aus versprühen, ohne Rücksicht auf die Arbeiter in den Feldern und auf die Gewässer. Deshalb arbeiten auch die Gewerkschaften mit den Umwelt- und Landlosenbewegungen zusammen. Das offizielle Argument für den massiven Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und für die riesigen Monokulturen laute: „den Hunger bekämpfen“, sagt Salomão. Wer sich dagegen wehrt, setze sich dem Vorwurf von Großgrundbesitzern und multinationalen Konzernen aus, sich „gegen jede Entwicklung“ zu stemmen.

Seit dem Amtsantritt des als links geltenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva vor acht Jahren sei die Situation für die Landlosen nicht einfacher geworden. „Präsident Lula hat viel weniger Land zugeteilt, als er im Wahlkampf angekündigt hat.“ Die hohen Erwartungen an den Präsidenten schwächten den politischen Widerstand eher: „Viele haben aufgehört zu kämpfen. Sie dachten, Lula wird es schon richten.“ Salomão hat sogar den Eindruck, dass Agrar-Konzerne und Großgrundbesitzer inzwischen noch enger verflochten sind. „Die Repression im Mato Grosso hat noch zugenommen. Es gibt viel mehr Polizei.“ Die Sicherheitskräfte bekämpften alle, die Agrarreformen zugunsten der Landlosen durchsetzen wollen.

Der Theologe ist gelernter Agraringenieur. Mit 26 Jahren wurde er Priester. „In der Kirche hat man viel mehr Möglichkeiten, die Menschen in ihrem Kampf zu unterstützen“, sagt er. Die Kirche sei „die wirkungsvollste gesellschaftliche Kraft, um die Bevölkerung zu organisieren“. Schon früh begann er, selbst im Mato Grosso aufgewachsen, „mit den Armen zu arbeiten“, sagt er. „Jemand, der so etwas macht, heißt eben Befreiungstheologe.“ Der Kampf um Land sei deshalb so erfolgreich gewesen, „weil die Kirche sich auf die Seite der Landlosen gestellt hat“. Die Loyalitäten der Kirchenoberen lägen allerdings eher bei der reichen Oberschicht.

Land und Wasser sind Gemeingüter (commons), eines der beiden Hauptthemen beim Bundeskongress Internationalismus, der am morgigen Donnerstag im Sudhaus beginnt. „Wie kann man die Privatisierung zurückdrehen? Wie kann man Gemeingüter wieder der Allgemeinheit zugänglich machen?“ In diesen Fragen könne der Norden vom Süden viel lernen, so Katja Polnik vom Zentralamerika-Komitee (ZAK), eine von 15 Tübinger Vorbereitungs-Initiativen.

Info

www.buko.info

13.05.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 13.05.2010 - 10:07 Uhr
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