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Lockruf der Bucheckern

Invasion von Bergfinken im Goldersbachtal

Bucheckern haben Millionen von Bergfinken in den Schönbuch gelockt. Im Goldersbachtal bietet sich ein einmaliges Naturschauspiel, wenn sich die Vögel auf dem gemeinsamen Schlafplatz sammeln.

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Mario Beisswenger

Tübingen. Es hört sich an wie eine Windböe. Dabei ist es der Flügelschlag von Tausenden von Vögeln. Sie wälzen sich als dichter Schwarm hin und her im Goldersbachtal, sammeln sich auf einer winterkahlen Buche, fliegen wieder auf, zwitschern aufgeregt. In der Masse klingt das wie das Rauschen eines Wasserfalls. Es sind Hunderttausende, womöglich Millionen von Bergfinken, die gerade im Hangwald zwischen Soldatengrab und Ziegelweiher allabendlich einfallen.

Gänsehaut im Goldersbachtal: Bergfinken verdunkeln den Himmel über einer Waldlichtung im ... Gänsehaut im Goldersbachtal: Bergfinken verdunkeln den Himmel über einer Waldlichtung im Schönbuch. Bilder:Sommer

Entdeckt hat die Massenansammlung des Zugvogels aus den Nadelwäldern Nordeuropas diese Woche Ralph Koch. Seither macht die Nachricht unter den Ornithologen die Runde. Die sammeln sich abends am Schlafplatz der Finken und genießen das Naturschauspiel. „Das ist gigantisch. Da steht einem der Mund offen“, sagt der Tübinger Evolutionsbiologe Nils Anthes. Frank Roggel, ein Nabu-Mitglied aus Weil der Stadt, ist gleich nach der Arbeit mit einem Kollegen aus Stuttgart hergefahren. „Das wollte ich unbedingt mal sehen. Tausende hätten mir schon genügt, aber das sind ja viel mehr.“ Vogelfreunde aus Eutingen und Mössingen lassen die Kameras klicken.

Das sind keine Blüten – das sind Bergfinken auf ihrem Schlafbaum. Das sind keine Blüten – das sind Bergfinken auf ihrem Schlafbaum.

Anthes, ein geübter Vogelbeobachter, schätzt die nächtliche Vogel-Schlafgemeinschaft auf bis zu fünf Millionen. Sie fallen spätnachmittags ins Goldersbachtal ein. Kurz vor 16 Uhr erscheinen die ersten Trupps. Sie sind noch klein wie eine Schar Staren im Herbst. Je dunkler es wird, desto dichter werden die Schwärme. Sie wirken fast wie treibende Schneeflocken, so viele Vögel wogen hin und her, bis sie endlich ein Plätzchen für sich gefunden haben.

Solche Massenansammlungen von Bergfinken kommen immer mal wieder vor. Vor zwei Jahren gab es ein massiertes Vorkommen im Südschwarzwald, die Vogelliteratur weiß von Bergfink-Invasion von mehr als zehn Millionen. Grund für den Einfall aus der Taiga ist die üppige Buchenmast. „Der Schönbuch ist dann prädestiniert für Bergfinken“, sagt der Tübinger Ornithologe Andreas Hachenberg. Seit Herbst schon liegen ganze Teppiche von Bucheckern auf dem Waldboden. Die seither südwärts ziehenden Bergfinken, schätzen die Samen als Winterfutter. Immer mehr blieben im Schönbuch hängen.

Das Einfallen auf gemeinsame Schlafbäume praktizieren Vögel öfter, egal ob es die Krähen am Österberg sind oder die Finken im Schönbuch. Ein bisschen sollen sich Vögel gegenseitig wärmen. Biologen erklären die Ballung vor allem mit dem Herdeneffekt. Im dichten Pulk mit Artgenossen fällt es Beutegreifern schwer, sich einen Vogel rauszufangen. Trotzdem sind zwischen den Finkensilhouetten am dunkler werdenden Himmel auch die Gestalt von Greifvögeln zu erkennen. Sperber, Wanderfalken und Habichte erkennen die Vogelkundler. Irgendetwas aus der schieren Masse wird schon noch abfallen. „Das ist ja so, als ob lauter Pfannkuchen durch die Luft fliegen“, meint ein Beobachter im Goldersbachtal.

Wer nur zuschaut, stört die Millionenansammlung beim Einrichten für die Nacht nur wenig, meint Anthes. „Da geht es ohnehin eher lebhaft zu.“ Allerdings sollten Besucher den Vögeln nicht bis unter ihre Schlafbäume nachlaufen. Das Schauspiel ist vom Weg aus beobachtet ohnehin eindrücklich genug. Mit einiger Wahrscheinlichkeit trifft sich der große Vogel-Kongress auch noch die nächsten Tage oder Wochen. Nur wenn Schnee das weithin ausgestreute Futter zudeckt, weichen die Finken weiter nach Süden aus.

Die ersten Einflüge kleinerer Gruppen beginnen gegen 16 Uhr. Je näher die Dunkelheit rückt, desto mehr Vögel drängen sich zusammen. Im Abendrot sehen die Vögelwolken besonders beeindruckend aus. Am einfachsten ist der Schlafplatz mit dem Rad von Breitenholz oder Entringen erreichbar. Von Bebenhausen her ist die Anfahrt lang, dafür verläuft sie recht eben im Goldersbachtal.

14.01.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 14.01.2012 - 12:32 Uhr

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