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Land muss zahlen

Intercity ab Tübingen kostet 400.000 Euro

Seit dem 13. Dezember 2009 verbindet der IC Loreley Tübingen direkt mit dem Fernbahnnetz der Bahn. Dem Bahnnutzer verhilft er nicht zu schnelleren Verbindungen, der Bahn aber zu höheren Einnahmen.

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Fred Keicher
Sonntags kommt er sogar von Berlin. Am 13. Dezember 2009 rollte der erste Intercity in Tübingen ... Sonntags kommt er sogar von Berlin. Am 13. Dezember 2009 rollte der erste Intercity in Tübingen ein, begrüßt mit Pauken und Trompeten. Wenn damals schon bekannt gewesen wäre, wie teuer der IC-Halt wird, wäre der Jubel wohl verhaltener gewesen. Archivbild: Faden

Tübingen. Wie der heilige Gral gehütet werde der Verkehrsvertrag zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Deutschen Bahn AG, spottete die „Esslinger Zeitung“, als sie dieser Tage einen Fall der Einnahmensteigerung der Bahn aufgriff. Das Kunststück der Bahn: Seit ein einziger Intercity morgens von Tübingen aus losfährt und einer abends wieder einläuft, rutschte Tübingen in eine höhere Bahnhofskategorie.

Durch die Beförderung des Tübinger Hauptbahnhofs zum „Nahverkehrsknoten mit Fernverkehrshalt“ stiegen die Gebühren um über 400 Prozent auf 6,43 Euro für jeden Zug, der dort hält: werktags 181 Regionalbahnen, samstags 101, sonntags 88. Die Bahn kassiert für jeden Zug den gleichen Betrag, egal ob Intercity oder Triebwagen aus dem Ammertal.

Der Bahn bringt dieses Heraufstufen im Jahr 280 000 Euro mehr. Im gleichen Zug wurden auf der Strecke nach Stuttgart auch Reutlingen, Metzingen und Nürtingen befördert. Damit summiert sich das Plus auf 400 000 Euro. Ein Sprecher des für Verkehrsfragen zuständigen Umweltministeriums bestätigte auf Anfrage diese Summen.

Bezahlt wird das Ganze vom Land. Für den Regionalverkehr tritt das Land als Besteller auf. Vertragspartner des Landes ist zur Zeit für den größten Teil des Regionalverkehrs die Bahntochter DB Regio. Für die Bahnhofsnutzung erhält die DB Regio eine Rechnung der DB Station und Service. Beides sind Tochtergesellschaften der Bahn AG. Die Rechnung bleibt aber nicht an der DB hängen. Sie wird durchgereicht ans Land. Die Verträge, die das regeln, laufen noch bis 2014. Immerhin gelten hier für alle Zuggesellschaften die gleichen Bedingungen. Die Ammertalbahn und die Hohenzollerische Landesbahn kann ihre Rechnung über die Stationsgebühren auch weitergeben.

Die Rechnung wird noch geprüft

Die Bundesnetzagentur – sie hat die Rechtsaufsicht für das Eisenbahnwesen – überprüft die Entgelte, welche die Bahn für die Nutzung von Schienennetz und Bahnhöfen verlangt. Der Sprecher des Umweltministeriums wies darauf hin, dass sein Haus von der Agentur überprüfen lässt, ob die Einkategorisierung der Bahnhöfe in Tübingen und Nürtingen bei gerade mal einem Intercity-Halt pro Tag rechtens sei. Für einen Bahnsprecher nichts Ungewöhnliches: „Die überprüfen ständig was.“ Im übrigen rechnet man in Stuttgart damit, dass das Stationspreissystem gründlich überarbeitet wird. Die Zahlungen an die Tochter der Bahn AG erfolgen bis zur endgültigen Klärung unter Vorbehalt.

Dass Reutlingen trotz IC-Halt nur unwesentlich teurer wurde für die haltenden Züge, liegt an der Preisgestaltung. „Nicht jeder Bahnhof in einer Kategorie kostet den gleichen Preis. Das hängt auch von Kundenfrequenz und Ausstattung ab“, heißt es von der Stuttgarter Pressestelle der Bahn. Den Ausschlag kann da zum Beispiel ein Aufzug wie in Reutlingen geben.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer lässt ausrichten, dass die Initiative für den Intercity alleine von der Bahn ausging. Sein Part sei einzig das Grußwort gewesen. In einem Brief an Bahnchef Rüdiger Grube findet Palmer, dass es dem unternehmerischen Ethos widerspricht, „wenn die Bahn durch einen symbolischen IC-Verkehr 400 000 Euro abkassiert“. Fair wäre von der Bahn, auf die Zusatzeinnahmen zu verzichten. Zwar hätte der OB, der daran erinnert, dass er den Vertrag zwischen Bahn und Land heftig kritisierte, lieber einen ausgebauten Fernverkehr, doch wenn die Bahn auf die Extrakasse besteht, möchte der OB lieber keinen Intercity. „Ein IC-Zug am Tag in Tübingen ist nicht den Verzicht auf Nahverkehrsleistungen im Wert von 400 000 Euro wert.“

Die morgendlichen Zugfahrer sind zufrieden

„Ich find das ganz praktisch.“ Benjamin Guin, der morgens um 6 Uhr in den von Tübingen abfahrenden Intercity steigt, ist zufrieden mit dem Zug. Zum Praktikum nach Frankfurt kommt er so mit einmal Umsteigen. Annette Koitka-Dieringer bringt der Zug sogar umstiegsfrei nach Heidelberg direkt vor die Schule, die sie besucht. „Mit Auto ist das länger und stressiger.“

Renke Siems fährt gar ganz bis Düsseldorf mit. Das Fernzug-Angebot sollte die Bahn unbedingt ausbauen. „Man kam sich bisher in Tübingen ja vor wie auf einer Wendeplatte in einer Sackgasse.“ 20 bis 30 Passagiere nutzen den frühmorgendlichen Intercity, erzählt der Zugbegleiter, bis Stuttgart werden es so um die 100, die in der zweiten Klasse mitfahren. Am Montagmorgen waren sogar zwei unter den Passagieren, die auf die Insel wollen. Eine fuhr mit dem IC Richtung Langeoog in den Urlaub, ein anderer nach Wangerooge zum Praktikum im Nationalparkhaus.

02.06.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 02.06.2010 - 14:03 Uhr

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