Hunderte in Tübingen leisten dringend benötigte Hilfsdienste
6500 junge Leute starteten gestern landesweit ins Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), hunderte davon in Tübingen. Sie wollen Erfahrungensammeln, sich orientieren – oder einfach Zeit gewinnen.
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Eike Freese
Tübingen. Gründe fürs Freiwillige Soziale Jahre gibt es viele: Etwas Sinnvolles tun. Wartezeiten auf Studium und Ausbildung überbrücken. Oder einfach ins richtige Leben reinschnuppern, solang man noch nicht weiß, in welche Richtung die eigene Karriere gehen soll.
Helfen für ein Jahr: Michael Lucke, Erster Bürgermeister, begrüßte gestern im Kupferbau rund 430 junge Leute beim Start in ihr Freiwilliges Soziales Jahr.Bild: Sommer
Bei Dorothea Gassler aus Wankheim war es eine Mischung aus allem: „Ich wollte etwas Soziales mit Frauen oder Kindern machen“, sagt Gassler. „Ich musste mit meiner Entscheidung aber noch abwarten, ob ich nicht doch den ersehnten Ausbildungsplatz bekomme.“ Die Stelle als angehende Industriekauffrau konnte die 19-Jährige in diesem Jahr nicht ergattern. Damit war der Weg frei für ein FSJ in der Tübinger Kinder-Onkologie.
Kein verlorenes, ein gewonnenes Jahr
„Mit einem FSJ verlieren die jungen Leute keine Zeit – sie gewinnen ein Jahr“, ist Brigitte Hertlein überzeugt. Sie begrüßte gestern als Geschäftsführerin des Internationalen Bundes in Tübingen, einem der größten FSJ-Träger bundesweit, rund 430 frischgebackene Freiwillige im Kupferbau. „In den Institutionen machen sie wichtige Erfahrungen, die im späteren Berufsleben weiterhelfen. Ganz egal, ob das im sozialen Bereich weitergeht oder nicht.“
Hertlein spricht von einem schon länger anhaltenden „Boom“ beim Freiwilligen Sozialen Jahr. Landesweit sind aktuell 6500 Männer und Frauen in Kindergärten, Kliniken, Pflegeheimen oder im kulturellen Bereich freiwillig tätig. Viele Institutionen sind auf diese Kräfte angewiesen oder gar existenziell von ihnen abhängig. Sie befürworten die Stärkung des FSJ – umso mehr, weil die Zukunft des momentan auf sechs Monate begrenzten Zivildienstes unsicher ist.
Dass einige FSJler das Jahr als Warteschleife begreifen, findet Hertlein „völlig okay“. „Das Jahr soll auch ein Bildungsjahr sein, ein Orientierungsjahr“, sagt sie. „Viele kommen von den Schulen und wissen nicht, wohin der Weg gehen soll. Ein FSJ bietet viele neue Erfahrungen, die solche Entscheidungen erleichtern können.“
Und oft verheißt ein FSJ auch eine Menge Spaß und Abwechslung. So bietet der Internationale Bund Tübingen auch Stellen in Istanbul an – oder im italienischen Volterra. „Da war ich gerade im Urlaub, da würde ich auch gerne mal ein Jahr freiwillig arbeiten“, ulkte der Erste Bürgermeister Michael Lucke auf der gestrigen Einführungsveranstaltung des Internationalen Bundes. Lucke nahm die neuen FSJler gleich ein wenig in die Pflicht. „Ihre Dienststellen rechnen mit Ihnen“, sagte Lucke, und: „Sie werden während des Jahres lernen, was für soziale Problemlagen es in einer Stadt wie Tübingen gibt.“
Dass ihr Jahr sie fordern wird, glaubt auch Dorothea Gassler. „Auf der Kinder-Onkologie wird es nicht leicht, selbst wenn ich natürlich nur für das pflegerische Drumherum zuständig bin“, sagt die 19-Jährige. „Alles in allem ist es aber genau das, was ich machen wollte.“ Mit ihrer Vergütung von monatlich gut 300 Euro ist sie nicht unzufrieden. „Das ist mehr, als man in vielen Ausbildungsberufen im zweiten Lehrjahr bekommt“, sagt Gassler. Nach dem Sozialen Jahr will sie sich wieder um einen Ausbildungsplatz als Industriekauffrau bewerben. Dann mit besseren Chancen – sagt jedenfalls IB-Chefin Brigitte Hertlein. „Viele Arbeitgeber erkennen das Engagement ihrer Bewerber während eines Sozialen Jahres an“, so Hertlein. „Das verbessert die Chancen auf einen Ausbildungsplatz.“