Er kam, sah und strahlte: Horst Köhler fand „faszinierend“, was er in der nagelneuen ChipFabrik bei Bosch in Reutlingen präsentiert bekam. Gemeinsam mit Ministerpräsident Stefan Mappus und Bosch-Chef Franz Fehrenbach eröffnete der Bundespräsident am Donnerstag das Werk.
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Volker Rekittke
Reutlingen. Horst Köhler kommt 20 Minuten früher als erwartet ins ehemalige Maschinenhaus der Reutlinger Textilfirma Gminder, die Bosch 1964 übernommen hat. „Das ist für mich heute ein schöner Tag“, sagt ein euphorischer Bundespräsident angesichts der 600-Millionen-Euro-Investition am Reutlinger Bosch-Standort. Im neuen Halbleiterwerk an der Tübinger Straße werden im Endausbau, der für 2016 geplant ist, allein Maschinen für 400 Millionen Euro stehen.
Das Werk ist eins der modernsten weltweit. Soviel unternehmerischen Mut mitten in einer deftigen Weltwirtschaftskrise kommentiert Köhler mit den Worten: „Wir haben keinen Grund für Zukunftspessimismus, die Finanzkrise wird uns nicht kleinkriegen – die Ingenieure in Deutschland werden helfen, auch diese Krise zu überwinden.“
Nach der Begrüßung ein Bad in der Mitarbeiter-Menge: „Gehören Sie alle zur Bosch-Familie?“, fragt der Bundespräsident, schüttelt Hände, bekommt Applaus. Und weiter geht’s: Ein rascher Rundgang im ebenfalls neuen Bosch-Testzentrum, in dem die Mikrochips überprüft und kalibriert werden. Ganze zwei mal zwei Millimeter klein ist ein Bewegungs-Sensor der neuesten Generation. Köhler betrachtet ihn erst unter dem Mikroskop, erkundet dann die Anwendungsmöglichkeiten in Handy und Auto. In einem Fahrsimulator macht das Staatsoberhaupt gemeinsam mit Bosch-Entwickler Jiri Marek den Elchtest: Der Ingenieur erklärt in der heftig schaukelnden Kabine die Bedeutung des Chips für das Elektronische Stabilitäts-Programm (ESP).
So sehr der Bundespräsident Bosch dafür lobt, dass der Konzern die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Krise stabil gehalten hat, so sehr geht er mit der Finanzbranche ins Gericht. Mit Bosch-Boss Fehrenbach ist sich Köhler einig, „dass noch lange nicht alle notwendigen Konsequenzen aus der Krise gezogen wurden“. Das Staatsoberhaupt kritisiert auch die unzureichende Reaktion von Politik und Gesellschaft auf Ressourcen-Raubbau und Klimawandel: „Wir haben zu lange sorglos Zukunft verbraucht.“
Unter den 200 geladenen Gästen ist die (politische) Prominenz aus der Region gut vertreten: Neben Regierungspräsident Hermann Strampfer und dem Reutlinger Landrat Thomas Reumann ist auch Oberbürgermeisterin Barbara Bosch im eigens für die Eröffnung errichteten Festzelt erschienen. Die Landtagsabgeordneten Dieter Hillebrand (CDU), Hagen Kluck (FDP) und Rudolf Hausmann (SPD) lassen sich ebenso blicken wie der ehemalige Reutlinger IG-Metall-Chef Wolf-Jürgen Röder, IHK-Präsident Eberhard Reiff und Hauptgeschäftsführer Wolfgang Epp, der zu Protokoll gibt: „Das ist ein großer Tag für die Region.“
Kein gewöhnlicher Tag ist es auch für die sechs Bosch-Beschäftigten, mit denen sich der Bundespräsident am Ende seines Besuchs unterhält. Stefan Fritsch stellte bis vergangenen Sommer noch Einspritzpumpen für Dieselmotoren im mittlerweile stillgelegten Rommelsbacher Bosch-Werk her: „Das ist eine neue Welt hier.“ Die Mikrotechnologie-Auszubildende Marina Diebold hofft, nach ihrer Lehre und einem Anschluss-Jahr endgültig bei Bosch übernommen zu werden. Dafür setzt sich auch der Betriebsratsvorsitzende Daniel Müller ein. Bosch-Chef Fehrenbach macht Mut: „Wir werden da schon was finden“, sagt er in Köhlers Beisein.
Es gibt einigen Grund zu Optimismus. 15 Patente werden derzeit bei Bosch angemeldet – Tag für Tag. Und der Anteil von Mikrochips allein im Auto soll sich bis 2020 verdoppeln. Ministerpräsident Mappus wünscht Bosch denn auch für die Zukunft noch „viele innovative Produkte made in Reutlingen“.
Im neuen Werk bis zu eine Million Mikrochips täglich
Bis zu eine Million Mikrochips am Tag will Bosch spätestens im Jahr 2016 im neuen Reutlinger Halbleiterwerk herstellen. Rund 600 Millionen Euro gibt der Konzern für die Produktionshallen nebst Forschung, Entwicklung und Testzentrum aus – die größte Einzelinvestition, seit Robert Bosch 1886 in Feuerbach seine „Werkstätte für Feinmechanik & Elektrotechnik“ gründete.
Die heutigen Bosch-Chips werden in elektronischen Systemen verbaut – je zur Hälfte in der Automobilindustrie sowie der Konsum-Elektronik (Laptops, Handys, Spielekonsolen). Unter Reinraumbedingungen – dabei wird die Luft intensiv gefiltert – werden die Mikrochips aus dünnen Siliziumscheiben, so genannten Wafern, mit einem Durchmesser von 200 Millimetern hergestellt. Bis 2016 sollen in der Reutlinger 200-Millimeter-Wafer-Fab(rik) 800 Mitarbeiter beschäftigt sein – darunter die 450 aus dem im Sommer aufgegebenen Rommelsbacher Werk.
Insgesamt beschäftigt Bosch in Reutlingen derzeit 6700 Mitarbeiter/innen.