Die Eiszeitkunst aus Höhlen der Schwäbischen Alb soll nach dem Willen der Landesregierung künftig stärker in der Nähe der Fundorte gezeigt werden. Die Universität sichert sich durch Kooperation günstige Forschungsbedingungen. Tübinger Hoffnungen auf eine Dauerpräsenz des gesamten Figurenarsenals sind damit vom Tisch.
Tübingen. Aus Grabungen des Tübinger Urgeschichtlers Prof. Gustav Riek im Spätjahr 1931 besitzt die Eberhard-Karls-Universität Kleinplastiken, die vor ungefähr 35 000 Jahren geschaffen wurden. Die figürlichen Darstellungen aus der Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen verkörpern Bison, Rentier und Nashorn, Löwe und Schneeleopard. Das zweifellos schönste Stück in diesem Gehege stellt ein Wildpferd dar. Ein halbes Jahrhundert freilich zählte das Ensemble zu den eher unterbewerteten Universitätsschätzen, wahrnehmbares Interesse gab es allerdings auch nicht am Fundort.
Im Vorfeld der
Landesausstellung
Im neu eröffneten Schlossmuseum auf Hohentübingen wurde die Menagerie stärker in den Vordergrund gerückt. Doch fehlten zuletzt die Mittel, um die Objekte den Bedürfnissen auch einer größeren Öffentlichkeit entsprechend zu präsentieren. Im Vorfeld der diesjährigen Landesausstellung zur Eiszeitkunst brachten neue spektakuläre Funde der Tübinger Ausgräber weltweite Aufmerksamkeit – darunter das Mammut, das älteste vollständig erhaltene Kunstwerk der Menschheit. Die in diesem Kontext entstanden Begehrlichkeiten will das Land jetzt in einem Gesamtkonzept regeln, dessen Eckpunkte in den letzten Tagen abgesteckt wurden.
Das Vogelherdpferdchen bekommt mehr Außentermine. Archivbild: Grohe
Der Zwischenstand der Überlegungen war am Dienstag Thema des Kabinetts. „Die Landesregierung legt großen Wert darauf, dass die Funde in einem ihrer Bedeutung angemessenen und wissenschaftlich fundierten Rahmen präsentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“, teilte Ministerpräsident Günther Oettinger mit. Das Kabinett wünscht fundortnahe Präsentationen in Blaubeuren und Niederstotzingen, der Minister für den ländlichen Raum Peter Hauk versprach der Gemeinde Niederstotzingen bei gleicher Gelegenheit 750 000 Euro für den Aufbau einer Schauhöhle neben der Vogelherdhöhle.
Dieses von Tübingern ausgegrabene Mammut ist das älteste vollständig erhaltene Kunstwerk der Menschheit. Bild: Uni
Mit warmen Worten würdigten die Landespolitiker das hohe private und kommunale Engagement in den Fundregionen. Nicht zuletzt deswegen wird man in Blaubeuren damit rechnen dürfen, dass das dortige urgeschichtliche Museum zu einem Schwerpunktmuseum für Steinzeitkunst ausgebaut wird. Seine bisherige Eigenständigkeit soll es verlieren und zusammen mit Niederstotzingen eine Zweigstelle des Archäologischen Landesmuseums Stuttgart werden.
In einer Antwort auf die Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hat das baden-württembergische Wissenschaftsministerium klargestellt, dass archäologische Funde „in der Regel dem zentralen Fundarchiv des Archäologischen Landesmuseums zuzuweisen“ seien. Juristisch präzise wird zwischen Besitz und Eigentum unterschieden. Auf Nachfrage unserer Zeitung betonte Jochen Laun, Sprecher des Wissenschaftsministeriums, dass auch die seit Jahrzehnten in Tübingen aufbewahrten Vogelherdfiguren zwar im Besitz der hiesigen Universität seien, allerdings im (höherwertigen) Eigentum des Landes.
Rektor Bernd Engler hätte, wie auch Oberbürgermeister Boris Palmer, die Sammlung gerne komplett in Tübingen ausgestellt gesehen. Letztlich bevorzugt er jedoch einen Kompromiss, von dem alle Beteiligten etwas haben. „Unser Alleinvertretungsanspruch war fiktiv“, sagte Engler im Gespräch mit dem TAGBLATT. Letztlich habe er großes Verständnis auch für die Interessen der Region, die er im Einklang mit den wissenschaftlichen Zielen sieht. Die Kooperation mit den kommunalen Vertretern und privaten Sponsoren „funktioniert hervorragend“. Von einem Konzept mit „temporären Leihgaben“ hätten alle etwas, auf diese Weise könnte man auch das Mammut öfter in Tübingen sehen. Was Blaubeuren angeht, habe indes die Universität Interesse, die wissenschaftliche Leitung zu behalten.
„Das ist keine
feindliche Übernahme“
Dies ist, zumal wegen der Kompetenz des hiesigen Urgeschichtlers Prof. Nikolas Conard, unbestritten. Pragmatisch sieht Conard in der Zuordnung Blaubeurens zum Landesmuseum Vorteile insbesondere auch für die Ausstattung und Präsentation. „Das ist keine feindliche Übernahme“, beschwichtigt er, „die Uni wird nicht geschwächt“. Im Gegenteil: „Wir spüren mehr Rückenwind.“
Und Boris Palmer? Kurz vor Weihnachten hat der OB einen Brief an den Ministerpräsidenten geschrieben und plädiert, nicht nur das schon vorhandene Gehege im Tübinger Schlossmuseum zu belassen, sondern auch noch das Mammut permanent hinzuzugesellen. Eine Brieffreundschaft hat sich daraus nicht gerade entwickelt, noch steht die Antwort aus. Einstweilen hält sich Palmer an die Pressemitteilung aus dem Hause Oettinger. Temporäre Leihgaben sehe er als eine Förderung des ländlichen Raums, gegen die er keine Einwände habe. Aber als hauptsächlichen Standort sehe er „das Schlossmuseum nach wie vor als den richtigen Ort“.