per eMail empfehlen


   

Notdienst nur am Klinikum? Tübinger Ärzte wehren sich

Hausärztliche Not-Versorgung soll zentralisiert werden

Zeckenbiss und Blasenentzündung, Brech-Durchfall und hohes Fieber: Wen es am Wochenende erwischt, der geht bislang zum hausärztlichen Notdienst in seiner (Nachbar-)Gemeinde. Die Kassenärztliche Vereinigung will das jetzt ändern und einen zentralen Not-Dienst für den Kreis am Klinikum einrichten. Die Ärzteschaft wehrt sich.

Anzeige


Angelika Bachmann

Tübingen. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg will die hausärztliche Versorgung an den Wochenenden und an Feiertagen reformieren. Im Kreis Reutlingen soll das neue System schon zum 1. Februar 2013 umgesetzt sein. Im Kreis Tübingen, so die derzeitigen Pläne, will man den Notdienst zum 1. Januar 2014 umstellen.

Stethoskop Bild: © Fotolia.com / dinostock

Was würde das für die Patienten bedeuten? Bislang ist der Kreis Tübingen in mehrere Notfallbezirke eingeteilt (siehe: „Die Notfallbezirke im Landkreis“). Innerhalb dieser Bezirke teilen sich die niedergelassenen Ärzte die Dienste an Sonn- und Feiertagen. Wer Dienst hat, das erfahren die Patienten über die Notfall-Rufnummer beim Roten Kreuz, Telefon 0 70 71 / 79 10 71. Der hausärztliche Notdienst wird bislang von den Ärzten selbst organisiert.

Künftig will das die Kassenärztliche Vereinigung übernehmen und zentral organisieren. Die KV will landesweit so genannte Notfallpraxen einrichten und damit zentrale Anlaufstellen für Patienten schaffen. Im Kreis Tübingen plant die KV diese Notfallpraxis am Uni-Klinikum einzurichten und führt darüber auch bereits Gespräche mit der Klinikums-Leitung. Das Argument der KV: Die hohe Belastung durch Wochenenddienste halte Mediziner davon ab, sich als Hausarzt niederzulassen. Eine Neuregelung und eine Vergrößerung der Bezirke sei notwendig, um die Versorgung landesweit sicherzustellen.

Susanne Blessing Susanne Blessing Bild: Metz

Die Ärzteschaft im Kreis indes hält die Einrichtung einer zentralen Notfallpraxis, in der die Haus- und Fachärzte Dienste übernehmen, für unnötig und teuer. „Das neue System ist für uns nicht akzeptabel, weil es eine Verschlechterung der Patientenversorgung, eine Verteuerung und eine Anonymisierung mit sich bringt“, sagt Lisa Federle, Vorsitzende der Kreisärzteschaft. Ähnlich sieht das ihre Stellvertreterin, die Allgemeinmedizinerin Susanne Blessing, die zudem Mitglied der Vertreterversammlung der KV ist. Eine Umfrage bei den Ärzten im Kreis hat ergeben, dass 90 Prozent die bisherige Regelung beibehalten wollen.

Für Patienten bringe eine Zentralisierung der Versorgung erhebliche Nachteile mit sich, argumentieren die beiden. Wer am Wochenende zum Notdienst wolle, müsste künftig weite Wege in Kauf nehmen. Schon im jetzigen System merke man, dass ab einer gewissen Distanz die Notdienste nicht mehr funktionieren.

Lisa Federle Lisa Federle Bild: Metz

So gehört zum Beispiel Dettenhausen zum Notfallbezirk Nürtingen. Immer wieder komme es aber vor, dass Patienten, die einen Hausbesuch bräuchten, an Tübingen verwiesen werden. Im Zweifelsfall rufen die Patienten dann oft den Rettungsdienst, weil sie in ihrer Notlage wenig Sinn für organisatorische Streitigkeiten im Notfalldienst haben. Der Rettungsdienst kommt dann mit Blaulicht – ist aber eigentlich gar nicht zuständig, viel teurer als der Hausarzt, und fehlt womöglich bei einem wirklichen Notfall, sagt Federle, die auch DRK-Vorsitzende ist.

Blessing und Federle befürchten, die organisatorische Übernahme durch die KV bringe eine Aufblähung und Verteuerung des Systems. Für die Notfallpraxis müssen Räume gemietet, Arzthelferinnen eingestellt werden. Die Notfallpraxis soll von 7 bis 23 Uhr besetzt sein. „Da sitzt dann einer, der muss bezahlt werden“, sagt Blessing. Der tatsächliche Aufwand für den Notdienst an Wochenenden sei aber meist viel geringer. Die Kosten des neuen Systems will die KV auf die Ärzteschaft umlegen: Rund 200 Euro im Monat käme damit auf jede (Fach-)Arztpraxis zu.

Und wie steht man am Klinikum zu den Plänen? Im Prinzip, sagt Klinikums-Chef Michael Bamberg, „können wir uns das vorstellen“. Ansiedeln würde man die Notfallpraxis bei den Ambulanzen der Medizinischen Klinik auf dem Schnarrenberg. „Die Räume sind kein Problem.“ Er lege aber Wert darauf, dass die Regelung im Einvernehmen mit der Kreisärzteschaft und nicht gegen deren ausdrücklichen Willen durchgesetzt werde.

Die Notfallbezirke im Landkreis
Derzeit gibt es im Kreis Tübingen fünf Bezirke für den hausärztlichen Notdienst an Wochenenden und Feiertagen: Tübingen und Ammerbuch, Unteres Steinlachtal (Dußlingen, Nehren und Gomaringen, Gönningen), Oberes Steinlachtal (Mössingen, Ofterdingen), Rottenburg, Hirrlingen, Bodelshausen und Starzach. An den Rändern des Kreisgebietes gibt es Detailregelungen. Die Gemeinde Neustetten etwa gehört zum Notfallbezirk Bondorf, Dettenhausen zum Bezirk Nürtingen. Kusterdingen und Kirchentellinsfurt gehören zum Reutlinger Notdienst. Der hausärztliche Notdienst im Kreis Tübingen ist über die DRK-Leitstelle, Telefon 0 70 71 / 79 10 71, zu erfragen, in Reutlingen unter Telefon 01 80 / 192 92 119. Der hausärztliche Notdienst ist nicht zu verwechseln mit dem Rettungsdienst, der über die Rettungsnummer 112 erreichbar ist.


27.12.2012 - 06:00 Uhr | geändert: 27.12.2012 - 06:17 Uhr

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

Anzeige

(c) Alle Artikel, Bilder und sonstigen Inhalte der Website www.tagblatt.de sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.

Bildergalerien und Videos

Die drei Lieblingsorte der Kirchentellinsfurter Bürgermeisterkandidaten: Bernd Haug

Die drei Lieblingsorte der Bürgermeisterkandidaten: Petra Kriegeskorte

TV Derendingen schlägt SV03 Tübingen 4:1 Millipay Micropayment

Ammerbucher Fliegerfest 2014

Stadtfest in Mössingen: Erst feucht, dann fröhlich

Horst Raichle, Bürgermeisterkandidat Kirchentellinsfurt

Trailer zum Poltringer Fliegerfest 2014

SV Seebronn schlägt SV Hailfingen 5:1 Millipay Micropayment

Die Dirndlknacker in Hirrlingen

Walter Tigers präsentieren das neue Team

SSC Tübingen schlägt TSG II mit 5:1 Millipay Micropayment

Toter und Totalschäden: Ein Massencrash zum Üben

Friedrichstraße feiert ihr neues Gesicht

Rallye von Rottenburg in den Orient

Die Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Kirchentellinsfurt | Christine Falkenberg

Adebar ist wieder da: Störche sammeln sich im Kreis

Kreisliga A: Altingen schlägt Lustnau 3:2 Millipay Micropayment

Beachparty in Oberndorf: Bei 15 Grad in den Heuballen-Pool

Anzeige


Nachrichten aus ...
ReutlingenWannweilPliezhausenWalddorfh�slachAmmerbuchT�bingenDettenhausenKirchentellinsfurtKusterdingenGomaringenDusslingenOfterdingenMössingenNehrenBodelshausenHirrlingenNeustettenRottenburgStarzachHorb
Anzeige


Die Woche im Rückklick
Ein Versuchsaffe hat sich den Schädel blutig gekratzt.Bild: Soko Tierschutz/BUAV

Wissen, was war

Die Woche vom 6. bis 12. September: Betreuerin stürzt am Lichtenstein in den Tod, Mann vergeht sich an Stute, Kritik an Affenversuchen

Aktive Singles auf
date-click
Anzeige


Zeitzeugnisse
Anton Schäfle in Uniform. Das Bild entstand Anfang Februar 1917.

„Ich habe nämlich erbärmlich Hunger“

Der 18-jährige Musketier Anton Schäfle hat seinen Eltern seit seiner Ausbildung zum Soldaten im November 1916 bis zu seinem Fronteinsatz im Juni 1917 Briefe und Feldpostkarten geschickt. Die Wannweilerin Claudia Treutlein hat die Texte entziffert, fehlende Informationen recherchiert, alles dem TAGBLATT für die Veröffentlichung überlassen. Briefe und Karten sind ein Zeugnis des Hungers, den die Soldaten im Ersten Weltkrieg an der Front erleiden mussten. Nicht nur deshalb konnte sich Anton Schäfle für den Ersten Weltkrieg nicht begeistern; der Hof daheim war ihm viel wichtiger.

Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion