Ein komplexes Geflecht von Personen und Interessen beeinflusste die Gründung des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS. TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang beleuchtete es im Vortrag „Wie viel Anfang wagten die Journalisten?“
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DOROTHEE HERMANN
TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang (rechts) blickte zurück auf die verwickelten Nachkriegs-Anfänge unserer Zeitung. Bild: Metz
Tübingen. Die erste Nachkriegs-Ausgabe des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS erschien am Freitag, 21. September 1945. Die dicht beschriebene Titelseite in Fraktur glich einem amtlichen Bulletin, wie die 110 Zuhörer im TAGBLATT-Foyer an Faksimiles sehen konnten. Nur das Editorial der drei Herausgeber Josef Forderer, Will Hanns Hebsacker und Hermann Werner zeigte ein etwas aufgelockertes Schriftbild in lateinischen Buchstaben. „Furchtbar ist das Erbe, das uns die Nazis hinterlassen haben“, schrieben sie und verwiesen auf verwüstete Städte und Verkehrswege und das „erstickte Wirtschaftsleben“. Von der Verfolgung und Ermordung der Juden sprechen die Herausgeber nicht. Einige der Überschriften lauteten: „Prozess gegen die Kriegsverbrecher“, „Der Wiederaufbau in Oesterreich“ und „Aus der Arbeit des (alliierten) Kontrollrats“. Am 19. April 1945 hatten die Franzosen Tübingen besetzt.
„Bereits am 5. Mai, also noch vor der deutschen Kapitulation, hatte die Stadt Tübingen die Erlaubnis, die ,Tübinger Chronik’ als Tageszeitung fortzuführen“, berichtete TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang in der Vortragsreihe „Vom braunen Hemd zur weißen Weste?“. Organisatoren sind der AK Moderne Tübinger Stadtgeschichte, die Geschichtswerkstatt, die Stadt und die Volkshochschule.
Der kommissarische Oberbürgermeister Fritz Haußmann vermerkte, die künftige Tübinger Zeitung solle sich „auf die Wiedergabe von Anordnungen der Besatzungsarmee und deutscher amtlicher Stellen beschränken“ und sich „einer grundlegenden Stellungnahme zu den vergangenen und gegenwärtigen Ereignissen enthalten“, zitierte Lang. Am 23. Mai erschien die erste Ausgabe der „Mitteilungen der Militärregierung für den Kreis Tübingen“. Der NS-belastete Name „Tübinger Chronik“ durfte nicht mehr verwendet werden.
Für die Neugründung einer Tübinger Tageszeitung setzte sich vor allem die Demokratische Vereinigung ein, sagte Lang. Das war ein lockerer Verbund von Sozialdemokraten, unabhängigen Sozialisten, Kommunisten, christlich orientierten Demokraten und Liberalen, die in der Gaststätte „Pflug“ zusammenkamen. Zu ihnen gehörte auch Will Hanns Hebsacker, der Vater der heutigen TAGBLATT-Verlegerin Elisabeth Frate. „Wenige Wochen nach dem Machtantritt der Nazis war er wegen seiner offenen Sympathien für die Kommunisten ein Vierteljahr im Konzentrationslager Heuberg interniert und hatte danach als Journalist Berufsverbot“, sagte Lang.
Im Wettlauf um die Tübinger Zeitungslizenz lag zunächst Paul Herzog vorne, ein früherer Berliner Journalist. Er hatte sich Ende August 1945 bei den Franzosen die Lizenz beschafft und gleich Mitarbeiter eingestellt. In einem Grundsatzpapier beschrieb er die Zeitstimmung so: „Als ob unser Volk langsam aus einem hypnotischen Schlaf erwacht, noch benommen von dem, was die Hypnotiseure Hitler und Goebbels mit ihm angerichtet haben“. Damit perpetuiere Herzog die abwegige These von „einem Volk von Opfern“, sagte der Referent: „Sechs Millionen Juden aus ganz Europa sind sozusagen im Schlaf ermordet worden.“
Gegen Herzog intervenierte der frühere „Chronik“-Chefredakteur Josef Forderer bei der französischen Militärregierung in Baden-Baden. Der Chef der dortigen Presse-Abteilung missbilligte „das Tübinger Gekungel und Gezeter“ und benannte selbst ein Redaktionsteam mit Forderer als Chefredakteur, Hebsacker und Hermann Werner. Letzterer war „ein liberaler Stuttgarter Schöngeist, der für den ,Schwäbischen Merkur’ und zuletzt als Württemberg-Korrespondent für die Frankfurter Zeitung schrieb“. Dieses Trio sollte mit einem französischen Zensuroffizier „auf kollegialer Grundlage“ zusammenarbeiten.
Pierre Angel war 32 Jahre alt, als er sein Amt antrat, berichtete Lang. „Schwäbisches Tageblatt“ wollte er die neugegründete Tübinger Zeitung nennen. So spreche man in Berlin, jedoch nicht in Württemberg, korrigierte ihn sein Vorgesetzter. In Tübingen könne es nur ein TAGBLATT geben. Im Januar 1946 erschien darin der Leitartikel eines gewissen Paul Arnold. „Es kommt darauf an, dass unserem Volk Gerechtigkeit widerfahren müsse“, hieß es darin. „Die Schuldfrage ist zu differenzieren, nicht alle können für alle Naziverbrechen haften.“ Es war ein Beitrag des Zensuroffiziers unter Pseudonym – nicht der einzige. Als 1947 aufflog, dass er seine Befugnisse überschritten hatte, wurde Angel umgehend nach Freiburg versetzt.
Dem berühmten Sozialdemokraten Carlo Schmid gefiel das TAGBLATT nicht . Als für Württemberg-Hohenzollern zuständiger Staatschef versuchte er bis ins Frühjahr 1946, die Tübinger Neugründung zu entmachten. An ihrer Stelle wollte er eine „Zeitung großen Stils“ für den gesamten französischen Teil Württembergs, nach dem Vorbild der angesehenen „Frankfurter Zeitung“. – Herausgeber Forderer wurde im Januar 1946 von den Franzosen entlassen: „Dem deutschen Volk kann nicht zugemutet werden, mit dieser Rasse (den Juden) weiter zusammenzuleben“, hatte er 1939 geschrieben.