Tübingen. Die weite Welt ist an den Kreisgrenzen zwar schon wieder zuende, aber Bücher können die Reiseroute verlängern. Schon am ersten Abend führten sie nach Dakar und in den Ruhrpott. TAGBLATT-Moderator Ulrich Janßen fand zur Begrüßung der rund 250 Zuhörer/innen die passenden Worte zum Wetter. Der Winter sei sehr kalt gewesen, das Frühjahr ausgefallen, der Sommer „gut, bis zwei Stunden vorm Songwriter-Festival“, doch zur Gutenachtgeschichte zeigte sich das Wetter perfekt. Wen wundert‘s? „Kachelmann ist ja wieder in Freiheit.“
Ute Leube-Dürr las aus Marie N’Diayes „Drei starke Frauen“, drei feingewobene Frauenporträts. Danach schwenkte man mit Peter Pranges Vortrag aus „Radio Heimat“ von Frank Goosen zur handfesten Komik um.Bild: Metz
An Janßens Seite moderierte Lisa Futter, TAGBLATT-Mitarbeiterin und „sagenhafte 22 Jahre jung“. Nichtsdestotrotz sei sie, wie sie selbstironisch belegte, durchaus des Lesens mächtig: „von links nach rechts und Seite für Seite“, von Goethe bis Grisham – sie kennt sie alle.
Ute Leube-Dürr, die als erste Leserin im Sessel unter den Platanen Platz nahm, ist Rektorin des Tübinger Uhland-Gymnasiums. Sie verriet dem Publikum, das in diesem Jahr zum fünfzehnten Mal zur TAGBLATT-Gutenacht gerufen wurde, dass sie Geschichten mit starken Frauen liebe. Der Titel des Buches, aus dem sie las, lautete dementsprechend: „Drei starke Frauen“ – von der ersten schwarzen Prix Goncourt-Preisträgerin Marie N’Diaye.
Leube-Dürr las aus der Geschichte der Rechtsanwältin Norah, die von ihrem Vater nach Dakar zitiert wird, um ihren des Mordes verdächtigen Bruder aus dem Gefängnis zu holen.
Das Verhältnis des Vaters zur Tochter ist von Kälte und Ignoranz geprägt. Die Gefühle der Tochter changieren zwischen Mitleid und Abscheu zu dem alten verkommenen Mann, der einem „zu plumpen Vogel“ und kaum mehr der eitlen und gezierten Erscheinung von einst gleicht. Präzise und verwundert beobachtet sie ihn in seiner „wortlosen, unverstellten Gefräßigkeit“ bei Tisch. Dieser Mann demütigte seine Frau und seine Töchter, indem er sie verließ, um mit dem Sohn nach Afrika zurückzukehren. Leube-Dürr zeichnete den Blick, den die Tochter auf dieses seltsame Vater-Wrack und -Monster wirft und den sie mit den eigenen Erinnerungen konfrontiert, mit großer Eindringlichkeit.
Leise Töne sind Frank Goosens Sache nicht. „Radio Heimat. Geschichten von zuhause“ heißt das Buch, dargeboten, geradezu dargestellt, wurde es von dem Tübinger Autor Peter Prange. Der schien mit dem Kollegen in diesem Ruhrgebietroman zu verschmelzen und griff beherzt mittenmang hinein ins volle Menschenleben am Zechenrand.
Das Publikum gab Butter bei die Fische und kringelte sich vor Lachen. Als gebürtiger Kohlenpötter sei er ohnehin eine unfreiwillige Karikatur von Jürgen von Manger, sagte Prange, der in wenigen Tagen seinen neuen Roman „Himmelsdiebe“ präsentieren wird. Widerstand sei also zwecklos.
Den Kohlenpott stellte der im sauerländischen Altena geborene Prange als seine „Heimat zum Weihnachten und Schützenfest feiern“ vor. Tübingen sei hingegen seine „Heimat zum Vornehm-tun“, spottete er. „Woanders ist auch Scheiße“, verriet er dann später mit dem Kabarettisten und Lakoniker Frank Goosen, der Heimat Nummer eins liebevoll-derb vorführt. Vom Bergmann-„Oppa“, der dreißig bis vierzig „Reibeplätzchen“ (Reibekuchen) verdrücken kann. Über „Tante Matta“, die „sich immer Sorgen macht und damit nicht hinterm Berg hält“ und deren größte Bedenken dem sauberen „Unterzeug“, vor allem bei Frauen, gelten. Bis hin zu Theo, für den Siegfried der letzte echte Held ist. „Danach kam nur noch Durchschnitt“, verkündet der.
Die Kohlenpott-Idylle sprach dem Tübinger Publikum, das am Freitag keineswegs zum Vornehm-tun aufgelegt war, aus dem Herzen. Und hinterher, als beide Vorleser ihre Bücher zugeklappt und den Abenderlös für die Aktion Sahnehäubchen versprochen hatten, schienen manche noch ganz von Prange-Goosens Ausruf entzückt: „Kearl, jetzt haste mich wieder am Nachdenken gebracht.“
Info: Heute geht es mit der Gutenachtgeschichte um 20 Uhr im Kusterdinger Bürgerhaus am Klosterhof weiter.