[X]
 per eMail empfehlen


   

Keinen auf der Strecke lassen

Gut 1000 Demonstranten forderten „Bildung für alle"

Der Unmut ist weiter groß: Auch im dritten Jahr gingen mehr als 1000 Schüler und Studierende für bessere Bildung auf die Straße. Ihre zentrale Forderung am Mittwochvormittag: ein gerechteres Bildungssystem.

Anzeige


Ute Kaiser

Tübingen. Die gerade angekommene Touristengruppe schaute verdutzt. Um 8.30 Uhr standen Hunderte von Schüler(inne)n und Studierenden am Rand des Busbahnhofs und erwarteten den Lautsprecherwagen. Doch ein defektes Anlasserkabel hatte den Generator lahmgelegt. Nachdem der „Marktladen“ Strom spendierte, lief Musik.

Der gestrige Bildungsstreik mündete nicht wie im vergangenen Jahr in eine Sitzblockade. Mehr als ... Der gestrige Bildungsstreik mündete nicht wie im vergangenen Jahr in eine Sitzblockade. Mehr als 1000 zumeist junge Leute zogen quer durch Tübingen. Bild: Metz

Gegen 9 Uhr begann die erste Rede. Tobias Kaphegyi vom Tübinger DGB-Arbeitskreis sprach als erster an, was sich als durch viele der 13 Beiträge zog. Er forderte als „konkrete Utopie“ ein „egalitäres Bildungssystem“, das die Gesellschaft nicht spaltet und nicht für ungleiche Lebenschancen sorgt.

Ein wenig gespalten hat sich das Organisationsbündnis. Die Freie Schüler/innen Organisation, die den ersten Bildungsstreik in Tübingen organisiert hatte, stieg aus. Ihr ging die Gesellschaftskritik nicht weit genug. Auch zwischen Schülern und Studierenden lief im Vorfeld nicht alles rund. Manche Schüler fühlten sich dominiert. Gestern waren die Anteile etwa gleich verteilt.

Einige Redner/innen wiesen auf den Bildungsgipfel am Donnerstag in Berlin hin. Einer ihrer Kritikpunkte: Deutschland liege bei den Bildungsausgaben im internationalen Vergleich ganz hinten.

Geld spielte auch in der Rede von Claudia Lenger-Atan vom Frauenverband Courage eine Rolle. Sie trat für den „kostenlosen Zugang zu Bildung“ ein und will das dreigliedrige Schulssystem „auf den Müllhaufen der Geschichte“ verbannt sehen. „Lasst euch nicht einlullen, einschüchtern oder spalten“, sagte Lenger-Atan, kurz bevor die Delegation aus Reutlingen mit dem Zug ankam.

Gut 1000 Demonstranten (nach Einschätzung des Ordnungsamts und der Veranstalter) machten sich nach einer Stunde auf Richtung Uhlandstraßen-Gymnasien. Bundesweit sind am Mittwoch mehr als 70 000 Bildungsstreikende in mehr als 40 Städten auf die Straßen gegangen. Im Demozug liefen Hauptschülerinnen der Mörike-Schule neben Kepler-Gymnasiasten. In Sprechchören forderten sie zum „Mitmarschieren, Solidarisieren“ auf und riefen „Bildung für alle – und zwar umsonst“. Unterstützer tröteten mit ihren Vuvuzelas, die bei der Fußball-WM noch oft zu hören sein werden. Über Mühl- und Wilhelmstraße ging es zum Platz vor der Neuen Aula.

Der Student Fabian Everding vom Streikbündnis kündigte an, dass der Protest so lange an die Öffentlichkeit getragen werde, „bis die kritikwürdigen Verhältnisse abgeschafft sind“. Sein Katalog mit sozialen und politischen Forderungen war lang. Er reichte vom „Master für alle“ und bessere Lehre über die Einführung einer verfassten Studierendenschaft mit politischem Mandat und Finanzautonomie bis zur Mitbestimmung aller Beteiligten im Bildungssystem.

„Noch immer“, so die Schülerin Miriam Watson, „ist der Bildungsweg durch die Herkunft und den sozialen Status der Eltern definiert“. Das kritisierte auch Angela Heynen von der Initiative der Tübinger Hochschulsekretärinnen. Die Beschäftigten wollen keine Bildung, die sich den Gesetzen des Marktes unterordne, sagte sie unter Beifall.

Gute Lehre erfordert sichere Arbeitsplätze

Lothar Letsche von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft geißelte unter dem Motto „Bildung ist mehr wert“ unsichere Arbeitsplätze an der Universität: „Wer exzellente Forschung und Lehre will, muss auch exzellente Arbeitsplätze bieten.“ Wie er sprachen sich auch andere Redner gegen die Militarisierung der Tübinger Uni aus.

„Die Schulen, die wir kennen, zerstören unsere Kreativität“, rief Axel Blöck vom Reutlinger Albert-Einstein-Gymnasium dem Publikum zu. „Wir brauchen eine Schule, die jeden von Anfang an unterstützt, damit niemand auf der Strecke bleibt.“ Das Gros der Demonstranten zumindest ging nicht verloren. Es folgte dem Lautsprecherwagen auf der Rümelinstraße und quer durch die Alstadt bis zum Holzmarkt.

„Auch Kinder von Hartz IV-Empfängern haben das Recht auf gute Bildung“, sagte Eberhard Knoblich von der Montagsdemonstration. Die Streikenden seien „keine Klientelbewegung“, sondern eine, „die die Gesellschaft verändern will, damit sich jeder einzelne frei entfalten kann“, fasste der Student Jan-David Wakker das Selbstverständnis der Tübinger Aktiven zusammen. Sie bauen weiter auf ein breites Bündnis.

Das LTT solidarisierte sich und verteilte vor der Neuen Aula Freikarten für den „Schrottengel“ von Petr Zelenka am Donnerstagabend. Auch die SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid unterstützte in einer Pressemitteilung die Ziele der Streikenden. Mit der Demo sollen ihre Aktionen nicht beendet sein. Die Aktiven treffen sich jeden Mittwoch um 20 Uhr im Clubhaus.

Auch beim Ract!-Festival spielt die Bildung bei einer Veranstaltung am Sonntag um 16 Uhr eine zentrale Rolle. Das Streikbündnis und der DGB-Arbeitskreis rufen Schüler/innen, Studierende, Auszubildende und Beschäftigte zur Demonstration am Samstag in Stuttgart unter dem Motto „Wir zahlen nicht für Eure Krise“ auf. Es soll einen Bildungsblock geben.

10.06.2010 - 08:00 Uhr

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln (hier klicken)

Anzeige

Anzeige


Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T�bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Anzeige


Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion

Single des Tages
Anzeige
Coole Streetwear - Mode von Carhartt gibt es bei Def-shop