Das große Zittern überfiel sie in einer Kirche in Turin. Die Kuppel war nur mit einem gläsernen Aufzug zu erreichen.
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Keine Treppe, nirgends. Meine Freundin Yvonne litt in dem durchsichtigen Käfig Höllenqualen. Ihre Waden kribbelten, sie hatte das Gefühl, ins Nichts zu fallen.
Vor 15 Jahren schlug die Höhenangst in Italien zu. Ohne Vorwarnung. Über Felsen an einer Steilküste zu balancieren – fortan der blanke Horror. Einen Balkon zu betreten, bei dem ein Spalt zwischen Boden und Brüstung klafft – undenkbar. Treppenstufen mit freiem Blick in die Tiefe – schier unüberwindlich. Immer öfter merkte die Tübingerin, dass sie auch alltägliche Sachen, die für sie früher keinerlei Problem waren, nicht mehr machen konnte.
Yvonne wollte diese belastenden Einschränkung nach zehn Jahren nicht weiter hinnehmen. Unsere Freundin und Sportfachfrau Heidi empfahl einen Kletterkurs. Auf der Homepage des Tübinger Alpenvereins fand die von Akrophobie Geplagte das passende Angebot: den ersten Crashkurs an der vor fast fünf Jahren neu eröffneten Kletterwand der Paul-Horn-Arena. Yvonne fasste sich ein Herz und meldete sich an.
Sehr toll war es für sie, als sie sich das erste Mal die neun Meter hochgehangelt hatte. Auch wenn es nur die leichte Route war. Aus dem Crashkurs entwickelte sich eine feste Gruppe, die immer mittwochs die Wand hochging. Yvonnes Höhenangst verringerte sich Mal um Mal.
Doch dem Hochgefühl an der Kraxelwand folgte ein umso heftigerer Dämpfer am realen Fels. Die Premiere empfand Yvonne als reinste Katastrophe. Das miese Körpergefühl kehrte nur etwas vermindert wieder. Doch sie gab nicht auf und stellte sich weiter ihrer Angst. Denn Yvonne fühlte sich bei allem von den Kletterprofis des Alpenvereins gut behütet. Die Sicherheit, dass da jemand ist, der sie hält und stützt, ließ ihre Panik peu à peu schwinden. Sie brauchte immer weniger Unterstützung.
Mittlerweile fühlt sich die 48-Jährige völlig therapiert. Sie erklimmt Kletterwände und seilt sich an Felsen ab. Hochgebirgstouren in den Alpen oder Vulkane in Chile schrecken sie trotz Schneetreiben und eisigem Wind nicht ab. Schwankende Hängebrücken in Drittweltländern, die zwischen ihr und ihrem Ziel liegen, sind keinerlei Herausforderung mehr. Klettern zu gehen, sei für sie wie eine Medizin gewesen. Dass sich aus ihrer Konfrontation mit der Höhenangst ein Hobby entwickeln würde, auf das sie heute nicht mehr verzichten mag, hätte die Gipfelstürmerin damals niemandem geglaubt.
Abgeklärt beschreibt sie, wie es sich angefühlt hat, den entscheidenden Schritt nicht tun zu können. Und zuzusehen, wie ein Dutzend Wanderer locker ihre Problemstelle passierte. Nur noch in Extremsituationen kehrt ein Hauch des Gefühls zurück, ihre Beine würden sie nicht halten, und die Tiefe ziehe sie magisch an. Die Fahrt hoch zur Kirchenkuppel in Turin wäre ihr inzwischen ein Vergnügen. In den gläsernen Fahrstuhl würde sie ohne Bedenken einsteigen.