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Fest mit Protesttheater

Gegner der Studentenverbindungen hielten deren Feier eine Stunde lang auf

Zum zweiten Mal hatten die Tübinger Studentenverbindungen zum „Bürgerschoppen“ vor der Alten Burse eingeladen. Nicht-korporierte Bürger waren auch dieses Jahr kaum vertreten. Dagegen verwandelten mehrere Dutzend verkleidete Demonstranten gestern die Veranstaltung in ein burleskes Protest-Schauspiel.

Celia Eisele

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Tübingen. Der Arbeitskreis Tübinger Verbindungen (AKTV) ist überzeugt, dass kein anderer Platz als der Burseplatz besser geeignet sei, „das historische Miteinander von Stadtbürgertum, Universität und Studierenden zu beleben“, hieß es in seiner Einladung. Belebt wurde gestern allerdings in erster Linie der „Bürgerschoppen“ – und zwar ganz anders, als der AKTV dies geplant hatte. Zwischen dem Rot, Grün und Blau der Verbindungs-Uniformen stach eine Farbe ins Auge, die für Veranstaltungen der Korporationen eher ungewöhnlich ist: In rosafarbenen Röcken und Kleidern, die Köpfe mit bunten Hütchen bedeckt, hatten sich etwa ein Dutzend junge Leute unter die Besucher gemischt, die sich auf Schildern als „Corps Homophobia“ zu erkennen gaben.

Rosa Polonaise durch die Bierbänke

Zum ersten Lied des Musikvereins Weilheim tanzten die in Rosa gekleideten Demonstranten mit gut einem Dutzend weiterer junger Menschen eine Polonaise durch die Bierbänke. Mit Tröten, Hupen, Rufen und Pfiffen übertönten sie den AKTV-Vorsitzenden Wilhelm Neusel, als er zur Begrüßung anhob. Mit Mahnungen wie „Sie haben eine Meinung, die nicht begründet ist“, versuchte er sich vergebens Gehör zu verschaffen, als die nächste Protestgruppe auftrat.

Einer Prozession gleich zogen zwölf schwarz gekleidete Demonstranten vor die Burse. „Zug der Erinnerung an die Opfer verbindungsstudentischer Gewalt“ war auf einem Schild zu lesen, dahinter trugen mehrere junge Leute ein auf ein schwarzes Tuch gemaltes überdimensionales Skelett. Zusammen mit dem Lied „Fuchs Du hast die Gans gestohlen“, das die Rosafarbenen und ihre Mitstreiter anstimmten, ergab der „Trauerzug“ ein eigenartiges Schauspiel. Als Neusel dem Lärm zu entfliehen versuchte, um seine Begrüßung in einer leiseren Ecke ins Mikrofon zu sprechen, entwickelte sich ein bizarres Verfolgungsspiel zwischen ihm und den lärmenden Protestlern. Neusel gab auf.

Auch Tübingens Erstem Bürgermeister Michael Lucke, der Oberbürgermeister Boris Palmer wegen der bevorstehenden Geburt seiner Tochter vertrat, und dem Prorektor der Universität für Forschung, Herbert Müther, erging es nicht anders. Mehrere als „BoPal-Jugend“ Auftretende übertönten sie mit „Wir wollen Boris“-Rufen. Vier als Ritter verkleidete Erwachsene lieferten sich zum nächsten Lied des Musikvereins mit Holzschwertern ein Duell. Eine Handvoll Demonstranten mit roten Kapuzenpullis und weißen Masken übte mit einem Transparent stillen Protest am Kapitalismus („Ihr seid die Elite? Wir sind Eure Krise!“).

Grüne Verbindungsmützen und rote Demonstrantenherzen beim zweiten „Bürgerschoppen“ vor der ... Grüne Verbindungsmützen und rote Demonstrantenherzen beim zweiten „Bürgerschoppen“ vor der Burse. Bild: Sommer

Einige Besucher schüttelten seufzend die Köpfe, vereinzelt waren verärgerte Rufe zu hören. „Kein Land kommt ohne Eliten aus, sie müssen ja nicht korporiert sein“, sagte ein älterer Herr. Eine Frau rief in Richtung der Demonstranten: „Die studieren auf unsere Kosten!“ Nach einer Stunde zogen sie ab.

Prorektor Müther äußerte nach seiner von den Protestierenden übertönten Ansprache zur Exzellenzinitiative der Uni die Hoffnung auf „ein besseres Publikum“ im nächsten Jahr. Bürgermeister Lucke kritisierte die Demonstranten scharf, da sie nicht an einer offenen Diskussion interessiert seien und andere Meinungen nicht anhören wollten. Er ermahnte aber auch die Verbindungen, stärker den Dialog zu suchen. Die Protestler, so witzelte Lucke, seien „wohl ein bisschen schwach auf der Brust“, wenn sie nach einer Stunde schon müde seien. In jedem Fall sei es eine gute Entscheidung der Verbindungen gewesen, das Mai-Einsingen zugunsten des Bürgerschoppens aufzugeben, wo kein massives Polizei-Aufgebot erforderlich sei.

Gästezahlen unter den Erwartungen

Mit den Besucherzahlen war der AKTV-Vorsitzende Wilhelm Neusel nicht ganz zufrieden. Die für rund 400 Gäste berechneten Bierbänke waren nach dem Abzug der Demonstranten nur etwa zur Hälfte besetzt. „Ich bin aber dankbar, dass mehr hiergeblieben als weggegangen sind“, so Neusel. Die Art und Weise des Protests halte er für „nicht besonders klug“. Er hätte „zumindest erwartet, dass sie erst mal zuhören“.

17.05.2010 - 08:00 Uhr | geändert: 17.05.2010 - 09:26 Uhr
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