Diskussion im Rathaus drehte sich auch um kommunale Außenpolitik
Für Frieden von unten
Seit Montag ist Tübingen für eine Woche Friedensstadt. Was genau ist eigentlich eine Friedensstadt? Mosaiksteinchen hierzu wurden am Dienstagabend zusammengetragen.
Veronika Renkenberger
Tübingen. „Dieses Podium ist ein kreativer Treffpunkt und der Versuch, heute etwas auf den Weg zu bringen“, begrüßte Friedenswochen-Initiator Henning Zierock die Gäste. Abgeordnete, Stadträte und etwa 25 Bürger waren in den Ratssaal zum Gespräch gekommen.
Spontanen Applaus bekam Ursula Heinemann, Rektorin der Tübinger Albert-Schweitzer-Realschule. Sie berichtete von einer Schüler-Reise zur Partnerschule in Uganda. Für die Lehrerin hat Partnerschaft sehr viel mit Augenhöhe zu tun. „Unsere Jugendlichen sind Menschen begegnet, die ganz anders leben. Es sind Beziehungen entstanden, das ist jetzt kein fernes Land mehr mit fernen Menschen.“ Für die Schulleiterin steckt das A und O einer heute zeitgemäßen Friedenserziehung für Jugendliche darin, „dass sie in Beziehung sind, Kontakt haben und den anderen Menschen erleben“.
Uli Jäger, der das Tübinger Institut für Friedenspädagogik leitet, erinnerte an eine Broschüre, die in den 1980er-Jahren an alle Tübinger Haushalte verteilt wurde: „Kommunale Friedenspolitik“ – in der Stadt umstritten, aber bundesweit beachtet. „Wie sähe ein adäquater Schritt heute aus?“ Sein Vorschlag: Ähnlich dem „Runden Tisch Gewaltprävention“ könnte man einen Runden Tisch für kommunale Friedenspolitik einführen, um sich beispielsweise über „best practice“-Methoden der kommunalen Friedenserziehung und Friedensarbeit auszutauschen.
Der Tübinger Grünen-Bundestagsabgeordnete Winfried Herrmann ging als sportpolitischer Sprecher seiner Fraktion ans Thema heran: Er schilderte die Erfolge von Straßenfußball-Projekten, die zur Zeit der rot-grünen Bundesregierung in den östlichen Bundesländern gestartet waren, um dort Gewalt und rechten Tendenzen entgegenzuwirken. „Die Jugendlichen lernen die Bewältigung von Konflikten.“ Walter Schwenninger, einst ebenfalls für die Grünen im Bundestag, nutzte seine Redezeit für einen Rückblick – auch auf lokalpolitische Konflikte. Der einstige OB Eugen Schmid habe sich gegen die atomwaffenfreie Zone Tübingen gewehrt. „Wenn ihr was für den Frieden erreichen wollt, geht nicht in den Gemeinderat!“, so Schwenninger. Dass in Tübingen so viele verschiedene Leute und Gruppen in der Dritten Welt Gutes tun, stört ihn. „Das muss man zusammen tun!“
Für Heike Hänsel, Bundestagsabgeordnete der Linken, haben Kommunen große Potenziale. Sie plädierte für „Politik von unten“, bei der Menschen konkret Verantwortung übernehmen. Beispielsweise über Projektgemeinschaften wie jene mit einer Friedensgemeinde in Kolumbien. Wenn dort Menschenrechte in Gefahr seien, könnte man in Tübingen reagieren und so künftig Außenpolitik mit bestimmen.
Auch SPD-Gemeinderat und Bundestagskandidat Martin Rosemann nannte Beispiele, wie die Stadt Friedens-Initiativen ergreifen könne: Indem sie gewaltlose Konfliktlösungen vermittle, durch Flüchtlingspolitik wie aktuell die Aufnahme von Irakern, indem man durch Klimaschutz aktiv dem Kriegsgrund Ressourcenknappheit begegne sowie durch Städtepartnerschaften, die nicht nur auf dem Papier bestehen. Das hatte zuvor schon Uli Jäger gefordert: Bei den Städtepartnerschaften weniger Quantität zu fördern, sondern vor allem Qualität und Austausch.
Heike Hänsel schlug vor, aus der Bauruine an der Blauen Brücke ein Haus der Initiativen zu machen. Winfried Hermann fände ein ökofaires Kaufhaus in Tübingen gut. Laut Henning Zierock geht es nun darum, die Ansätze zusammenzuführen.