Führerschein für 15-Jährige käme bei Eltern nicht gut an
Parlamentarier von FDP und CDU wünschen sich den Moped-Führerschein mit 15 statt bisher mit 16 Jahren. Der Vorschlag befeuert auch im Kreis die Debatten zwischen Eltern und Kindern.
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Mario Beisswenger
Mofa darf man schon mit 15 Jahren fahren, jetzt soll man den Moped-Führerschein ebenfalls schon früher bekommen. Bild: Sommer
Tübingen. Familie Röhm diskutiert im Tübingen Teilort Weilheim Berliner Politik. Es geht um die Roller-Frage. „Da sind wir noch unterschiedlicher Meinung“, sagt Anne Röhm über den Stand der Auseinandersetzung mit ihrer Tochter Sarah. Die will einen Roller. Weil sie das unabhängig macht vom Bustakt und „weil es schon cool ist, wenn man mit Freunden so wegfahren kann“.
Anne Röhm ist nicht so begeistert, dass aus Berlin vergangene Woche der Vorschlag kam, den Führerschein für Mopeds und Quads schon für 15-Jährige freizugeben. Mofa wäre okay. „Das haben wir auch gehabt.“ Aber müssen es die mit nominell 45 Stundenkilometern etwas schnelleren Mopeds und Roller sein, die weitere Unfallgefahren heraufbeschwören? „Ein paar Bremsklötze sollte es da schon geben“, wünscht sich die Mutter. Ihre 15-jährige Tochter sieht das anders: „Das kann man auch mit 15 unter Kontrolle haben. Das lernt man ja auch.“
Genau das meint auch Hans Kappler von der Rottenburger Fahrschule. „Nach einer konsequenten Ausbildung, kann man mit dem Gerät umgehen.“ Dieter Mattern, Fahrschullehrer in Lustnau, ist etwas vorsichtiger. Selbst die beste Ausbildung müsse auf fruchtbaren Boden fallen, damit sie auch etwas nütze. In der Fähigkeit, Verantwortung fürs eigene Fahrverhalten zu übernehmen, sieht er einen großen Sprung zwischen 15 und 16 Jahren. Eine Einschätzung, die im übrigen auch die Bundesanstalt für Straßenwesen oder der Deutsche Verkehrssicherheitsrat teilen. Die haben sich gegen die Alterssenkung ausgesprochen.
Fred Koller ist anderer Meinung. Das Argument des Zweiradhändlers aus Belsen: Mit den bisher für 15-Jährige zugelassenen Mofas und ihrer Höchstgeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern sei es viel gefährlicher, unterwegs zu sein. „Das ist gerade umgekehrt als man denkt.“ Mofafahrer seien eine Art rollendes Verkehrshindernis, mit 45 könnten die Zweiradfahrer wenigstens innerorts im Verkehr mitschwimmen. Die Alterssenkung hätte die Politik schon längst einführen sollen, so wie in den europäischen Nachbarländern auch.
Dabei macht gerade der Blick ins Nachbarland Österreich dem Vorsitzenden des Gesamtelternbeirats der öffentlichen Schulen in Rottenburg Sorgen. Theo Keck hat sich erkundigt und von den dort steigenden Unfallzahlen bei 15-Jährigen gelesen. „Das ist nicht die Lösung von Mobilitätsproblemen von Jugendlichen.“ Als Motorradfahrer, dessen Sohn Tim „auf den Führerschein-Termin zufiebert“, will er keine Spaßbremse sein. Aber der „Großversuch“ in Österreich zeige doch, dass eine Lösung eher in einem besseren Bussystem zu suchen wäre.
Dabei soll die neue Altersregelung gerade die Mobilität auf dem Land verbessern. Vielleicht stecken aber auch andere Gründe hinter dem Vorschlag. Der bisherige Führerschein der Klasse M für Mopeds und Roller wird nämlich zusehends unattraktiver. Vorgeschrieben sind dafür 14 Doppelstunden Theorie, Theorieprüfung, Fahrstunden und praktische Prüfung: Da kommen leicht 800 Euro zusammen. Eine Stange Geld, wenn gleichzeitig der Autoführerschein ab 17 bundesweit eingeführt wird. Könnten Jugendliche schon mit 15 aufs flotte Zweirad, würde sich das Geld eher lohnen.
Patrick Linnemann freut sich, so sagt er uns auf dem Pausenhof der Albert-Schweitzer-Realschule, auf den Auto-Führerschein. Ein Mofa würde so lange reichen, bis er in Begleitung Auto fahren darf. Alexander Schäuble stimmt ihm da voll zu. Denn ganz ehrlich, sagt ein Dritter, mit etwas technischem Geschick, sei die Geschwindigkeitsbegrenzung doch leicht zu umgehen. „Mit 25 fährt doch keiner durch die Stadt.“
Was die Abgeordneten sagen
Mit einem Beschluss von vergangener Woche will der Verkehrsausschuss des Bundestages mit den Stimmen der CDU- und FDP-Mitglieder den Moped-Führerschein mit 15 einführen. Als Ausschussvorsitzender ergriff da auch Winfried Hermann, grüner Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis, das Wort. Es sei „unverantwortlich und zynisch jungen Leuten schon ab 15 Jahren die Lizenz zum Rasen zu erteilen, wenn man weiß, dass dieses Altersgruppe schon mit dem Fahrrad und dem Mofa zu schnell fährt“. Da sich alle Experten noch bei einer Anhörung im März gegen die Senkung ausgesprochen hätten, vermutet Hermann ein Geschenk an die Zweiradindustrie. Deren Lobby habe im Frühjahr Druck gemacht, weil die Absatzzahlen im Moped- und Rollerbereich einbrachen.
Hermanns CDU-Kollegin Annette Widmann-Mauz ist auch nicht für die Altersabsenkung. „Wir in Baden-Württemberg haben keinen Grund von einer Regelung abzuweichen, wenn feststeht, dass bei einer Änderung die Unfallzahlen nach oben gehen.“ Die Initiative sei von Abgeordneten aus den neuen Bundesländern gekommen, die Mobilitätsbedürfnisse Jugendlicher in strukturschwachen Gebieten vor Augen hatten. Ihr machten Besuche in der Tübinger BG-Klinik mehr Eindruck, die eindrücklich zeigten, welche Folgen Verkehrsunfälle haben.