Früher alltäglich, heute selten: Strohbären wie der Hirschauer Äschadreppler
Hirschau hat zur Fasnet den Äschadreppler – die urige Gestalt aus Erbsenstroh. Am Samstagabend erklärte Werner Baiker, was es mit den Strohbären auf sich hat und wo sie heute noch zu finden sind.
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madeleine wegner
Die Gestalten aus Stroh können unterschiedliche Formen annehmen. Hier zeigen sich am Fasnetsmontag 2008 die Hirschauer Äschadreppler . Bild: Werner Baiker
Tübingen. Literatur gibt es nur wenig über die Gestalten aus Weizen-, Roggen-, Dinkel- oder auch Erbsen-Stroh. So hatte die Narrenzunft Hirschau den Strohbären-Experten Werner Baiker eingeladen. Am Samstag hielt er einen Vortrag über Strohbären, ihre Verbreitung und Bedeutung. Dazu waren gut 40 junge und ältere Interessierte ins Feuerwehrhaus gekommen. Darunter auch Ortsvorsteher Ulrich Latus, der nicht nur Mitglied der Narrenzunft, sondern auch ein „ganz treuer Bärenbinder“ sei, der am Rosenmontag regelmäßig beim Binden der Hirschauer Äschadreppler helfe, wie Zunftmeister Martin Wekenmann hervorhob.
Werner Baiker Bild: Faden
Diese eigenwillige und heute noch in einigen Regionen lebendige Tradition ist die Leidenschaft von Werner Baiker – und das seit Kindesbeinen: „Der Strohbär hat mich schon als kleiner Kerle fasziniert“, sagte der geborene Empfinger, der heute in Sulz am Neckar lebt. Die Bären treiben ihn jedoch zur Zeit besonders herum: Er organisiert zum Thema eine Sonderausstellung im Fastnachtsmuseum Narrenschopf Bad Dürrheim, die dort vom 16. Januar bis zum 10. März zu sehen sein wird. Dort wird es nicht nur Fotos, sondern auch richtige Strohgestalten zu sehen geben, unter anderem einen Äschadreppler, den die Hirschauer eigens für die Ausstellung angefertigt haben.
„Früher waren sie eigentlich alltäglich“, sagte Baiker, „in den Orten, in denen es Landwirtschaft gab, gab’s auch Strohbären.“ Mittlerweile aber seien sie selten und damit zu etwas ganz Besonderem geworden. Dies liege vor allem in der „Ästhetisierung der Fasnet“ begründet, die schöner und sauberer werden sollte. „Die Fasnet in geordnete Bahnen zu lenken“, soll der Aufruf laut Baiker in den fünfziger Jahren gelautet haben. Gestalten aus Stroh, das nach einem Regen etwa noch zwei Wochen auf der Straße klebte, habe da nicht mehr ins Bild gepasst.
Literatur gibt es über die verschiedenen Gestalten kaum: „Der Strohbär war eigentlich nicht interessant zum drüber schreiben. Er war zu allgemein und stammte aus den unteren sozialen Schichten“, sagte der Bären-Begeisterte Baiker. Die älteste Erwähnung stammt seines Wissens aus dem Jahr 1852 und aus dem benachbarten Wurmlingen. Darin wird beschrieben, wie ein Mann, in Stroh gewickelt und von Instrumenten begleitet, von Haus zu Haus geht und Gaben erbittet. Dies seien vor allem junge Männer gewesen, die bei den Bittgängen vor allem die drei weißen Gaben erhielten: Eier, Schmalz und Mehl.
Beeinflusst könnte die Tradition durch die Sinti und Roma sein, die mit ihren tanzenden Bären durch die Flecken zogen und Gaben erbaten. Noch heute führen in vielen Orten so genannte Treiber meist die Strohbären, Musikanten begleiten sie häufig dabei. Außerdem gehen diese Gruppen nicht (nur) in Umzügen mit, sondern ziehen durch den Ort und von Haus zu Haus, um Spenden einzusammeln.
Bis zu vier Meter hoch oder mit Gasmaske
Die Strohgestalten zogen früher – und ziehen zum Teil heute noch – nicht nur zur Fasnet durch die Straßen, sondern auch zu anderen besonderen Anlässen: zu Kirchweihen etwa oder zu Festtagen im liturgischen Kalender wie Martini, Nikolaus, Heiligabend, Ostern, Pfingsten, oder Mariä Geburt.
Einige Orte haben ihre je eigene Tradition wieder aufleben lassen. In Süddeutschland, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und vor allem Hessen gibt es sie wieder: „Das ist unglaublich, was die an Strohbären noch laufe hätt“, ist Baiker von den Hessen begeistert. Aber auch in Frankreich, England, Italien, und einigen osteuropäischen Ländern wie Polen und Tschechien gibt es ähnliche Traditionen, die auf Stroh zurückgreifen.
In der zweiten Hälfte seines zweistündigen Vortrags zeigte Baiker Fotos aus den verschiedensten Regionen. Seine Bilderschau entpuppte sich dabei als buntes bis absurdes Kaleidoskop der Strohgestalten: In der Nähe von Gießen etwa hat sich eine Gruppe versucht vor dem Binden zu drücken, indem sie mit Heißkleber experimentierten. In Altensteig-Walddorf sind die Stroh-Gestalten am Nikolaustag bis zu vier Meter hoch.
Im Gebiet Vogelsberg tragen die kratzigen Gesellen Hut und Hexenmaske, andernorts sind sie mit bunten Bändern geschmückt, haben bis zu 20 Meter lange Schwänze oder tragen gar eine Gasmaske. In einem Dorf bei Künzelsau enthalmen die Schüler der siebten Klasse (nach der die Jugendlichen früher von der Schule abgingen) das Roggenstroh, so dass der Strohbär im Sonnenlicht wie vergoldet glänzt, wie Baiker begeistert erzählt.
„Ich bin jeder Gemeinde dankbar, die die Tradition aufgreift – vor allem in der originalen Form und Technik des Bindens“, sprach Baiker den Hirschauern seine Anerkennung aus. Um die Äschadreppler jedes Jahr binden zu können, baut der Bärenmeister extra ein Feld mit Erbsen an, damit es auch sicher Erbsen-Stroh für die Bären gibt.
Zum Ende zeigt Baiker das Foto eines nachgebildeten Urzeitmenschen, der eine geflochtene Matte bei sich hat. Der Strohbären-Experte wollte damit zeigen, dass das Material etwas ist, das den Menschen seit Urzeiten begleitet: „Seit dem Ötzi ist der Mensch mit Stroh und Gras umgegangen.“