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Neue Grabungssensationen

Flöten werden immer älter

Das Grabungsteam um den Tübinger Urgeschichtler Nicholas Conard arbeitet weiter erfolgreich an der Verlängerung der Kulturgeschichte: Gestern stellte Conard neue Sensationsfunde vom Hohlen Fels und dem Vogelherd vor: eine Knochenflöte und Fragmente von drei Elfenbeinflöten.

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Ulla Steuernagel
Tübingen. Erst Mitte Mai hatte Conard die älteste bekannte Menschenfigur der Geschichte der Öffentlichkeit präsentiert: die üppige Venus vom Hohlen Fels. Gestern betrat der Archäologe wieder mit dem Kosmetikkoffer ähnlichen Behälter das Fürstenzimmer im Schloss Hohentübingen. Bis dahin waren die Flötenfunde mit keinem Ton an die Öffentlichkeit gedrungen, zu erfahren war nur, dass es eine neuerliche Sensation gebe.

Die Flöten- und Flötenfragmente waren zur gleichen Zeit wie die Venus gefunden worden, doch Sensationen werden in der Archäologie, so scheint es, gut dosiert. Ob bis zur Eröffnung der großen Eiszeit-Ausstellung im Stuttgarter Landesmuseum (18. September) noch weitere spektakuläre Enthüllungen zu erwarten sind? Conard hüllt sich bei solchen Spekulationen in tiefes Schweigen.

Die Pressekonferenz fiel diesmal etwas kleiner aus als beim Venus-Debüt. Uni-Rektor Bernd Engler freute sich eingangs über den „steten Takt“ der Conard‘schen Überraschungen und die „positiven Schlagzeilen für die Uni Tübingen“.

Nun also die aktuelle: Es gibt eine neue älteste Flöte der Welt und damit auch ein neues ältestes Musikinstrument. An sich handelt es sich um ein unscheinbares knapp 22 Zentimeter langes, dünnes Rohr mit einem Durchmesser von acht Millimetern, mit fünf Fingerlöchern und am Anblas-Ende zwei V-förmigen Kerben. Gefertigt wurde die Flöte aus dem Radius (Speiche) eines Gänsegeiers und gefunden in zwölf Teilen im Hohlen Fels im Achtal.

Ihr Fundort lässt auf ihr fortgeschrittenes Alter von mehr als 35 000 Jahren schließen. Die Flöte gehört also dem frühesten Aurignacien an. Abfälle von Steinbearbeitungen und von Tierknochen im unmittelbaren Umfeld helfen bei der Datierung.

Die angehende Archäotechnikerin Katharina Koll fand das Hauptstück der Flöte im vergangenen Jahr. „Das war ein totales Glücksgefühl“, erinnert sich die 19-jährige Auszubildende nach der Pressekonferenz. Sie habe zunächst die Rückseite des Knochens gesehen und erst später die Löcher. Als sie die Öffnungen entdeckte, ahnte sie schon die Sensation, legte das Stück schnell wieder zurück und rief die Grabungsleiterin Maria Malina herbei.

Es ist nicht die erste Flöte, die bei Tübinger Grabungen gefunden wurden. Insgesamt drei Flöten fand man 1995 und 2004 im Geißenklösterle, und am Vogelherd waren ebenfalls schon Fragmente aufgetaucht. Bislang hielten diese Belege für Musikinstrumente den Ältesten-Rekord. Mit den neueren Grabungen am Hohlen Fels haben sie aber rekordmäßig ausgespielt. Conard hält den neuen Fund und die Flöten-Fragmente aus Elfenbein für älter als 35 000 Jahre.

Vogelknochen, so erläuterte die Archäozoologin Susanne Münzel, eignen sich besonders gut zur Flötenherstellung, weil sie nämlich hohl sind. Bärenknochen wären also kein ideales Material und so habe sich auch die „Neandertaler Flöte“ als das zufällige Produkt eines Tierverbisses entpuppt. Geierflügelknochen seien viel besser zu bearbeiten, die Löcher mussten nicht gebohrt, nur geschabt werden. Die Umwandlung eines (Mammut)-Stoßzahns in eine Flöte ist komplizierter: Die Form wurde in zwei Längshälften zerlegt, ausgehöhlt und wieder zusammengesetzt, so berichtete Conard.

Als Conard die Schatullen mit den Elfenbeinstückchen öffnete, bildete sich zwar ein Kordon von Fotografen, doch die Journalisten riss es diesmal nicht wie bei der Venus von den Stühlen. Man wartete geduldig bis zum Ende der Pressekonferenz, um einen schnellen Blick auf die eiszeitlichen Sensationen zu werfen.

Mit Interesse lauschten die Journalisten dagegen den Versuchen, den Nachbauten der eiszeitlichen Flöten Töne zu entlocken. Man höre, so fand Conard, die beiden Flötenbauer Fritz Seeberger und Wulf Hein förmlich mit den Instrumenten kämpfen. Nicht nur, dass es äußerst schwierig ist, den Flöten Töne zu entlocken, es sei völlig unmöglich, sie länger als eine halbe Stunde zu spielen, erklärte Münzel, die selber Flöte spielt.

Die Eiszeitflöten sind reine Melodieinstrumente und belegen damit das Bedürfnis der Eiszeitmenschen nach Musik. Für Conard ist diese Sensation eigentlich gar nicht so sensationell: „Die Menschen vor 40 000 Jahren waren auch nicht viel anders als wir.“
25.06.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 18.09.2009 - 11:14 Uhr
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