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"Die Lust zur Selbstzerstörung"

Fassungslosigkeit unter Wahlmännern und -frauen aus dem Südwesten

Egal ob prominent oder nicht - Rat- bis Fassungslosigkeit herrschte unter den baden-württembergischen Delegierten der Bundesversammlung. Die meisten hatten nur mit einem Wahlgang gerechnet.

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DIETER KELLER

Der Ausgang des ersten Wahlgangs war ein Denkzettel für Angela Merkel, der des zweiten ein Putsch gegen die Kanzlerin. In dieser Einschätzung waren sich der Backnanger SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Lange und der Stuttgarter Wirtschaftsminister Ernst Pfister auffallend einig. Nur sprach der FDP-Mann vorsichtiger von einem "Strukturproblem" für Merkel.

Artikelbild: Fassungslosigkeit unter Wahlmännern und -frauen aus dem Südwesten Thomas Bach: Kein Druck auf die Delegierten. Foto: dpa

"Das sind nicht nur Warnschüsse. Da sind ein paar dabei, die zündeln", war der CDU-Abgeordnete Norbert Barthle aus Schwäbisch Gmünd fassungslos. "Das ist an Hinterhältigkeit nicht zu überbieten", ereiferte sich Michael Hennrich darüber, CDU-Abgeordneter aus Nürtingen, dass offenbar etliche Delegierte der Union ohne Vorankündigung ihrem Kandidaten Wulff die Simme versagten.

Artikelbild: Fassungslosigkeit unter Wahlmännern und -frauen aus dem Südwesten An drei Wahlgänge nicht geglaubt: Schauspieler Walter Sittler. Foto: dpa

Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sprach vorsichtiger von "manchen, die man nicht ausreichend mitgenommen hat". Aber alle waren ratlos über die Gründe. "Die Lust zur Selbstzerstörung", kommentierte die Ulmer SPD-Abgeordnete Hilde Mattheis trocken und erfreut.

Ob Länderdelegierte oder Bundestagsabgeordnete, alle hatten mit einer schnellen Entscheidung im ersten Wahlgang gerechnet. Erwin Staudt, Präsident des VfB Stuttgart und schon zum dritten Mal Wahlmann der SPD, hatte eigentlich für den Nachmittag den Flieger ins Trainingslager nach St. Moritz gebucht. Er hatte das auch gar nicht schlimm gefunden: "So ist Politik", auch wenn Joachim Gauck als Präsident "wunderbar passen" und den Harmoniebedarf der Bürger erfüllen würde. Wulff könne die Zeichen der Zeit noch richtig erkennen. Er blieb natürlich bis zum 3. Wahlgang.

Gab es Druck auf die Delegierten? Das bestreitet Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und Rechtsanwalt aus Tauberbischofsheim, nachdrücklich. Das FDP-Mitglied, erstmals Wahlmann der Liberalen, zeigte sich beeindruckt: In der Fraktionssitzung habe sich Parteichef Guido Westerwelle zwar nachdrücklich für Wulff ausgesprochen, aber überzeugend die Freiheit aller Delegierten herausgestrichen. Er kennt beide Kandidaten gut und traut beiden das Präsidentenamt zu.

"Unverschämt" nannte Hans-Peter Repnik, bis vor fünf Jahren CDU-Abgeordneter für den Wahlkreis Konstanz, den Vorwurf des Fraktionszwangs. "Jeder weiß um seine Verantwortung", meinte er, als es noch nach einer raschen Entscheidung aussah.

Schauspieler Walter Sittler, der für die baden-württembergische SPD in der Bundesversammlung saß, hatte auf drei Wahlgänge gehofft, allerdings einen für realistisch gehalten. Das erwies sich als zu optimistisch. Er plädierte eindeutig für Gauck als "unabhängigen Denker", der klare Vorstellungen von politischer Ethik habe.

Auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer fand es erstaunlich, dass die Entscheidung nicht im ersten Wahlgang fiel. Ohne Druck auf die Delegierten der Regierungsparteien hätte Gauck nach Einschätzung des Grünen deutlich mehr Stimmen bekommen. Rot-Grün habe ihn sehr wohl auch aus taktischen Gründen aufgestellt. "Das diskreditiert ihn nicht." Sein Ulmer Kollege Ivo Gönner von der SPD sieht Merkel beschädigt: "Da hat es viele Verletzungen gegeben."

01.07.2010 - 08:30 Uhr

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