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Passen Eltern und Kinder überhaupt zueinander?

Erziehungsexpertin beantwortet Fragen vor den dunklen Tagen

Gerade an Weihnachten, wenn die Läden geschlossen und auch die Erziehungsexperten ihre Ratgeberkioske zugemacht haben, fühlen sich viele Eltern mit ihren Kindern allein gelassen. Auf der Strecke zwischen Küche und Wohnzimmer kommt es immer wieder zu unschönen Begegnungen und Zusammenstößen. Das muss nicht sein – oder doch?

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Das Interview protokollierte Ulla Steuernagel
Frau Dr. Eva Saal-Fritz, Sie sind eine der wichtigsten Erziehungsexperten Deutschlands, Sie haben mit „Kinder brauchen Essen“ den Bestseller der Saison geschrieben, Sie sind als „Super-Granny“ zur Ratgeberin der Nation geworden. Beantworten Sie uns bitte eine Frage: Stimmt es, dass die heutigen Kinder extrem verzogen, undankbar, faul und nervig sind?

Ja, ja, ja und ja. Auf den ersten Blick sind sie es und auf den zweiten Blick sind sie es immer noch. Ich selber bin kinderlos – zum Glück muss ich sagen – , aber ich bin mir sicher, dass ich als Kind so gut wie keine Ähnlichkeit mit der heutigen Brut hatte. Ich war ein sehr angenehmes, munteres Kind, habe immer gut gelernt, Erwachsene respektiert und führte eine unbeschwerte Kindheit zwischen Kühen, Hühnern, Weihnachtsbäumen, Schafen, Knechten und Mägden. Und so ist aus mir ein wunderbarer, toleranter Mensch geworden – an dieser Stelle möchte ich mich bei meinen Eltern ausdrücklich dafür bedanken –, der ein großer Gewinn für die Menschheit ist und es aus eigener Kraft zu etwas gebracht hat. Nun, ich muss allerdings sagen, dieses Glück und diese Talente, wie ich sie habe, sind nicht jedem gegeben.

Was empfehlen Sie Eltern von weniger begüterten, ich meine, begünstigten Kindern? Wie können sie aus kleinen Biestern einigermaßen brauchbare Erwachsene machen?

Da gibt es nur einen Weg: konsequent sein und Grenzen ziehen.

In welcher Hinsicht?

In jeder. Und das jeden Tag aufs Neue. Auch wenn das nicht gerne gehört wird in dieser Gesellschaft, einer muss das mal sagen.

Haben Sie noch andere unbequeme Wahrheiten für uns? Zum Beispiel eine Antwort auf die Frage, ob Eltern und Kinder überhaupt zueinander passen?

Ja, das ist eine gute Frage, die mir immer wieder gestellt wird. Ich könnte es mir nun einfach machen und auf amerikanische Wissenschaftler verweisen, die Langzeit-Forschungen in Null-Kind-Familien machten und zu dem Ergebnis kamen, dass gerade diese Konstellation perfekt funktioniert. Aber die eigentliche Frage ist doch eine andere: Sollten sich Erwachsene nicht gleich in erwachsener Form fortpflanzen? Sollte der Nachwuchs nicht von Anfang an reif sein und ohne elterliche Kontrolle auskommen können?

Jetzt sind wir aber gespannt auf Ihre Meinung.

Nun ja, ich frage jetzt mal Sie: Wären Sie gerne eine Meeresschildkröte?

Entschuldigen Sie, aber ich verstehe Ihre Frage nicht.

Das müssen Sie auch nicht, meine Liebe. Die Antwort ist doch klar: Meeresschildkröten wachsen ganz ohne elterliche Fürsorge auf. Die Mütter verbuddeln die Eier im Sand, ungefähr 120 Stück auf einen Schlag und dann verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen im Ozean. Das ist doch ein beneidenswertes Modell, finden Sie nicht auch?

Das menschliche Modell erscheint mir besser.

Nicht in jeder Beziehung, diese Start-up-Unselbstständigkeit des Menschen, ein Begriff, den ich für die ersten 18 Jugendjahre geprägt habe, ist schon sehr lästig. Während sich die Meeresschildkröte von Ei an irgendwie alleine zurechtfinden muss, schafft das Menschenjunge das – schon von Gesetzes wegen – frühestens mit 18. Deshalb ist gar nicht die Frage, ob Eltern und Kinder zueinander passen. Sie müssen einfach – und damit basta. Und weil ich das oft gefragt werde, sage ich an dieser Stelle: Das gilt auch für die Weihnachtstage.

Und wo bleibt bei Ihren interessanten Ausführungen die elterliche Liebe, Anleitung und Fürsorge?

Man sollte nicht so viel Aufhebens drum machen und lieber auch hier wieder zur Meeresschildkröte schauen. Für die gibt es das Mondlicht, es weist ihr den Weg zum Wasser, für das Menschenkind sind die Eltern das Mondlicht, sie sagen ihm, wo’s lang geht – und Punkt.

Und wenn so ein Kind mal woanders hinguckt oder ausreißt, also nicht in die richtige Richtung läuft?

Dann sollte es eingefangen und bestraft werden. Als beste Strafe empfehle ich immer wieder aus meiner langjährigen therapeutischen TV-Praxis: Essensentzug und ab ins Bett! Denn so viel ist klar: „Kinder brauchen Essen“, wie ich schon in meinem Bestseller schrieb, das brauchen sie an allererster Stelle. Und Kinder brauchen Schlaf. Das eine wollen sie, das andere nicht. Also bekommen sie das, was sie nicht wollen und das, was sie wollen, nicht. Das ist doch immer noch die beste Art des Umgangs mit den kleinen Biestern.

Das klingt einfach und überzeugend. Warum also all die Debatten über Erziehung?

Weil in unserer Gesellschaft zum Glück immer noch das Urteil von Fachleuten gilt.
25.12.2012 - 08:30 Uhr

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