Virusabwehr startet holprig
Engpässe beim Impfstoff gegen Schweinegrippe
Die Schweinegrippe selbst spielt im Landkreis Tübingen noch keine große Rolle. Die Aufregung um den Impfstoff aber wächst – schon weil er kaum zu haben ist.
Uschi Hahn
Tübingen. Manche warnen vor einem viralen Tsunami. Aber davon kann im Fall der Schweinegrippe für den Kreis Tübingen bisher keine Rede sein. Nur als kleine Welle hat die neue Grippe den Kreis erreicht. Im Landratsamt wusste man gestern von 115 bestätigten Fällen der Influenza des Typs H1N1. Das sind etwa 30 Fälle mehr als vor zwei Wochen.
Die Amtsärzte haben noch niemand im Landratsamts-Mitarbeiter gegen geimpft. Und das, obwohl „wir die Impfung empfehlen“, wie der Behördensprecher Egon Betz sagt. Nur: Die Gesundheitsabteilung der Landkreisverwaltung hat noch nichts von dem bereits vor Wochen beim Landes-Sozialministerium bestellten Impfstoff erhalten. „Wir hoffen, dass er in den nächsten 14 Tagen kommt“, so Betz.
Bisher seien nach Baden-Württemberg nur 290 000 Dosen des Impfstoffes Pandemrix geliefert worden, weiß Betz. Zugesagt hatte der Hersteller Glaxo Smith Kline zum jetzigen Zeitpunkt, zweieinhalb Wochen nach Beginn der Impfkampagne, schon eine Million Portionen.
Das führt zu Engpässen. Michael Vogler, der in Tübingen die Neue Apotheke am Europaplatz betreibt, hat schon vor längerem 500 Impfeinheiten bestellt und wartet bis heute auf die Lieferung. Auf einem Impfportal der Landesapothekenkammer kann er online abfragen, welche Apotheke in der Umgebung Pandemrix auf Lager hat. Demnach war gestern Abend in ganz Tübingen kein Impfstoff zu haben. Erst in Burladingen oder Albstadt wäre Vogler fündig geworden.
„Es läuft alles sehr holperig“, weiß auch Michael Datz. Der Tübinger Allgemeinmediziner hat vorgestern die ersten zehn Patienten geimpft. „Es geht ihnen gut“, sagt der Präsident der Bezirksärztekammer Südwürttemberg. Nun erwartet er die nächste Lieferung: Impfstoff für 100 Patienten hat er dieses Mal geordert. Die Warteliste seiner Patienten kann er damit in der kommenden Woche abarbeiten. Ob es überhaupt nötig ist, sich impfen zu lassen? Datz weiß es nicht. Er hält das für „eine Entscheidung, die man wissenschaftlich nicht klären kann“.
Auch in der Südstadt-Praxis von Wolfgang Raiser soll nächste Woche der erste Impfstoff ankommen. 40 Patienten kann er damit immunisieren. Innerhalb von acht Tagen gab es in Raisers Praxis fünf bestätigte Fälle der Schweinegrippe. Raiser berichtet von „relativ harmlosen“ Verläufen. Zwar bekamen die Patienten, darunter auch Kinder, von einem Tag auf den anderen hohes Fieber und litten dazu unter Glieder- und Kopfschmerzen, meist auch unter Husten. Aber nach zwei, drei Tagen sei alles vorbei gewesen, so Raiser. So stellt sich für ihn immer noch die Frage, „ob man die Leute tatsächlich mit einer Impfung schützen muss“.
„Es macht schon Sinn, dass man sich impfen lässt“, sagt Prof. Klaus Hamprecht, Virologe am Tübinger Uni-Klinikum. Wobei es immer auch auf das individuelle Ansteckungsrisiko ankäme. Die Frage sei zum Beispiel, ob man häufig mit großen Menschenmengen zusammen komme. Derzeit schätzt Hamprecht die Situation jedenfalls „nicht als dramatisch ein“. „Im Augenblick gibt es in Tübingen praktisch kein Risiko, sich mit Schweinegrippe anzustecken, wenn man über die Straße geht“, sagt der Viren-Experte. „Ich würde das noch mit einer gewissen Gelassenheit sehen.“ Trotzdem: „Eine rechtzeitige Impfung kann die weitere Ausbreitung des Virus eindämmen.“
g „Der lange Weg bis zur Tat“
Eine Extra-Mixtur für jede Spritze
Gesundheitsämter Polizei, Rettungsdienste und Krankenhäuser den beziehen den Impfstoff direkt. Niedergelassene Ärzte müssen über die Apotheken gehen. Die bestellen das Vakzin bei einem Logistikunternehmen in Bruchsal in Gebinden von 500 Portionen. Die kleinste Einheit, die von Apotheken an Arztpraxen abgegeben wird, sind zwei Glasfläschchen, die zehn Impfdosen enthalten. In einer Flasche ist das Antigen, in der anderen der umstrittene Wirkverstärker, das Adjuvans. Geimpft wird mit einer Mixtur, die für jede Injektion zusammenfügt werden muss. Sind die Fläschchen erst einmal geöffnet, müssen sie innerhalb von 24 Stunden aufgebraucht sein.