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Der Kommentar

Endlich grünes Licht im Sackbahnhof

Schmissige Musik auf dem Bahnsteig, freudig-erregte Promis im Zug: Die Feier zum Empfang des ersten Intercity im Tübinger Hauptbahnhof könnte darüber hinweg täuschen, dass die Deutsche Bahn mit diesem Winterfahrplan eigentlich nichts anderes macht, als ein Granaten-Manko auszubügeln: Die Region Tübingen-Reutlingen – ein Oberzentrum mit rund 350.000 Einwohnern im Zehn-Kilometer-Radius rings um Wannweil – wurde bisher von keinem einzigen Fernverkehrszug bedient. Das hat die Bahn viele Jahre achselzuckend in Kauf genommen.

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Mit dem regionalen Pendlerzug mussten die Leute aus der Universitätsstadt Tübingen oder aus der ehedem freien Reichsstadt Reutlingen nach Stuttgart zuckeln, wenn sie per Bahn in die Welt wollten. Und wenn ihr Zügle dann im Stuttgarter Hauptbahnhof einlief, kam ihnen oft genug ihr Fernverkehrszug schon entgegen. Mindestens genauso oft saßen sie abends bei der Rückkehr in Stuttgart fest, weil’s auch da wieder hieß: Anschluss verpasst!

Artikelbild: Endlich grünes Licht im Sackbahnhof

Dieses ewige Ärgernis hat der jüngste Schlamassel mit den ausgebremsten Interregio-Zügen, bei denen die Neigetechnik „aus Sicherheitsgründen“ abgeschaltet wurde, noch mal so richtig ins allgemeine Fahrgast-Bewusstsein gehoben. Die Bahn hat in Reutlingen und Tübingen also ziemlich viel gutzumachen, wenn sie sich nun mit einem (!) Intercity-Paar am Tag auf eine zwei Jahre währende „Testphase“ macht.

Die Bahnstrecke zwischen Stuttgart und Tübingen ist eine der fahrgaststärksten im Land – und für die Bahn eine der lukrativsten. Diese Strecke darf nicht länger vom Fernverkehr abgehängt bleiben. Für die Oberzentrums-Partner Reutlingen und Tübingen ist das mehr als eine Image-Frage. Es geht nicht nur darum, dass ihre Namen auch mal auf der Fernverkehrs-Karte auftauchen. Es geht hier um „Tübingen 21“: Der Stuttgarter Sackbahnhof braucht für Tübinger Fahrgäste einen „Durchschlupf“.

Reutlingen und Tübingen müssen jetzt (flankiert von der Outlet-City Metzingen) mit vereinter Kraft durchsetzen, dass die Region auch einen ICE-Anschluss bekommt. Die Reutlinger OB Barbara Bosch forderte das gestern völlig zu Recht.

Bisher steckten Reutlingen und Tübingen bahnmäßig in der dritten Liga fest. Mit dem Intercity beginnt der Aufstieg in die zweite. Wir wollen daher auch gar nicht daran herumnörgeln, dass der Fernzug wie eine Regionalbahn in Metzingen und Nürtingen hält. Die Stärke des neuen Intercity Tübingen-Düsseldorf ist, dass man als Fahrgast nun zuverlässig und umsteigefrei über den Stuttgarter Hauptbahnhof hinaus kommt und hinter Stuttgart flott ins ICE-Netz vorstoßen kann.

Ob man aber die schöne (jedoch arg zeitaufwändige) Intercity-Strecke durchs Rheintal entlang der Loreley nehmen will oder ob man jenseits von Mannheim besser auf schnellere ICE-Verbindungen umsteigt in die Metropolen – das ist ein ganz anderes Thema.

Martin Mayer

14.12.2009 - 07:00 Uhr | geändert: 14.12.2009 - 07:08 Uhr

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