Einige Hebammen bieten ab Juli keine Geburtshilfe mehr zuhause an
Hausgeburten könnten bald der Vergangenheit angehören. Weil am 1. Juli die Beiträge für die Berufshaftpflicht der Hebammen stark angehoben werden, überlegen sich manche der freiberuflichen Geburtshelferinnen, diese Leistung nicht mehr anzubieten.
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Sabine Lohr
Die Entringer Hebamme Gesche Hansing (links) half auch Katrin Hehn, ihr Söhnchen Arik bei sich zuhause auf die Welt zu bringen. Künftig könnten weniger Hebammen Hausgeburten anbieten. Bild: Sommer
Kreis Tübingen. Wanda kam vor fünf Wochen zuhause in Reutlingen auf dem Sofa zur Welt. Ihre Eltern hatten sich beim zweiten Kind für eine Hausgeburt entschieden, „weil das ruhiger ist als in der Klinik“, wie Wandas Mutter Julia Schrade sagt. Anders als im Krankenhaus, wo eine Gebärende es auch mal mit wechselnden Hebammen zu tun hat, die ihr zudem nicht vertraut sind, hatte Julia Schrade ihre Hebamme bei sich, von Anfang an. „Ich hatte das Gefühl, alle Zeit dieser Welt zu haben, da war kein Gerenne und niemand, der Druck macht.“
Silke Weyreter
Rund zwei Prozent der Frauen in der Bundesrepublik entscheiden sich für eine Hausgeburt, in Baden-Württemberg sind es neun Prozent. Bald, so fürchtet der Hebammenverband, könnten es wesentlich weniger sein. Weil zum 1. Juli die Beiträge für die Berufshaftpflichtversicherung der Hebammen um mehr als 55 Prozent auf knapp 3700 Euro steigen, überlegt sich die eine oder andere freiberufliche Geburtshelferin, keine Hausgeburten mehr zu machen. Brunhild Schmid etwa. Sie ist Vorsitzende des Kreisverbands der Hebammen und hat eine Hebammenpraxis in Tübingen. Etwa zehn Mal im Jahr hilft sie Gebärenden, ihr Baby zuhause auf die Welt zu bringen. „Mit Herzblut“, wie sie sagt. Verzichten auf Hausgeburten will sie eigentlich nicht, „das würde mir schon sehr schwer fallen“. Deshalb hofft Brunhild Schmid nun auf eine „politische Lösung“.
Sieben Hausgeburten für die Versicherung
Für eine Hausgeburt bekommt eine Hebamme pauschal 537 Euro – unabhängig davon, ob sie zwei oder zwölf Stunden bei der Mutter ist. Um den neuen Beitragssatz bezahlen zu können, muss sie also sieben Hausgeburten machen.
Brunhild Schmid
„Die Leistung, die wir bringen, muss sich lohnen“, fordert deshalb Gesche Hansing vom Geburtshaus in Entringen. Sie ist richtig sauer über die deftige Erhöhung der Versicherungsbeiträge. Schließlich müsse sich eine Hebamme ja versichern, denn Geburten seien stets risikoreich. „Da kann immer was passieren, ob das nun Blutungen sind oder ob das Kind behindert ist – das liegt in der Natur der Sache“, sagt sie. Weshalb sie sich auch nicht wundert, dass viele Klinikärzte „lieber den sichereren Weg“ wählen: In den vergangenen 30 Jahren ist der Anteil der Kaiserschnitte von vier auf 50 Prozent gestiegen.
Läuft bei einer Geburt etwas schief, zahlt zunächst die Krankenkasse. Die wiederum klagt das Geld bei der Versicherung ein – „und das immer häufiger“, wie die Mössinger Hebamme Silke Weyreter vom Hebammenverband sagt. „Unglaubliche“ Regressforderungen seien das, wenn etwa der durch eine Behinderung entgangene Lebensverdienst eingefordert werde. Sie will deshalb, dass die Regressansprüche gedeckelt werden – was die Beiträge senken würde. Hansing hingegen setzt bei der Politik an: „Als Hebamme bin ich bereit, das Risiko der Geburtshilfe einzugehen – und werde dafür bestraft.“
Mitbestraft würden damit alle Frauen, die ihr Kind zuhause auf die Welt bringen wollen und das nicht mehr können, weil kaum noch eine Hebamme dazu bereit ist. „Da geht es um die Selbstbestimmung der Frauen“, sagt Hansing und fragt rhetorisch: „Wollen wir, dass keine Frau mehr entscheiden darf, wo sie ihr Kind zur Welt bringt?“
Um den hohen Beitragssatz auszugleichen, forderte der Hebammenverband von den Krankenkassen eine höhere Vergütung für ihre Leistungen. Die Verhandlungen mit den Kassen darüber sind aber am 29. März gescheitert. Dass Eltern zusätzlich Geld für eine Hausgeburt zahlen, kommt für die Hebammen „nicht in Frage“, so Schmid.
Deshalb wollen die Hebammen am morgigen Mittwoch, dem internationalen Hebammentag, mit einer Demonstration in Stuttgart Druck auf die Politik ausüben.
Demonstration und Petition
Der Hebammenprotest beginnt morgen, 5. Mai, um 10.30 Uhr auf dem Marktplatz in Stuttgart. Gefordert werden dort die Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe und Hebammenhilfe von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit, das Recht jeder Frau auf die ungeteilte Aufmerksamkeit während der Geburt und eine Anhebung der Gebühren und Gehälter. Der Deutsche Hebammenverband hat für seine Forderungen eine Petition vorbereitet, die von morgen an im Internet (unter www.hebammenverband.de) unterzeichnet werden kann. Damit sich der Petitionsausschuss des Bundestags damit beschäftigt, werden innerhalb von drei Wochen 50 000 Unterschriften benötigt.