Mischnutzung mit Wohnungen als Investoren-Anreiz
Ein Konzept fürs Foyer an der Blauen Brücke
Für Tübingens hässlichste Bauruine, das Foyer an der Friedrichstraße, zeichnet sich eine Lösung ab. Danach könnte noch in diesem Jahr ein neues Nutzungskonzept auf den Weg gebracht werden.
Wilhelm Triebold
Tübingen. Seit über elf Jahren rottet und rostet er vor sich hin, der trostlose Torso an der Blauen Brücke. Ein Kulturhaus mit Hightech-Konzertsaal sollte hier entstehen, doch Bauherr Wei Tsin Fu verlupfte sich schnell. Danach wanderte das eingestellte Projekt mitsamt beträchtlichen Schulden durch drei erfolglose Zwangsversteigerungen, in denen niemand die auf 2,7 Millionen Euro veranschlagte Konkursmasse haben wollte. Auch die derzeitige Gläubigerbank, die das Foyer mit einem großen Packen fauler Kredite übernommen hatte, rührte sich lange Zeit wenig.
So könnte die Bebauung an der Blauen Brücke aussehen: In der Mitte das Geschäftshaus, dessen „Brückenkopf“ etwa vier Meter höher ausfallen dürfte als dies früher geplant war. Dafür fallen die Wohnhäuser entlang der Steinlach, „in aufgelockerter Baustruktur“, niedriger aus. Rechts oben der Blaue Turm, die weiße Fläche unten ist das Metropol-Parkhaus.
Sehr zum Verdruss auch von Boris Palmer. Der Tübinger Oberbürgermeister mühte sich über zweieinhalb Jahre, mit der – zu Goldman Sachs gehörenden – Archon Group in greifbare Verhandlungen über das Areal in zentraler Lage zu treten. Mal wechselte der Archon-Sachbearbeiter, mal schien der Investment-Multi angesichts der Finanzkrise dringlichere Sorgen zu haben als eine kleine Immobilie im deutschen Südwesten.
Jedenfalls stockte der Kontakt, bis mithilfe des Reutlinger Industrie- und Handelskammer-Präsidenten Eberhard Reiff die Gespräche auf höherer Ebene weiterliefen, wie Palmer verrät. Ergebnis: Nun könnten im Idealfall sogar noch in diesem Halbjahr Investor und Nutzungskonzept feststehen.
Dazu muss der Gemeinderat den vorhandenen Bebauungsplan abändern. Der sah zuerst noch eine überwiegend kulturelle Ausrichtung auf dem ehemaligen Franzosen-Areal vor. Als ein Projektentwickler vor fünf Jahren dagegen klagte, hob das Sigmaringer Verwaltungsgericht zwar diesen einschränkenden „Gemeinbedarf“ auf, schrieb aber ein gewisses Bauvolumen auf dem Zwickel zwischen Steinlach und Bahngleis fest.
Auf dieser Basis soll nun geplant werden. Damit die Gläubigerbank und der Insolvenzverwalter sich dann mit möglichen Investoren einigen können, möchte die Stadt einige Eckpunkte festgelegt sehen. „Wir wollen eine Mischnutzung“, stellt Palmer klar. Und, auf der Grundlage des Gerichtsurteils: „Wir müssen ja auch nicht einfach einen Klotz schlucken.“
11 000 Quadratmeter auf mehreren Etagen
Das Rahmenkonzept, das ein von Archon beauftragtes auswärtiges Architekturbüro in Abstimmung mit der Stadtverwaltung entwickelt hat, schlägt folgendes vor: Städtebaulich verträglich bleibt ein Flächenbedarf von rund 11 000 Quadratmetern auf mehreren Etagen. Das entspricht in etwa den Ausmaßen und Absichten, die Wei Tsin Fu einst mit seinem Kulturhaus verfolgte. Mindestens ein Viertel dieser Fläche soll fürs Wohnen reserviert werden, das in Blöcken entlang der verlängerten Steinlachmündung (als „ein Pendant zur vorhandenen Bebauung in der Poststraße“) vorgesehen ist. Während hier die Gebäudehöhe niedriger ausfällt, soll zur Blauen Brücke hin mit einem markanten „Brückenkopf“ ein „Eingangstor zur Innenstadt“ ausgewiesen werden – so schwebt es den Planern vor.
Während im Erdgeschoss an der Friedrichstraße der Einzelhandel unterkommen könnte, entspricht der gesamte angestrebte Mix aus Wohnen, Geschäfts- und Büronutzung, Verwaltungen, Hotel und Gaststätten der Struktur eines Mischgebiets. Nichtkulturelle „Vergnügungsstätten“ sollen mit dem neuen Bebauungsplan ebenso außen vor bleiben wie riesige Handelsflächen, die man in unmittelbarer Nähe zum Europaplatz und Zinser-Eck nicht dulden mag. Mit dem „Rahmenplan, den der Gemeinderat demnächst beschließen könnte, will die Stadt Bedingungen setzen, ohne unabänderliche Fakten zu schaffen.
Das endgültige städtebauliche Konzept gelte es dann erst in einem Wettbewerb zu entwickeln. Und der „vorhabenbezogene Bebauungsplan“ stünde erst an, wenn ein Investor (oder mehrere) ein Nutzungskonzept vorlegt.
Eine Handvoll Interessenten
Wer nun als Investor und Projektentwickler an der Blauen Brücke einsteigen könnte, darüber hüllt man sich bei Archon noch in Schweigen. Eine Handvoll Anfragen gebe es bereits, heißt es. Ihnen – oder auch weiteren interessierten Entwicklern – möchte man mit den Vorfestlegungen, die am 8. Februar im Planungs- und Verkehrsausschuss beraten werden, eine gewisse Planungssicherheit an die Hand geben, damit nicht jedes Konzept neu verhandelt werden muss.
Gegen Wei Tsin Fu alias Jonathan Goenawan (so sein indonesischer Name) ist wie berichtet das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Für Schuldner Wei Tsin Fu geht es darum, von einem Teil seiner hohen Verbindlichkeiten befreit zu werden. Die zeitweilig durch den Raum geisternde Ankündigung, Klavierpädagoge Wei würde womöglich einen weiteren Versuch wagen, das Projekt selbst zu stemmen, dürfte sich nun erledigt haben. „Wir wollten Herrn Wei eine Chance geben“, betont Boris Palmer. „Er hat sie gehabt.“
Wei Tsin Fu, der vor 21 Jahren die private Klavierschule im Hesse-Haus gründete und dann zur „International Brain Academy“ (mit 26 Schulen weltweit) ausbaute, hat nun übrigens die Leitung der Tübinger Akademie abgegeben. An seinen langjährigen Mitarbeiter Jong Ren Yong.
Kommentar zu den Foyer-Plänen in der Samstagausgabe des TAGBLATTs.