Der Säugling Dominic verdankt einer Rettungsaktion durch engagierte Ärzte sein Leben: Die Mediziner brachten ihn bei Nacht und Schneesturm auf die Kinder-Intensivstation der Tübinger Universitätsklinik.
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katharina mayer
Tübingen. Dominic kam am sechsten Januar in einem Krankenhaus in Freudenstadt zur Welt. Eine komplizierte Geburt, erzählt Mutter Sylvia Naumann: Das Kind lag falsch. „Aber aufgrund dessen war Gott sei Dank der Kinderarzt schon im Kreissaal dabei.“
Als der nun drei Wochen alte Dominic Naumann zur Welt kam, atmete er nicht. Dass er heute dennoch lebt, ist für seine Eltern Sylvia und Thomas ein Wunder. Möglich machten das der behandelnde Arzt Matthias Kumpf (links) und das Team der Kinder-Intensivstation der Tübinger Universitätsklinik. Bild: Sommer
Denn Dominic atmete nicht. „Er hat es versucht, aber er konnte nicht“, sagt die 32-Jährige. Das Neugeborene hatte eine angeborene Lücke im Zwerchfell, die während der Schwangerschaft nicht diagnostiziert worden war. Eine seltene und lebensbedrohliche Erkrankung, wie Matthias Kumpf, Oberarzt an der Kinder-Intensivstation der Tübinger Uniklinik sagt: „Bei einer Hausgeburt wäre er sicher gestorben.“
Durch die Zwerchfell-Lücke nämlich verlagern sich die Organe im Körper des Säuglings. „Das Gedärm und andere Organe sind dann im Brustkorb, das Herz nach rechts verlagert. Wenn das Kind atmet, zieht es die Gedärme noch mehr rein.“ Dann wird die Luft noch knapper, das Kind erstickt.
Ohne Intensivtrage war Transport hoch riskant
„Ich habe gleich gesehen, dass es um das nackte Überleben geht“, sagt Vater Thomas Naumann. „Das war gar keine Frage.“
Die Ärzte in Freudenstadt riefen auf der Kinder-Intensivstation an, das Kind musste nach Tübingen gebracht werden. Die Zeit war knapp, die Beatmungssituation schwierig. Mit kreislaufstabilisierenden Instrumenten und Beatmung war das Kind zwar transportfähig, ein optimales Transportmittel dagegen gab es nicht.
„Wenn wir die Kinder-Intensivtrage gehabt hätten, dann hätten wir Dominic abholen, an die Herz-Lungen-Maschine anschließen und unter stabilen Verhältnissen zurücktransportieren können“, sagt Kumpf. „So mussten wir uns etwas anderes einfallen lassen.“
In einem Rettungswagen mit Oberärztin, Intensivschwester und Rettungsassistenten an Bord, fuhren die Freudenstädter Mediziner Richtung Tübingen, Dominic wurde in einem Transportinkubator untergebracht. Matthias Kumpf wiederum packte auf der Tübinger Kinder-Intensivstation zusammen, was dort an hilfreichem Equipment zur Verfügung stand. „Dann habe ich die Polizei angerufen und darum gebeten, dass wir dem Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn entgegen fahren.“ So etwas „haben wir schon öfter praktiziert in solchen Fällen“, sagt Kumpf: „Rendez-vous-System nennt sich das“.
Im Polizeiauto dem Patienten entgegen
In jener Nacht, erinnert sich Kumpf, habe es schwer geschneit, die Straßen waren eisig. „Das war wie bei einer Rallye“, sagt der Arzt. Und lobt den Einsatz der Polizisten, die ihn unbürokratisch „wider die Vorschrift“ aus dem Bereich Tübingen heraus in den Freudenstädter Landkreis brachten. Bei Schopfloch stieg Kumpf in den Rettungswagen, dann ging es an die Kinder-Intensivstation, wo das Kind an das Beatmungsgerät angeschlossen und ins künstliche Koma gelegt wurde.
Sylvia Naumann wurde derweil in einem anderen Rettungswagen in die Tübinger Frauenklinik verlegt, sie sah ihren Sohn erst am Mittag wieder. „Weltuntergangsstimmung“ habe bei ihr nach der seltenen Diagnose geherrscht, sagt die Mutter. „Das kann ich gar nicht beschreiben, was da in einem vorgeht, die Angst, ob mein Kind überlebt, ob ich es lebend sehe.“
Nach fünf Tagen hatte sich Dominic soweit stabilisiert, dass er in der Tübinger Kinderchirurgie erfolgreich operiert werden konnte. Die Organe wurden mit einer neuen schonenden Operationsmethode, der „Schlüssellochtechnik“ an den richtigen Platz gerückt. Drei Wochen lag er noch auf der Intensivstation, am Donnerstag konnte er auf eine Normalstation der Kinderklinik verlegt werden. „Alles in allem hat Dominic schon einen Schutzengel gehabt“, sagt Oberarzt Matthias Kumpf. „Er hatte von Anfang an kompetente Hilfe.“
Neurologische Schäden wird der Säugling von der Erkrankung wohl nicht zurückbehalten. „Ich gehe davon aus, dass er ein normales Leben führen kann“, so der Arzt.
Im Gegensatz zu Eltern, die schon vor der Geburt auf eine vergleichbare Diagnose vorbereitet werden, wurden die Naumanns von der Erkrankung ihres Sohnes überrascht.
In drei Wochen nur zwei Mal zu Hause
„Mein erster Gedanke ist morgens, was der Tag bringt“, erzählt Sylvia Naumann. Ein ewiges Bangen und Hoffen: „Dominic macht nur einmal piep, und schon ist die Angst wieder da.“ Dass diese Ängste verschwinden, sagt die Mutter, das brauche wohl seine Zeit. „Bisher war es immer das Prinzip guter Tag, schlechter Tag – auch für mich.“ Ganze zwei Mal waren die Eltern in den vergangenen Wochen zu Hause, nach der Post schauen, Notwendiges erledigen.
Sie sind in dem im vergangenen Jahr eröffneten Ronald-Mc-Donald-Haus untergebracht. Was für die Eltern bisher nur ein Wunschtraum war, könnte bald Realität werden: In etwa zwei Wochen, sagt Matthias Kumpf, kann die junge Familie nach Hause. „Das Kinderzimmer ist schön gerichtet, das Kinderbett, die Wiege, alles steht bereit.“ Und trotzdem würde sie im Zweifelsfall „lieber einen Tag länger“ im Krankenhaus bleiben als einen zu wenig.
Engagierte Ärzte und eine unkonventionelle Transportsituation haben Dominic das Leben gerettet. Mit der Kinder-Intensivtrage allerdings wäre das einfacher gewesen, sagt Kumpf: „So mussten wir alles auf eine Karte setzen.“ Wenn es unterwegs Komplikationen gegeben, Dominics Kreislauf etwa nachgegeben hätte, dann „wäre das nicht unbedingt beherrschbar gewesen“. Mit der Kinder-Intensivtrage dagegen, die sämtliche lebenserhaltenden Maschinen beherbergt, „hätten wir alle Optionen gehabt.“
Bis Dienstag kann noch gespendet werden
Die TAGBLATT-Weihnachtsspenden-Aktion neigt sich allmählich dem Ende zu. Bisher haben die Leserinnen und Leser 62 087 Euro auf die beiden Spendenkonten überwiesen. Ein stolzer Betrag – doch auch jeder weitere Euro hilft, die beiden Projekte zu unterstützen. Dieses Jahr sammelt das TAGBLATT für zwei unterschiedliche Transportmittel: Projekt 1 unterstützt den Kauf einer Kinder-Intensivtrage für die Universitäts-Kinderklinik – ein Gerät, das Kinderleben retten kann. Projekt 2 ermöglicht einer Pfrondorfer Tagesgruppe für autistische junge Menschen den Kauf eines Kleinbusses. Wenn Sie ein bestimmtes Projekt unterstützen oder anonym bleiben wollen, vermerken Sie dies auf dem Überweisungsträger.