Die vier Baubürgermeister-Kandidat(inn)en präsentierten sich im „Museum“
Wer soll neuer Baubürgermeister in Tübingen werden? Rund 250 interessierten sich am Mittwoch für diese Frage und kamen ins „Museum“, wo die vier Kandidat(inn)en über Altstadt-Schutz, Wohnungsbau und ihre Vision von Tübingen in 20 Jahren sprachen.
Tübingen. Mit einem „herzlichen Glückwunsch an Tübingen, dass Sie die Stelle überhaupt wieder besetzen“ stieg Albert Dischinger in die Debatte ein. In Zeiten der Wirtschaftskrise, die die kommunalen Finanzen derzeit besonders beutelt, sei das keine Selbstverständlichkeit, sagte der Architekt, der seit zwei Jahren Stadtbaumeister im fränkischen Eichstätt ist. Was Dischinger in Tübingen anders machen würde? „Man kann in der Altstadt ruhig ein bisschen auf den Putz klopfen und hier auch moderne Strukturen entwickeln“, schlug er vor. Tübingen solle sich mehr trauen, „das Bunte aus manchen Quartieren in die Innenstadt bringen“ – dafür gab’s Applaus aus dem Publikum.
Der Tübinger Architekt Wolfgang Oed hakte nach: „Soll die gesamte Altstadt unter Schutz gestellt werden?“ Dischinger erachtete einen Ensembleschutz zum Erhalt der historischen Bausubstanz nicht für notwendig („die Einstufung als Sanierungsgebiet reicht“). Ähnlich sahen das seine Mitbewerberinnen Mechthild Neumann von der Ingenieursgesellschaft Salzgitter/Kassel sowie Zeljana Holowitz, Architektin im Dienste des Daimler-Konzerns, die etliche politische Beobachter in Aussehen, Redeweise und manchen Inhalten an die vormalige Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer erinnerte. Holowitz warnte davor, der Altstadt „eine Käseglocke“ überzustülpen: „Die Zukunft liegt nicht in den einzelnen Fassaden, sondern in dem, was dahinter passiert“ – vor allem Wohnen und Gewerbe.
Sommer
Einzig Cord Soehlke, als langjähriger Tübinger Stadtsanierer mit den baulichen und politischen Verhältnissen in der Universitätsstadt bestens vertraut, äußerte Sympathie für den jüngsten Vorstoß der SPD-Ratsfraktion, die Altstadt per Satzung als Gesamtanlage unter Schutz zu stellen. „Wenn wir es schaffen, ein wenig bürokratisches System zu entwickeln, tendiere ich derzeit eher zum Ensembleschutz“ – ein Signal von Soehlke, dass er die verbreitete Sorge um zu hohe bürokratische Hürden und lange Genehmigungsverfahren für sanierungswillige Bürger ernst nimmt. Allerdings habe er sich noch keine abschließende Meinung zu diesem Thema gebildet.
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Eine andere Ecke, über die in Tübingen immer wieder diskutiert wird, ist der Europaplatz. „Der Stadteingang sollte Besucher nicht dazu veranlassen, gleich wieder umkehren zu wollen“, sagte Neumann, die mit dem Zug angereist war, zum wenig einladenden Entree am Hauptbahnhof. Auch habe sie „nicht einen einzigen Wegweiser in die Stadt gefunden“.
Mit Investoren auf Augenhöhe reden
Wie sie’s mit privaten Investoren halten und welche Visionen die Kandidaten für Tübingen in 20 Jahren haben, wollte Moderator und Vizepräsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, Eckart Rosenberger, wissen. Dazu fiel Neumann gleich die bei Investoren beliebte Formel „Länge mal Breite mal Profit“ ein. Allerdings: „Man kann mit ihnen reden.“ Soehlke gab sich selbstbewusster: „Wir reden auf Augenhöhe mit Investoren.“ Zum Beispiel beim Güterbahnhof-Areal, wo künftig Wohnungen und Gewerbe entstehen sollen. Allerdings nicht in einem „Investorenquartier von der Stange“, sondern in der für neuere Tübinger Viertel typischen Mischnutzung, mit Kleinteiligkeit statt Klötzen und „einer ganzen Bandbreite von Architektur“ – was auch wirtschaftlich interessant sein könne. „Wenn wir als Stadt wissen, wo wir hinwollen, können wir jeden Investor überzeugen“, sagte Holowitz, und mahnte zugleich an, den Mietwohnungsbau in Tübingen nicht zu vernachlässigen.
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Zu Tübingens Zukunft fiel Soehlke ein: „Wir werden in 20 Jahren mit Sicherheit mehr als 85 000 Einwohner haben.“ Schon wegen der zahlreichen Qualitäten der Stadt. Dann sei auch ein Großteil der Siedlungsprojekte geschafft – innerorts vor allem, relevante Bautätigkeit auf der grünen Wiese gebe es längst nicht mehr.
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Nun ist der Tübinger Gemeinderat am Zug. Auf seiner Sitzung am kommenden Montag, 1. März, werden die 40 Stadträte eine/n der vier Bewerber/innen wählen. Beginn im Rathaus ist um 16.30 Uhr.