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Verantwortliche uneins über Krankheitsvertretungen

Die neue Grippe hat Folgen

Schulen dürfen keine neuen Verträge mehr mit Vertretungslehrern abschließen. Die Mittel dafür sind landesweit ausgeschöpft. Diese Nachricht alarmierte Schulleitungen in und um Tübingen.

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Ute Kaiser
Artikelbild: Die neue Grippe hat Folgen „Ohne Lehrer keine Zukunft“: Mit diesem Slogan drückten rund 80 Eltern vor genau zwei Jahren bei ihrer Lichtermahnwache auf dem Tübinger Marktplatz ihren Ärger über den Unterrichtsausfall aus. Ob sie das Transparent wieder entrollen müssen, ist unklar. Von den Schulbehörden gab es widersprüchliche Aussagen. Archivbild: Faden

Tübingen. Gabriele von Kutzschenbach hat eine Mail vom Staatlichen Schulamt Tübingen bekommen. Daraufhin hat die geschäftsführende Schulleiterin der Tübinger Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschulen die Lehrerinnen an der Grundschule am Hechinger Eck „spaßeshalber gebeten, mit einer Schwangerschaft zu warten“. Damit hat sie „Heiterkeit ausgelöst“. Denn die meisten Kolleginnen haben bereits ältere Kinder.

Die spaßige Bitte hat eine ernste Ursache. „Die Mittel für Krankheitsvertretungen sind ausgeschöpft“, sagte Stefan Meißner, der Sprecher des Tübinger Regierungspräsidiums (RP) gestern auf TAGBLATT-Anfrage. „Das Maß an Krankschreibungen wegen der Schweinegrippe“ habe für die besondere Situation gesorgt. Schon jetzt sei so viel ausgegeben worden wie im gesamten vergangenen Schuljahr. Wie berichtet, waren schwangere Lehrerinnen wegen der Ansteckungsgefahr aus Fürsorge nach Hause geschickt worden. Als Vertretung sprangen beispielsweise pensionierte Lehrer ein.

Da es nach den Informationen des Regierungspräsidiums kein Geld mehr für Vertretungslehrer gibt, sollte es fortan auch keine neuen Verträge mehr für Krankheits-, Mutterschutz- und Elternzeit-Vertretungen geben. Auch mündliche Zusagen sollten nicht mehr gelten. Die Kontrakte, die abgeschlossen sind, seien aber „abgedeckt“, so die Auskunft aus dem RP.

Wie sollen Schulen den Unterricht gewährleisten, wenn es keine Krankenvertretung mehr gibt? Auf diese Frage hatte Meißner drei Antworten. Sie sollten – erstens – auf die feste Krankheitsreserve zurückgreifen. Im Bereich des staatlichen Schulamts Tübingen, das für gut 130 Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschulen in den Kreisen Tübingen und Reutlingen zuständig ist, gibt es dafür nach Auskunft des RP 40 Deputate für den Grund- und Hauptschul- und elf Deputate für den Realschulbereich als Puffer.

Die zweite Variante: Nach der Devise „erstmal muss der Pflichtunterricht gewährleistet werden“ (Meißner) müssen Schulen im Fall des Falles auf den sogenannten Ergänzungsbereich – also etwa Arbeitsgemeinschaften – verzichten. Als drittes können Lehrer/innen, die bereit dazu sind, mehr Stunden unterrichten, als ihr Deputat vorsieht.

Jede ausgefallene Stunde ist ein Verlust

Das allerdings hätte Folgen, die Hans-Jürgen Dobler, der geschäftsführende Schulleiter der Tübinger Gymnasien, mit dem Stichwort „Bugwelle“ umschreibt. Das heißt, die Schulen müssten diese Mehrarbeit im kommenden Schuljahr ausgleichen. Eine Reserve wie an Grund-, Haupt- und Realschulen gibt es für die Gymnasien nicht. Dobler hat in seinen Jahren als Chef des Carlo-Schmid-Gymnasiums „schon alle Varianten durchgespielt“. Auch die, „den Mangel gleichmäßiger zu verteilen“. Indem beispielsweise in einer Klasse eine Sportstunde abgeknapst wurde, damit eine andere Klasse überhaupt unterrichtet werden kann. „Jede Stunde, die ausfällt, ist ein Verlust“, sagt Dobler.

So sehen es auch die Elternvertreterinnen. „Was machen wir, wenn noch eine Grippewelle kommt? Die Schule zu?“ Das fragt sich Diana Holzer, die Elternbeiratsvorsitzende der Geschwister-Scholl-Schule. Dort fehlten wegen der neuen Grippe von einem Tag auf den anderen fünf schwangere Lehrerinnen, alle am Gymnasium. Die Schulleitung hatte große Mühe, schnell Vertretungen zu finden. Kollegen und Eltern halfen bei der Suche. Schwierig wird es aber auch, wenn Lehrer/innen nach einer schweren Operation oder einer Krebstherapie lang brauchen, um wieder zu genesen.

Elke Weiler, die Vorsitzende des Tübinger Gesamtelternbeirats, rechnet mit Protesten, „sollte der Ergänzungsbereich aus finanziellen Gründen gestrichen werden“. Er gehöre zum Ganztagsangebot: „Das kann einfach nicht sein.“

Aus dem Stuttgarter Kultusministerium war gestern Nachmittag anderes zu hören als aus dem Tübinger Regierungspräsidium. „Es stehen Mittel zur Verfügung“, sagte Ministeriumssprecher Thomas Hilsenbeck auf die Frage nach dem Stopp von Krankheitsvertretungen. Und was das Ministerium sage, gelte. Allerdings müssten die Schulen zunächst alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen. Auf die Frage, wie lange diese Mittel reichen werden, mochte der Sprecher keine Prognose geben.

Ein Gespräch soll die Widersprüche klären

Zwei Behörden, zwei Auskünfte: Dieser Widerspruch ließ sich gestern nicht auflösen. „Wir freuen uns über das, was das Kultusministerium sagt“, so Stefan Meißner vom Tübinger Regierungspräsidium. Es gebe bereits Wünsche von Schulen zur Einrichtung von Krankheitsvertretungen. Das RP werde mit dem Ministerium nächste Woche darüber sprechen.

23.01.2010 - 08:11 Uhr | geändert: 29.06.2011 - 14:57 Uhr
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